1. Ein Recht auf
Terrorismus?
Die vorliegende Arbeit „Chinesische und westliche
Auffassungen zum Terrorismus“ soll einen Überblick über die Auffassungen
dieser beiden Gesellschaften zum Begriff Terrorismus geben und versuchen
zu klären, wo die Grenzen für einen gerechtfertigten gewaltsamen
Widerstand liegen. Es erscheint lohnenswert, die Entwicklungsgeschichte
des Terrorismus, die Ideen zur Begrifflichkeit, sowie Erscheinungsformen
und Internet Medien, die eine Wertung zum Terrorismus treffen, näher zu
betrachten. Auf Unterschiede zwischen der westlichen und chinesischen
Gesellschaft, die zu unterschiedlichen Auffassungen führen könnten, oder
zu Zusammenhängen mit der Ideologie der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh)
kann hier nicht näher eingegangen werden.
Seit Menschen existieren, gibt es auch Gewalt. Im Laufe
der Geschichte ist Gewalt in sehr unterschiedlichen Formen aufgetreten
und auch der Terrorismus ist keine Erscheinung, die erst in den letzten
200 Jahren erfunden wurde. Die Israelische Bevölkerung hat bereits
Anschläge gegen die römischen Steuerbeamten und auch gegen Mitbürger
verübt, die sich der Herrschaft der Römer gebeugt hatten, um die Römern
zur Aufgabe des besetzten Landes zu bewegen.[1]
Und auch die Assasinen haben sich in der Zeit der Kreuzzüge unter in die
feindlichen Truppen gemischt, um dann deren Feldherren zu ermorden,
obwohl sie sich dessen bewusst waren, dass sie sogleich hingerichtet
wurden. Die Vorstellung bei einem solchem Attentat zu sterben und die
Gewähr zu haben, umgehend in das Paradies einzuziehen, war sehr
verlockend.[2] War es das
Recht dieser Menschen auf gewaltsame Art und Weise Widerstand zu
leisten? Diese Frage ist eine der zentralen Fragen des Terrorismus, auf
die ich in dieser Arbeit eine Antwort zu finden versuche.
Die Antwort ist sicher abhängig von der Seite, von der
aus man dieses Problem betrachtet. Israel und Palästina haben dazu sehr
gegensätzliche Auffassungen. Wer bei den einen als Terrorist eingestuft
wird, gilt bei den anderen als Freiheitskämpfer. Der Begriff wird auf
viele Täter angewendet, unabhängig davon, ob der Akteur
regierungsfeindlicher Dissident oder die Regierung selbst ist.[3]
Dies ist auch ein Grund, warum es keine allgemeingültige Definition des
Terrorismus gibt, wie wir später noch sehen werden. Wie komplex dieses
Problem ist, erkennt man unter anderem an der großen Zahl von
Terrorismusdefinitionen, deren Aufzählung allein mehrere hundert Seiten
umfassen würde.
Ebenso interessant ist es, einen Blick darauf zu werfen,
nach welchen Kriterien die Anwendung von Gewalt als Terrorismus
bezeichnet wird. Angesichts der hohen Zahl von Todesstrafen in der VR
China könnte man darüber nachdenken, ob die chinesische Regierung einen
Staatsterrorismus betreibt. Die Verbreitung von Angst und Schrecken ist
ein Teil der Strategie von Staaten, um Verbrechen durch Abschreckung zu
verhindern. Nur weil die Anwendung von Gewalt in diesem Fall von einer
staatlichen Institution ausgeht, ist sie deshalb gerechtfertigt?
Die Anwendung von Gewalt ist ein häufig verwendetes
Mittel, Konflikte auszutragen. Beispiele sind Kriege zwischen Staaten,
Revolutionen, Stellvertreterkriege, Terrorismus…Und auch der Terrorismus
selbst weist keine Homogenität auf. Die verschiedenen Formen des
Terrorismus werden später diskutiert werden. Man bezeichnet auch nicht
alle politischen Gewalttaten als Terrorismus, sondern nur solche, die
sich gegen ein legitimes Regime richten. Freiheitskämpfer hingegen
kämpfen gegen ein illegitimes Regime. Somit ist der Begriff ein
Werturteil. [4] Auch über die
Legitimität des Terrorismus herrscht Uneinigkeit. Viele Länder erlangten
die Unabhängigkeit von den Kolonialmächten mithilfe des Terrorismus,
z.B. Zypern, Israel, Kenia oder Algerien. Es ist unter Umständen die
einzige Möglichkeit zum Sturz einer Diktatur. Den versuchten Anschlag
auf Hitler würde man auch nicht als Terrorismus bezeichnen.[5]
Folglich scheint unter Umständen die Anwendung von Gewalt gerechtfertigt
zu sein. Auf die Frage, ob damit auch der Terrorismus in irgendeiner
Erscheinungsform als gerechtfertigt angesehen werden kann, werde ich am
Ende dieser Arbeit zurückkehren.
2.
Chinesische und westliche Auffassungen zum Terrorismus
Der Begriff Terrorismus ist in den westlichen Ländern
entstanden und wurde von China ´importiert´. Dennoch gibt es
unterschiedliche Auffassungen zu dem Begriff, die ich im Folgenden
aufzeigen möchte.
2.1
Westliche Auffassungen zum Terrorismus
Die überwiegende Zahl der verwendeten Literatur in diesem
Teil der Arbeit ist in deutscher Sprache geschrieben, beinhaltet jedoch
auch Ideen anderer westlicher Staaten. Dennoch ist anzumerken, dass
diese Arbeit viele Elemente enthält, die Deutschland als Teil des
Westens, stellvertretend für westliche Auffassungen, eine wichtige
Rolle zuordnen.
2.1.1.
Die Geschichte des Terrorismus
Um eine gewisse Vorstellung zu bekommen, was Terrorismus
sein könnte, ist es sinnvoll einen Überblick über die historische
Entwicklung des Terrorismus zu geben:
Der Terrorismus hat sich im Laufe der Zeit ständig
fortentwickelt. Dies erkennt man an folgenden Zitaten von Maximilian
Robespierre: „Tugend, ohne die der Terror ein Übel ist; Terror, ohne den
die Tugend hilflos ist…Terror ist nichts anderes als Gerechtigkeit,
sofortige, unnachsichtige und unbeugsame Gerechtigkeit, er stellt daher
eine Ausdrucksform der Tugend dar,“
[6] Gerhard Schröder (2001):
„Die Menschenrechte sind die große Errungenschaft und das Erbe der
Europäischen Aufklärung. Diese Werte der Menschenwürde, der
freiheitlichen Demokratie und der Toleranz sind unsere große Stärke im
Kampf gegen den Terrorismus. Sie sind das, was unsere Völker- und
Staatengemeinschaft zusammenhält, und sie sind das, was die Terroristen
zerstören wollen.“[7] Wie kam
es also zu solch unterschiedlichen Auffassungen zum Terrorismus?
Die historischen Wurzeln des Begriffs Terrorismus reichen
in das 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit wurde ein System geschaffen, das
man „regime de la terreur“ nannte (Französische Revolution). Ziel dieses
Systems war die Durchsetzung von Ordnung und Herrschaftsansprüchen und
war somit ein Instrument der Regierenden. Man wollte dadurch
konterrevolutionäre Bestrebungen unterbinden, potentielle Gegner
fernhalten und richtete diese Volksfeinde sogar hin. Somit war der
Begriff damals mit Idealen wie Tugend und Demokratie eng verbunden. Für
Maximilian Robespierre war Terror somit „eine Ausdrucksform der Tugend.“[8]
Der Terrorismus erlangte in Form des „traditional
terrorism“ erneut an Bedeutung im ausgehenden 19. Jahrhundert.
[9] Eine der bedeutendsten
Terrorgruppen im 19. Jahrhundert war die Narodnaja Voljia im
zaristischen Russland. Ihre Anhänger waren überwiegend Studenten aus den
Eliteuniversitäten Russlands. Man war sich einig, dass man zur
Bekämpfung des autoritären Regimes nicht auf die Anwendung von Gewalt
verzichten konnte. Im Gegensatz dazu wäre in einem demokratischen Regime
in einer solchen Situation die Anwendung von Gewalt abzulehnen. Das
politische Ziel versuchte man zu erreichen, indem man Anschläge auf
wichtige Personen im Herrschaftsgefüge verübte, um möglichst wenig
unschuldiges Blut zu vergießen. Prominente Opfer waren: Der Zar
Alexander II, die US Präsidenten Garfield und McKinley, der französische
Präsident Carnot, die österreichische Kaiserin Elisabeth…[10]
Die Tötung des österreichischen Erzherzogs Franz
Ferdinand (1914), Auslöser des ersten Weltkrieges, war ein
Terroranschlag. Auch wenn die Hintergründe dieses Attentats nicht
vollständig geklärt wurden, bringt man den Terrorismus im 20.Jhd mit
einer Unterstützung des Terrorismus durch eine (fremde) Regierung in
Verbindung.[11]
Im Verlauf des zweiten Weltkriegs gewann der Terrorismus
als Machtinstrument zur Unterdrückung des Volkes abermals an Bedeutung.
Angst und Schrecken nutzten die Herrschenden, um ihre Autorität zu
stärken und ihre Ziele durchzusetzen.[12]
Mit Ausklang des Kolonialzeitalters erlangte der
Terrorismus in Gestalt des Kampfes der Schwachen gegen die Starken
wieder an Bedeutung. Ein Beispiel ist das Nachkriegspalästina: Arabische
Einwohner organisierten Aufstände gegen jüdische Siedler und die
britische Kolonialmacht. Als Reaktion darauf führten jüdische Siedler
Terroraktionen sowohl gegen die Aufständischen, als auch die britischen
Kolonialherren durch. Großbritannien reagierte repressiv, konnte den
Konflikt jedoch nicht entschärfen und zog sich schließlich aus Palästina
zurück. Die Strategie war erfolgreich und es wurde der Staat Israel
gegründet.[13]
Ende der 60er Jahre kam in Europa ein Terrorismus auf,
der von linksgerichteten Studenten getragen wurde. Zur Untermauerung der
Kritik am kapitalistischen System und der bestehenden
Gesellschaftsordnung legitimierte man den Einsatz von Gewalt. Eine große
Koalition sorgte für eine schwache parlamentarische Opposition und
stärkte die außerparlamentarischen Kräfte. Die „Baader-Meinhof-Gruppe“
hatte nicht nur das Ziel das System der Bundesrepublik Deutschland zu
stürzen, sondern wollte auch die Unterdrückung der 3. Weltländer durch
das „faschistisch-imperialistische“ Deutschland beenden. Hier findet man
das erste Mal eine internationale Ausrichtung der Ziele.[14]
Der Terrorismus bekam einen internationalen Charakter,
als 1968 eine palästinensische Terrorgruppe ein Flugzeug entführte, um
inhaftierte Gesinnungsgenossen aus Gefängnissen freizupressen. Mit der
PLO (Palestine Liberation Organization) als Dachorganisation gelang es,
das Interesse der Weltöffentlichkeit für diesen Konflikt zu wecken. Die
Geiselnahme und Ermordung von elf israelischen Athleten bei den
olympischen Spielen 1972 schockierte Menschen in der ganzen Welt;
standen die olympischen Spiele doch für eine unpolitische Veranstaltung,
ein Symbol für die friedliche Zusammenkunft der Völker zum sportlichen
Wettstreit. Die Forderung der Entführer war nicht nur die Freilassung
von 236 Palästinensern, sondern auch fünf RAF (Rote Arme Fraktion)
Inhaftierten und zeigte damit die internationale Verbundenheit von
Terrororganisationen. Obwohl die Aktion an sich nicht erfolgreich war,
war sie in den Augen der PLO Führung ein voller Erfolg, da man die
Weltöffentlichkeit medienwirksam erreichte. Dies zeigte sich auch in
einem Anstieg rekrutierungswilliger Palästinenser und dem Zuerkennen des
Beobachterstatus Palästinas in der UN Vollversammlung. Die PLO erlangte
für Terrorgruppen aus der ganzen Welt einen Vorbildcharakter und bildete
Terroristen z.B. in Jordanien aus. Sie arbeitete auch eng mit Netzwerken
in anderen Ländern zusammen. Die Aktion bei den olympischen Spielen oder
die Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“ waren eine
Zusammenarbeit von PLO und RAF. Die PLO hatte bis Anfang der 80er Jahre
Verbindungen zu über 40 verschiedenen Terrororganisationen aus Asien,
Afrika, Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten.[15]
Der gegenwärtige Terrorismus ist sehr stark von der
Organisation Al Qaida geprägt. Diese Gruppe werde ich im dritten
Abschnitt bei den Erscheinungsformen des Terrorismus näher erläutern und
weitere Beispiele des Terrorismus geben.
2.1.2.
Terrorismusdefinitionen
Vorerst lohnt jedoch ein Blick auf die Versuche,
Terrorismus zu definieren. Der Begriff Terrorismus lässt sich genauso
wenig wie Kommunismus, Demokratie oder Nationalismus eindeutig
definieren. Die Interpretationen dieses Begriffs sind hingegen besonders
zahlreich. Dies liegt nicht nur daran, dass sich der Terrorismus in
seiner Erscheinungsform in den Jahren ständig verändert und
weiterentwickelt hat, sondern auch daran, dass es keine einheitlichen
Kriterien gibt. Viele Versuche einer Definition sind zu allgemein und
schließen Ereignisse mit ein, die offensichtlich keinen Terrorismus
darstellen, oder sie sind zu eng gefasst und schließen Terrorakte aus
(z.B. Staatsterror)[16]
Terroristische Gruppen selbst tendieren dazu, sich als Freiheitskämpfer
oder Selbstverteidigungsbewegungen zu bezeichnen, dies ist jedoch unter
anderem im medialen Kontext zu sehen, da diese Begriffe positiv belegt
sind und eine entsprechende Außenwirkung haben. Ein weiterer Grund,
warum sich Terroristen nicht als solche sehen, ist, dass der Begriff
negativ behaftet ist, die Terroristen ihre Aktionen hingegen als
gerechtfertigt einstufen. Die Terroristen sehen sich als Opfer, denen
die Anwendung von Gewalt als logische Konsequenz erscheint.[17]
Im Folgenden nun einige Definitionen:
Die Definition des US-State Department: “Vorsätzliche,
politisch motivierte Gewalt, verübt gegen zivile Ziele durch
substaatliche Gruppen oder geheime Agenten, gewöhnlich in der Absicht,
ein Publikum zu beeinflussen“[18]
Definition des Federal Bureau of Investigations:
„gesetzeswidriger Gebrauch von Zwang oder Gewalt gegen Personen oder
Eigentum zur Einschüchterung oder zur Nötigung einer Regierung, der
Zivilbevölkerung oder irgendeines Teiles davon zur Förderung bestimmter
politischer oder gesellschaftlicher Ziele“18
Definition des US-Verteidigungsministeriums:
„gesetzeswidriger- oder angedrohter- Gebrauch von Zwang oder Gewalt
gegen Personen oder Eigentum, um Regierungen oder Gesellschaften zu
nötigen oder einzuschüchtern, oftmals um politische, religiöse oder
ideologische Ziele zu erreichen“18
Man erkennt, dass selbst innerhalb eines Staates dessen
Institutionen den Terrorismus unterschiedlich definieren. All diese
Definitionen durch staatliche Einrichtungen sind aus Sicht Adams, der
die Terrorismus-Definitionen von CIA (Central Intelligence Agency) und
US-Außenministerium von 1980 untersucht hat „von politischen Erwägungen
inspiriert“[19] und tragen
nicht zu einem tieferen Verständnis des Terrorismusbegriffs bei. Wenn
man Auffassungen zum Begriff Terrorismus in den westlichen Ländern
betrachtet, muss man sich bewusst sein, dass diese Definitionen stark
durch die Definitionen der Regierungen dieser Länder geprägt sind und
somit mit den politischen Zielen dieser Regierungen in einem engen
Zusammenhang stehen. Das Bundesjustizministerium oder das Auswärtige Amt
in Deutschland definieren Terrorismus nicht direkt, sondern lediglich
terroristische Straftaten. Diese Definitionen sind jedoch so ungenau,
dass auch hier viele Straftaten in diese Definitionen passen würden, die
nicht von Terroristen verübt wurden.18 Die Macht der Regierungen,
Terrorismus zu definieren, kann ferner dazu führen, Gewalthandlungen
terroristische Charakterzüge zuzuweisen. In diesem Zusammenhang hat die
Definition von Terrorismus durch Regierungen immer einen politischen
Hintergrund, der darauf abzielt, einen politischen Gegner dieser Form
des Widerstands zuzuordnen und ihm die Legitimität abzusprechen.[20]
Terrorismus als politischer Begriff dient Regierungen als Rechtfertigung
für ihr Vorgehen gegen Regimegegner. Kurz nach den Attentaten vom 11.
September begründete die russische Regierung ihr Vorgehen in
Tschetschenien mit der Bekämpfung des Terrorismus in dieser Region. Auch
die CIA unternahm in der Vergangenheit mehrere Versuche Kubas Staatschef
Fidel Castro zu ermorden. Und sie finanzierte Terrorgruppen wie die
Mudjaheddin in Afghanistan oder die Contras, die in Nicaragua zahlreiche
Massaker an der Zivilbevölkerung verübten. Auf diese Weise hat sogar die
CIA den Terrorismus gefördert und sich selbst schuldig gemacht.[21]
Durch die Bezeichnung von Personen als Terroristen erfolgt im gleichen
Zug eine Wertung, die ihnen die Legitimität abspricht. Wenn man
erfolgreich die Bezeichnung Terrorismus auf Gruppen zur Verbreitung
gebracht hat, dann bedeutet dies auch, dass man andere dazu gebracht
hat, diese negative Wertung zu übernehmen und diese Personen als
Terroristen zu betrachten.20 Dies gilt auch in umgekehrter Richtung, da
es Ziel der Terroristen ist, ihre negative Sichtweise von Regierungen in
der Bevölkerung zu verbreiten. Terrorismus dient in der politischen
Praxis als Rechtfertigung für Militärschläge, z.B. in Afghanistan im
Jahre 2001. Auch wird damit begründet, dass man zum Beispiel Taliban-
und al-Qaida-Kämpfer festhält, ohne ihnen irgendwelche Rechte, wie z.B.
für Kriegsgefangene, zuzugestehen.
[22]
Eine Definition von Peter Waldmann: „Terrorismus sind
planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine
politische Ordnung aus dem Untergrund. Sie sollen Unsicherheit und
Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft
erzeugen“[23]Terrorismus
hat hier die Wesenszüge einer Kampfmethode. Waldmann trennt diesen
Begriff vom Terror durch Staaten, beschreibt dessen Ziele, aber nennt
nicht das politische Ziel, das Terrorismus fast immer verfolgt. Die
Opfer sind zufällig ausgewählt und können nicht nur Personen sein, die
sich mit der angegriffenen politischen Ordnung identifizieren, sondern
auch alle anderen. Man versucht nicht nur den mächtigen Gegner zu
provozieren, sondern auch die eigenen Mitglieder zusammenzuhalten. Wenn
der Mächtigere überreagiert, ist das Ziel der Terroristen erreicht und
sie können daraus ihren Nutzen ziehen.[24]
Hoffmann definiert Terrorismus wie folgt: „Wir können
daher Terrorismus nun versuchsweise als bewusste Erzeugung und
Ausbeutung von Angst durch Gewalt oder die Drohung mit Gewalt zum Zweck
der Erreichung politischer Veränderungen definieren.“ Nach Meinung von
Torsten Beermann werden damit einige Merkmale des Terrorismus
aufgeführt, aber zum einen würden die Ziele auch hier nicht umfassend
beschrieben und zum anderen sei diese Definition so allgemein
formuliert, dass man auch Streiks oder Hausbestzungen zu Terrorismus
zählen könnte.[25] Es ist
offensichtlich schwierig, Kriterien zu finden, die allgemein akzeptiert
werden. In vielen Definitionen wird darauf hingewiesen, dass Terrorismus
illegitim sei. Dies führt jedoch dazu, dass Formen politischer Gewalt,
die als legitim eingeschätzt werden, nicht unter diese Definitionen
fallen.[26]
Je konkreter man den Begriff Terrorismus definieren will,
desto weniger lassen sich Tatbestände dieser Definition zuordnen.[27]
An dieser Stelle ist es hilfreich, den Begriff Terrorismus von anderen
Begriffen abzugrenzen, sofern dies möglich ist.
Der Begriff Terror schließt staatlichen und
nichtstaatlichen Terror mit ein, auch wenn der Begriff im Deutschen
normalerweise den Terror gegen den Staat beschreibt. Tritt der Staat als
„Terrorist“ auf, wie z.B. beim Naziterror oder in der stalinistischen
Sowjetunion, sind die Opferzahlen sehr viel höher als bei irgendeiner
Kampagne einer im Untergrund agierenden Organisation. Der Staat hat
sowohl die mächtigeren Mittel, als auch kein Risiko, entdeckt zu werden.
Ferner ist der totalitäre Staat nicht auf die Unterstützung im Volk
angewiesen, während Terrorgruppen auf eine breite Unterstützung im Volk
hinzielen. Und schließlich spielt die Verbreitung der Taten durch die
Medien für Terrorgruppen eine wichtigere Rolle.[28]
Auch der Guerillakampf zeigt einige Gemeinsamkeiten mit dem
Terrorismus. Attentate, Entführungen, Bombenanschläge und Geiselnahmen
sind Strategien, die von beiden verfolgt werden. Die Guerillakämpfer
verfügen jedoch über eine größere militärische Truppe und oftmals auch
ein eigenes Territorium, das verteidigt wird und nach Möglichkeiten
ausgeweitet wird. Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass der Begriff
Guerilla weitaus positiver interpretiert wird.[29]
Zur Unterscheidung zwischen Terrorismus und Krieg sei
anzumerken, dass nur Staaten einen Krieg erklären können. Substaatliche
Kriege sind in der UN Charta in Fällen wie der Befreiungsbewegung in den
ehemaligen Kolonialstaaten als legitim eingestuft worden. Hierzu zählt
auch der Guerillakampf, der auf einen militärischen Sieg und nicht auf
die Verbreitung von Angst und Schrecken zielt. Diese Legitimität kann
hingegen dem Terrorismus nicht zugestanden werden, da dieser auch die
internationalen Übereinkommen für den Kriegsfall missachtet. Darunter
fallen Vereinbarungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen, das Verbot
der Geiselnahme von Zivilisten oder die Anerkennung der Rechte von
Bürgern neutraler Staaten.[30]
Auch in deutschen Printmedien ist kein einheitlicher
Begriff verwendet worden. Eine Untersuchung Beermanns zeigt Tendenzen
den Begriff Terrorismus mit Elementen wie der Herkunft des Täters, der
Legitimität des Staates, gegen den sich die Anschläge richten und der
Einschätzung der Tat durch den Autor als legitim einzuschätzen. So
kommen Terroristen meistens aus Nicht-Westlichen Ländern. Wird einem
Staat keine Legitimität zugesprochen, dann ist auch selten von
Terrorakten dir Rede. Ebenso werden Taten von staatlichen Gruppen und
von Mitgliedern staatlicher Organisationen nicht als Terrorismus
eingestuft. Die einheitliche Verwendung des Begriffs in verschiedenen
Printmedien lässt vermuten, dass es Kriterien gibt, nach denen bestimmte
Gruppen als Terrorgruppen eingestuft werden, diese Kriterien aber nicht
offensichtlich sind. Das heißt, bestimmte Gruppen werden durchgängig als
Terrorgruppen genannt, aber vergleichbare Taten nicht einheitlich
gewertet.[31] Folglich ist
zu erwarten, dass auch in der Öffentlichkeit keine homogene Einschätzung
vergleichbarer Gewalttaten zu erwarten ist. Die Verwendung des Begriffs
in den deutschen Printmedien hat einen großen Einfluss auf die
Meinungsbildung der Bevölkerung bezüglich des Begriffs Terrorismus und
wird somit, wenn auch unfreiwillig, als Instrument sowohl für die
Terroristen als auch für die Regierungen, die Regimegegner bekämpfen
wollen. In manchen Medien wird anstelle des Begriffs Terrorist ein
anderes Wort, nämlich Militante, Aktivisten oder Freiheitskämpfer, in
der Berichterstattung verwendet, weil auf diese Weise die
Nachrichtenagenturen die Terroristen in diesen Regionen nicht verärgern
und ihre Korrespondenten in diesen Gebieten nicht in Gefahr bringen
wollen.[32]
Die Definition von Terrorismus ist jedoch wichtig für die
Verbrechensbekämpfung, nämlich der Strafverfolgung von Terroristen.
Allerdings auch nur dann, wenn bereits lediglich die Mitgliedschaft in
einer Terrorgruppe strafbar ist, denn ansonsten würden die Terroristen
für die von ihnen verübten Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden.31
Eine scharfe Trennung zwischen Kriminalität und Terrorismus ist oft auch
deshalb nicht möglich, weil Terrorgruppen sich krimineller
Einnahmequellen bedienen, um ihre Anschläge zu finanzieren. Als Beispiel
gelten die Taliban, die durch den Rauschgifthandel Waffen kaufen
konnten. Trotz ideologischer Konflikte erlaubte man den Handel mit
Drogen, da dies der Sache diente.[33]
Schließlich ist Terrorismus oft nur ein Element eines
Konflikts, das nicht leicht von anderem Konfliktformen zu trennen ist.[34]
2.1.3. Erscheinungsformen des Terrorismus
Es gibt eine Reihe von Versuchen, Terrorismus in
verschiedenen Formen zu kategorisieren, wie zum Beispiel internationaler
Terrorismus, religiöser Terrorismus, staatlicher Terrorismus und
Terrorismus einzelner und von Gruppen. Aber auch hier ist eine exakte
Trennung und Einteilung nicht möglich. Da zu dem Verhältnis zwischen
Staat und Terror im vorhergehenden Abschnitt bereits einiges gesagt
wurde und in der Literatur staatliche Gewalt oft als Terror, jedoch
nicht als Terrorismus bezeichnet wird, möchte ich in diesem Teil
Beispiele eines Terrorismus zeigen, der derzeit weltweit am weitesten
verbreitet ist: Der internationale Terrorismus, er trägt die Elemente
eines religiösen Terrorismus.
Beim religiösen Terrorismus dient Religion
terroristischen Organisationen als integrierender Faktor, im Schwerpunkt
aber nicht als ausschlaggebende Motivation. Beispiele sind die IRA oder
die jüdische Irgun. Kennzeichnend für diese Art von religiösem
Terrorismus sind die unglaubliche Bereitschaft zur Selbstaufopferung und
eine gewaltige Motivationskraft für die Anwendung von Gewalt. Hier
verbinden sich religiöse und politische Ziele. Es werden sogar
„Verräter“ aus den eigenen Reihen erbarmungslos verfolgt und auch
religiöse Tabus gebrochen.[35]
Anfang der 80er gründeten sich vermehrt
Terrororganisationen und religiös motivierte Gruppierungen. Anfang der
90er gab es schon weltweit elf verschiedene Gruppen, in denen alle
großen Religionen vertreten waren. Beispiele sind die
Weltuntergangssekte Aum, die einen Giftgasanschlag auf die U-Bahn in
Tokio 1995 verübte oder der Bombenanschlag in Oklahoma City, durch den
Timothy McVeigh (Anhänger der Christlichen Patrioten) eine nationale
Revolution auslösen wollte. Die Anschläge von Terroristen mit
islamischen Hintergrund waren am häufigsten und schwerwiegendsten. 1997
wurden in Ägypten 85 ausländische Touristen von einer radikal
islamischen Gruppierung ermordet.[36]
Besonders im Islam gab es immer wieder
fundamentalistische Bewegungen, die versuchten ihn anders zu
interpretieren und dann eine „wahre“ Gemeinschaft des Islam gründeten.
Für diese Gruppen charakteristisch ist eine extrem antiklerikale
Haltung, eine Übertragung der Verantwortung für das richtige
Glaubensverständnis auf die Gemeinde der Gläubigen und eine Orientierung
ihres politischen und sonstigen Handelns an der Territorialstaatlichkeit
der Gesellschaft. Es gab seit Beginn des 20. Jahrhunderts einige
islamische Organisationen, die sich für die Wohlfahrt eines Landes
einsetzten, aber viele veränderten sich in Organisationen mit militanter
und fundamentalistischer Ausrichtung. Oberstes Ziel ist die Befreiung
aller muslimischen Nationen und die Vereinigung aller Araber zu einem
Staat oder Staatengemeinschaft.[37]
Darauf aufbauend entstand die Theorie des „jihad“ (Heiliger Krieg).
Demnach versucht man eine Durchdringung der islamischen Gesellschaft
durch ungezügelten Individualismus, Atheismus, Unmoralität und den
Einfluss des westlichen Wertesystems aufzuhalten und zu bekämpfen. Dies
rechtfertigt den Kampf gegen westliche Nationen, wie auch gegen eine
Herrschaft, die nur scheinbar muslimisch ist.36 Der Islamismus ist eine
politische Bewegung mit totalitären Ansätzen.[38]
Er bietet damit für alle Lebensbereiche Lösungen und Verhaltensregeln
an. Ziel ist keine Modernisierung des Islams, sondern eine Islamisierung
der Moderne. Diese Idee dient vielen heutigen Terrororganisationen als
Fundament.[39]
Der Terrorismus hat sich zu einem globalen Phänomen
entwickelt und tritt in Form eines internationalen Terrorismus am
häufigsten in Erscheinung. Die Al-Qaeda Organisation ist eine besondere
Form von Terrororganisation und bildet die Grundlage im Zusammenhang mit
ihr von einem neuen Terrorismus zu sprechen. Sie umfasst ein Herzstück,
terroristische Schläferzellen weltweit, einen Zusammenschluss
verschiedenster islamistischer Parteien und einige, größtenteils
unabhängige, terroristische Gruppen. Auch die Festnahmen und Maßnahmen
nach dem 11. September konnten nicht erreichen, dass diese Organisation
zerschlagen wurde. Dies zeigt ihre enorme Anpassungsfähigkeit und die
unglaubliche Fähigkeit zur Regeneration. Sie entstand im Jahre 1988 mit
finanzieller Unterstützung der USA, Europa und Saudi Arabien. Osama Bin
Laden baute die Organisation auf, um in Afghanistan gegen die Rote Armee
in den Kampf zu ziehen. Schon früh hatte er Kontakte zu anderen
terroristischen Gruppierungen aufgebaut und verbreitete nicht nur in
Staaten, die seiner Ansicht von „falschen“ Moslems regiert wurden, Angst
und Schrecken, sondern unterstütze den Befreiungskampf von Ländern (z.B.
Lybien), die von „Nicht-Moslems“ unterdrückt wurden.[40]
Osama Bin Laden gibt in periodischen Abständen Schriften
und Reden heraus, um die Mitglieder der Al Qaeda auf seine Linie der
Ideologie einzuschwören. Das Herzstück besteht aus Mitgliedern einer
losen Koalition, die bei Bedarf miteinander verschmelzen und sowohl
ideologisch, finanziell oder technisch miteinander kooperieren können.
Seit 1998 ist der Kern in folgende vier Bereiche aufgeteilt:
Strategische und taktische Einrichtung, Koordination des globalen
Terroristennetzwerkes, Einrichtung zur Ausbildung von Guerillakämpfern
und eine lose Koalition von unabhängigen Guerilla- und Terrorgruppen.
Personell ist Osama Bin Laden an der Spitze der Organisation, darunter
gibt es einen Beraterstab und eine Ebene darunter die vier
operationellen Komitees Militär, Finanzen und Handel, islamische Schulen
sowie Medien und Öffentlichkeitsarbeit.[41]
Die globale Ausrichtung dieser netzwerkartigen Organisation, die
Zusammenarbeit mit Terrorgruppen anderer Länder und die Durchführung von
Anschlägen weltweit machen Al Qaeda zu einem Musterbeispiel für den
internationalen Terrorismus.
Die Entstehungsgeschichte des Terrorismus, die
Ausführungen zu dem Begriff Terrorismus und die Beispiele im letzten
Abschnitt geben einen tieferen Einblick in die Komplexität des Begriffs
Terrorismus. Auch wenn Terrorismus nicht einheitlich betrachtet werden
kann, kann man eine Vorstellung davon bekommen, was Terrorismus ist.
Vielleicht sind die chinesischen Quellen hilfreich, eine Antwort auf die
am Anfang gestellte Frage zu finden, wo die Grenzen zwischen einem
gerechtfertigten gewaltsamen Widerstand und Terrorismus sind.
2.2 Chinesische Auffassungen zum Terrorismus
Der Terrorismus beschäftigt die Menschen weltweit. Da
jedes Land eigene individuelle Erfahrungen mit politischer Gewalt
gemacht hat, ist zu erwarten, dass auch die Meinungen zu dem Thema
Terrorismus unterschiedlich ausfallen, insbesondere bei Gesellschaften
wie China und den westlichen Gesellschaften. Während die Ordnung in den
westlichen Staaten demokratisch ist, ist die Macht in China auf eine
Partei konzentriert. Die Quellen im zweiten Teil „Chinesische
Auffassungen zum Terrorismus sind (fast) alle dem Internet entnommen. Da
in China Artikel auch im Internet einer Zensur unterliegen[42],
wird man wenig offene Kritik am politischen System oder an der
Kommunistischen Partei Chinas lesen können. Auch in den Online-Beiträgen
aus Taiwan findet man interessante Beiträge, die jedoch stellenweise in
ihrer Kritik an der KPCh übertrieben sind.
2.2.1. Der
Terrorismusbegriff in den Online Medien
Betrachtet man den Terrorismusbegriff in den chinesischen
Online Medien, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass der
Begriff Terrorismus vom Westen übernommen wurde und in der Vergangenheit
in China nicht existierte. Das Wort 恐怖 bedeutet zwar Angst und
Schrecken, der Begriff Terrorismus, der durch das Wort 恐怖主义
wiedergegeben wird, wird jedoch erst seit Ende des letzten Jahrhunderts
verwendet. Im Februar 2003 verwendete die chinesische Regierung das
erste Mal den Begriff Terrorismus, um Personen zu verurteilen und
einzusperren.[43]
Die chinesischen Autoren sind sich dieser Umstände
vermutlich bewusst und verweisen deshalb auf Definitionen aus westlichen
Ländern. So werden die zwölf Vereinbarungen der Vereinten Nationen über
den Terrorismus, die Definition der Enzyklopädie Großbritanniens oder
des Amerikanischen Verteidigungsministeriums genannt. Um gegen den
Terrorismus vorgehen zu können, müssen die Staaten eine Definition
formulieren. Die Vereinten Nationen können jedoch Terrorismus nicht
definieren, da die Attentäter in einem Land als Terroristen bezeichnet
werden, in einem anderen Land hingegen als Freiheitskämpfer gelten.[44]
Auch diese Aussage deckt sich mit den Ergebnissen im Abschnitt über
westliche Definitionen von Terrorismus. Terrorismus können sich jede Art
politischer Organisationen, ethnische Gruppierungen, religiöse
Fanatiker, Revolutionäre, solche, die sich für Gerechtigkeit einsetzen,
das Militär und Polizei zu Nutze machen. Auch dies deckt sich mit den
Definitionen aus dem Westen, aber die Einschränkung, die von einigen
westlichen Autoren gegeben wird, dass staatliche Gewalt als Terror und
nicht als Terrorismus eingeordnet wird, wurde in den meisten
chinesischen Quellen nicht beachtet.[45]
Darüber hinaus beschäftigen sich auch die chinesischen
Wissenschaftler mit dem Begriff Terrorismus und haben eigene
Definitionen formuliert. Li Shaojun, vom Institut für chinesische
Gesellschaftswissenschaften, der im Bereich Welt, Wirtschaft und Politik
forscht, sagt: „Terrorismus ist die organisierte Form der Anwendung von
Gewalt oder die Androhung von Gewalt von bewaffneten gegen unbewaffnete
Personen, basierend auf politischen Zielen. Man verfolgt mit dem Terror
ein bestimmtes Ziel, um etwas zu erzwingen, das man mit anderen Mitteln
nicht erreichen kann.[46]
Diese Definition betont den Kern des Terrorismus, die Planung und
Zielsetzung mit der Anwendung von Gewalt und den Versuch, mit
Terrorismus eine psychologische Wirkung zu erzielen. Die Forscherin Li
dongyan, die im Bereich Welt, Wirtschaft und Politik forscht, zeigt die
Komplexität und die Relativität der Definition des Terrorismus: Die
Menschen haben unterschiedliche Definitionen zum Terrorismus. Sie
beinhalten Unterschiede zwischen politischen Attentaten und kriminellen
Taten, Unterschiede von Regierungen, die ausländische Regime sind, der
Befreiung einer Nation durch den Kampf, der Anwendung von Gewalt und
zwischen Terrorismus.
Es gibt auch eine offizielle Definition der chinesischen
Regierung: Terrorismus ist die Anwendung von Gewalt oder Bedrohungen von
Personen, Gruppen oder Staaten mittels einer Strategie, die Verletzung
oder Ermordung von Unschuldigen und die Verbreitung von Angst und
Schrecken, um bestimmte politische Ziele zu erreichen. Die Autorin
Chengxue äußert sich folgendermaßen: Der Terrorismus hat erstens ein
politisches Ziel, zweitens eine Strategie der Anwendung von Gewalt und
drittens schafft er eine Atmosphäre von Angst und Schrecken.[47]
Die hier genannten Elemente stimmen mit denen in westlichen Definitionen
überein. Dies sind die Anwendung oder Androhung von Gewalt, gerichtet
gegen einzelne, Gruppen oder Staaten, mit dem Ziel politische
Forderungen durchzusetzen. Dennoch gibt es Unterschiede. So sei das
größte Problem vieler westlicher Definitionen, dass sie ihre
Aufmerksamkeit nur auf das Phänomen der Gewalt selbst richten, besonders
in den verschiedenen Formen einzelner Vergeltungsaktionen gegen
entwickelte Länder und untersuchen selten den tiefer liegenden Ursprung
der Erscheinungen des Terrorismus. Zum Beispiel übersehen sie ihren
kulturellen und religiösen Bedeutungsinhalt und die durch das bestehende
internationale System hervorgebrachte gegensätzliche geistige
Verfassung. Dadurch würden sie den historischen Einblick in den
Terrorismus aufgeben. Schließlich heißt es, dass die Definitionen nicht
abgeschlossen sind, Vorurteile beinhalten und oft besondere Interessen
und Wertvorstellungen mit hinein mischen würden.[48]
Wie wir wissen, sind viele bereits genannte Definitionen von westlichen
Staaten formuliert worden, um Terrorismus bekämpfen zu können. Insofern
basieren diese Definitionen auf Wertvorstellungen westlicher
Gesellschaften. Die Definitionen der bereits genannten Institutionen der
USA lassen die Möglichkeit offen, dass Terrorismus, entgegen der Aussage
der soeben genannten Quelle, auch in Entwicklungsländern stattfinden
kann.[49] Dem religiösen
Bedeutungsinhalt in Literatur aus dem Westen wird durch die zahlreichen
Definitionen von religiösem Terrorismus umfassend Rechnung getragen. Zum
Beispiel beschäftigt sich W. Schluchter in seinem Buch
„Fundamentalismus, Terrorismus, Krieg“ umfassend mit dem Islamismus als
Ursache für den Terrorismus.
Am häufigsten wird in chinesischen Texten der Terrorismus
als ein Kampf von Personen mit geringer politischer Macht gegen solche
mit politischer Macht beschrieben. Dieser Punkt ist für die Untersuchung
von möglichen Ursachen für den Terrorismus hilfreich, jedoch ist er bei
der Formulierung einer Definition von nachrangiger Bedeutung, denn als
Kriterium ist auf diese Weise eine eindeutige Zuordnung von politischer
Gewalt zum Terrorismus nicht möglich. Dieser Aspekt der politischen
Macht ist auch kein Bestandteil der Definition der chinesischen
Regierung. Ferner ist anzumerken, dass oftmals auch Personen mit wenig
oder keiner politischen Macht, zum Beispiel einfache Bürger Ziel und
Opfer von Terroranschlägen sind und somit die soeben genannte Einteilung
unzutreffend wäre.
Die chinesischen Definitionen von Terrorismus stimmen
also größtenteils mit denen westlicher Gesellschaften überein. Man kann
auch erkennen, dass es nicht nur innerhalb der westlichen Gesellschaften
zu unterschiedlichen Interpretationen kommt, sondern es auch in China
keine einheitlichen Auffassungen zum Begriff gibt. Im nächsten Abschnitt
werde ich die verschiedenen Formen und Beispiele von Terrorismus in den
betrachteten Internet Texten vorstellen.
2.2.2. Beispiele
des Terrors
Ähnlich der Einteilung des Begriffs Terrorismus in
verschiedene Bereiche, unterscheidet man auch in China folgende
Kategorien: Zum einen gibt es den internationalen Terrorismus, dessen
Aktionsradius über die Grenzen eines Landes hinausgeht. Als Beispiel
wird hier das faschistische Nazi Deutschland genannt, das gleichzeitig
für den staatlichen Terrorismus steht. Hauptmerkmal des staatlichen
Terrorismus ist, dass Gewalt und Staatsmacht miteinander verbunden sind.
Ein weiteres Beispiel hierfür ist, wie bereits beschrieben, die Zeit der
französischen Revolution im Jahre 1783. Ferner gibt es den Terrorismus
von Gruppen, repräsentiert durch Banden, Gangster und Organisationen,
die terroristische Strategien verfolgen. Eine global operierende
Terrorgruppe ist Bin Ladens Al Qaeda. Schließlich gibt es noch den
Terrorismus einzelner, wobei der Akteur eine einzelne Person ist. Der
Anschlag im Jahre 2001 in Amerika, Oklahoma ist zum Beispiel ein
typischer Anschlag eines einzelnen.[50]
Der Anschlag mit Rattengift in Nanjing war hingegen eine Tat eines
einzelnen und wird nicht als Terrorismus bezeichnet.[51]
Es herrscht auch Einigkeit über Ereignisse, die im Westen
als Terroranschläge eingestuft werden. Eine Auswahl von Beispielen, wie
sie sich in vielen Texten beider Gesellschaften finden lassen, sind: Die
Anschläge vom 11. September 2001 in Amerika, das Nazi-Deutschland,
Stalins Herrschaft in der Sowjet Union, die Anschläge der Hamas in
Palästina, die Tigerrebellen in Sri Lanka, der Bombenanschlag in der
chinesischen Stadt shijiazhuang[52]
oder die Selbstmordanschläge in Palästina, die Geiselnahmen auf den
Philippinen, die Bombenanschläge auf US Botschaften und der Anschlag von
pakistanischen Extremisten auf das indische Parlament.[53]
Weitere Beispiele sind die Anschläge auf Touristen in
Ägypten, die Ermordung Gandhis und Irlands Nationalismusbewegung. Auch
das Beispiel des Guerillakriegs von Carlos Marighella in Argentinien sei
eine weitere Form des Terrorismus,[54]
aber anders als bei den vorhergehenden Beispielen sind die Opfer in
diesem Fall nicht gewöhnliche Zivilisten und die Guerillakämpfer werden
durch einen Großteil der Bevölkerung unterstützt. Dies ist bei
Terrorgruppen meistens nicht der Fall.
Und auch in China gibt es, wenn auch in wesentlich
geringerem Umfang, Terrorismus. Das erste Beispiel für Terrorismus in
China sei der Mordversuch am chinesischen Kaiser Qinshi huangdi durch
den Attentäter Jingke.[55]
Es erscheint mir jedoch fragwürdig, dies als einen Terrorakt zu
bezeichnen, denn der Attentäter Jingke kam aus dem Staat Yan und hatte
dort den Auftrag erhalten, den Kaiser zu ermorden. Terroristen besitzen
normalerweise kein eigenes Territorium, haben oftmals nicht die
Unterstützung einer Mehrheit im Volk und ihre Aktionen richten sich oft
gegen Unschuldige, um auf diese Weise Angst und Schrecken im Volk zu
verbreiten. Gerade der letzte Punkt ist meiner Meinung nicht gegeben und
deshalb würde ich Jingke als Attentäter bezeichnen. Der Bombenanschlag
auf den Bahnhof in Zhengzhou in der Provinz Henan ist jedoch ein
Beispiel dafür, wie eine politisch schwache Gruppe gegenüber einer
Regierung ihre Forderungen zum Ausdruck bringt.[56]
Diese Gruppe hat nicht viele Mitglieder und kann vermutlich auch nicht
auf eine breite Zustimmung in der Bevölkerung hoffen.
An dieser Stelle lohnt ein Blick auf die Geschichte
Chinas. In der Geschichte Chinas sind Herrscher oft nach einem Aufstand
durch einen Nachfolger ersetzt worden. Die Untertanen hatten gegenüber
dem Herrscher keinerlei Rechte und nur wenn dieser das Mandat des
Himmels verlor, d.h. nicht zum Wohle des Volkes regierte, dann hatte das
Volk die Möglichkeit, diesen Herrscher durch einen Aufstand zu
entthronen. War dies der Fall, wurde die Bewegung von der breiten Masse
des Volkes getragen und kann als Guerillakampf, Volksaufstand oder Kampf
des Volkes bezeichnet werden. Dies führt uns aber zu der Frage nach der
Rechtmäßigkeit des Einsatzes von politischer Gewalt. Einige chinesische
Autoren interpretieren den Terrorismus als einen Kampf der Schwachen
gegen die Starken. Beim Beispiel des Konflikts zwischen Israel und
Palästina ist eine Unterscheidung zwischen Terrorismus und dem Kampf
eines ganzen Volkes nur schwer möglich. Auch wenn die politische Führung
der Palästinenser Terrorakte verurteilt, werden die Terrorakte von einem
großen Teil in der Bevölkerung befürwortet. Dies führt dazu, dass sogar
Kinder und Mädchen sich an Anschlägen beteiligen.[57]
Um der Frage nach dem ´gerechten´ Kampf nachzugehen, ist es notwendig,
mögliche Ursachen für den Terrorismus in die Überlegungen mit
einzubeziehen.
2.2.3. Der
´gerechte´ Terrorismus
In diesem Abschnitt soll erörtert werden, unter welchen
Annahmen die Anwendung von Gewalt in Form von Terrorakten gerechtfertigt
sein könnte. Hierbei geht es nicht darum das Recht auf Gewaltakte zu
klären, sondern die Möglichkeit zu diskutieren, wann Terrorismus legitim
sein könnte.
Betrachtet man den Konflikt zwischen ´Schwachen´ und
´Starken´, wie er in den chinesischen Medien oft in Zusammenhang mit dem
Begriff Terrorismus erörtert wird,[58]
dann stellt sich zunächst die Frage, wer diese Gruppen sind. Auf der
einen Seite gibt es Gruppen, die eine zu geringe politische Macht
innehaben, um ihre Interessen durchzusetzen. In Demokratien sind dies
also Minderheiten, die nicht immer die Möglichkeit sehen, sich indirekt
über das demokratische System am Prozess der politischen
Entscheidungsfindung zu beteiligen. In totalitären Systemen ist dies die
gesamte Bevölkerung, die letztlich keine politische Macht besitzt. Auf
der anderen Seite gibt es die Regierungen, die eine mehr oder weniger
große Entscheidungsmacht besitzen. Weiter unterstellen wir den
Regierungen, dass ihre Herrschaft legitim ist, was uns in Demokratien
keinerlei Schwierigkeiten bereiten sollte. In Autokratien könnte man
vermuten, dass letztlich die Duldung durch das Volk darüber entscheidet,
ob die Regierung Legitimität besitzt. Andernfalls könnte es zu
Volksaufständen oder Revolutionen kommen, wie in der Geschichte des
Öfteren geschehen. Gerade in der chinesischen Gesellschaft war diese
Ansicht, wie weiter oben beschrieben, weit verbreitet. Dem gegenüber
argumentiert Chengxue, dass Chinas derzeitige Politik staatlicher
Terrorismus ist. Die KPCh habe bei der Machtergreifung eine Strategie
des gewaltsamen Terrors verfolgt. Zeugnisse dieser Jahre seien
Bombenanschläge, Kidnapping, Morde, grausame Folter und Erpressungen.
Und auch in diesen Tagen würden sich viele ´terroristische Taten´ der
KPCh gegen das normale Volk und sogar Menschen aus den eigenen Reihen
richten.[59] Zum einen
stammt dieser Artikel aus Taiwan, wo man so offen Kritik an der KPCh
äußern kann, zum anderen zeigt er auch ein hohes Maß an Emotionalität,
wenn der Autor die KPCh als Terrororganisation bezeichnet (共產黨是恐怖組織).[60]
Auch wenn der staatliche Terror, wie zum Beispiel in der Zeit des
dritten Reiches geschehen, oft jegliches Maß für Rechtstaatlichkeit
vermissen lässt, wird Regierungen grundsätzlich das Recht zugestanden,
ihre Herrschaft mittels eines Terrors umzusetzen. Überschreitet der
staatliche Terror international geltendes Recht, können die
Verantwortlichen unter Umständen zur Rechenschaft gezogen werden. Die
Verurteilung von Nazis oder von Saddam Hussein sind Beispiele, bei denen
Regierende und Mitglieder einer Regierung für Verbrechen an der
Bevölkerung verurteilt wurden oder eine solche droht, und somit die
Legitimität ihrer Taten widerlegt wurde.
Der heutige Terrorismus zeigt sich jedoch häufig nicht in
Konflikten innerhalb eines Landes, sondern zwischen verschiedenen
Ländern. Dabei stellt sich die Frage, wie die Regierung eines Landes,
Gruppen innerhalb eines Landes dazu bewegen kann, Anschläge im Ausland
zu verüben. Erscheint ein offener Krieg zwischen zwei Staaten für ein
Land wenig Erfolg versprechend, könnte es sich entschließen,
Terrorgruppen zu unterstützen, um auf diese Weise dem anderen Land zu
schaden. Zumindest offiziell gibt es kein Land, das den internationalen
Terror, das umfasst Anschläge im Ausland, unterstützt. Ferner findet man
in keinem Land eine Homogenität in den Auffassungen der Bevölkerungen,
sondern eine Meinungsvielfalt, die einen Konflikt zwischen Nationen oder
Kulturen, wie in Huntington in seinem Buch „The Clash of Civilizations“
beschreibt, plausibel macht oder den internationalen Terrorismus und die
damit verbundenen Anschläge auf Unschuldige in irgendeiner Weise
legitimieren würde. In den betrachteten chinesischen Texten wird jedoch
häufig nicht zwischen der islamischen Bevölkerung und den Terroristen
unterschieden. Die Autoren unterstellen eine breite Unterstützung der
Terrorakte durch die islamische Bevölkerung und sehen den Ursprung des
Terrorismus in einem Konflikt zwischen westlicher und islamischer
Kultur.[61] Ist es aber
vielleicht nicht nur ein Konflikt zwischen westlicher und islamischer
Kultur, sondern zwischen Arm und Reich? Denn es gab auch Chinesen, die
über die Nachricht der Terroranschläge vom 11.9. erfreut waren. In einem
Text beschreibt der nachgenannte Autor wie eine Unterdrückung der Armen
durch die Reichen zu einem „dunklen Charakter“ führt, der Terrorakte als
Teil einer gewaltsamen Revolution beziehungsweise eines
Befreiungskampfes rechtfertigt.[62]
Aber auch diese Interpretation erklärt nicht Terrorakte in fremden
Ländern, wie den des 11. Septembers. Ebenso könnte man dann auch
Terrorakte innerhalb eines Landes, zum Beispiel der USA, erwarten, denn
auch dort gibt es breite Bevölkerungsschichten, die relativ arm sind.
Gegen eine solche Interpretation kann man auch argumentieren, indem man
versucht dieses Schema auf andere Länder mit einem hohen Anteil an Armut
zu übertragen. Viele afrikanische Staaten beteiligen sich nicht am
internationalen Terrorismus, der sich gegen westliche Staaten richtet.
Außerdem gibt es auch unter den westlichen Staaten unterschiedliche
Auffassungen, gegen den Terrorismus vorzugehen. So hat sich zum Beispiel
Deutschland nicht am Krieg gegen den Irak beteiligt. Insofern ist eine
einheitliche Betrachtung des Westens nicht möglich.
Eine weitere mögliche Ursache für den Terrorismus ist der
Kampf eines Volkes gegen die Herrschenden beziehungsweise Besatzer. Eine
Unterscheidung zwischen dem Kampf eines Volkes und Terrorismus ist
manchmal schwer möglich, wie das Beispiel eines 16jährigen
palästinensischen Mädchens zeigt. Sie verübte einen Bombenanschlag auf
Israelis und weil sie ein Training durchlaufen hat und indoktriniert
wurde, wird sie als Terroristin eingestuft. Ein Unterschied liegt darin,
dass beim Kampf des Volkes ein großer Teil der Bevölkerung in den Kampf
zieht beziehungsweise mit den Kämpfern sympathisiert. Kampf des Volkes
bedeutet normalerweise einen Eindringling zu attackieren und ist somit
ein Kampf im eigenen Land. Auf diese Weise könnte man den Konflikt
zwischen Palästina und Israel als eine Art Befreiungskampf
interpretieren. Ähnlich erlangten viele Kolonien erst durch derartige
Kriege ihre Unabhängigkeit.[63]
Jedoch lässt sich damit der internationale Terrorismus weder erklären
noch rechtfertigen. Man darf auch nicht übersehen, dass die politische
Führung Palästinas offiziell den Terrorismus verurteilt und außerdem
Angebote für die Schaffung eines palästinensischen Staates nicht
angenommen hat.
Nachdem man den Terrorismus von dem Kampf eines Volkes
unterschieden hat, könnte man sich der Meinung des nachstehenden Autors
anschließen und behaupten, dass der Kampf eines Volkes legitim sei, der
Terrorismus hingegen nicht. Diese Aussage findet sich in dem Satz:
“人民战争和恐怖主义并存,正义和邪恶并存.“[64]
Übersetzt bedeutet dies: „Der Kampf des Volkes und Terrorismus
existieren nebeneinander, richtig und falsch existieren nebeneinander.“
Anscheinend gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, wo die Grenze
zwischen Terrorismus und dem Kampf eines ganzen Volkes liegt. Eine
Rechtfertigung beziehungsweise eine Legitimierung des internationalen
Terrorismus konnte jedoch auch in keinem der vorliegenden chinesischen
Texte gefunden werden.
3. Anmerkungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden beider Auffassungen
Im letzten Teil dieser Arbeit möchte ich Gemeinsamkeiten
und Unterschiede in den Auffassungen zum Terrorismus gegenüberstellen,
um abschließend zu versuchen, auf die am Anfang gestellte Frage eine
mögliche Antwort zu geben.
Westliche und chinesische Autoren haben zum Terrorismus
sehr ähnliche Auffassungen. Dies wird deutlich an den Definitionen, die
in den verschiedenen Texten gegeben werden, an der Aufteilung des
Terrorismus in Kategorien und an den vielen Beispielen, die
international als Terrorismus bezeichnet werden. Elemente wie die
Anwendung oder Androhung von Gewalt, gerichtet gegen einzelne, Gruppen
oder Staaten, mit dem Ziel politische Forderungen durchzusetzen sind
beiden Auffassungen gemein. Der Terrorismus wird aufgeteilt in
internationalen Terrorismus, religiösen Terrorismus, staatlichen Terror
und den Terrorismus von Gruppen. In fast allen Texten werden die
Anschläge vom 11. September 2001 in Amerika, die Selbstmordanschläge in
Palästina, die Bombenanschläge auf US Botschaften oder der Anschlag von
pakistanischen Extremisten auf das indische Parlament als Beispiele für
Terrorismus genannt. Ferner besteht Einigkeit darüber, dass es einen
staatlichen Terror gibt, wie er zum Beispiel in der Zeit der
französischen Revolution umgesetzt wurde.
Während in westlichen Quellen häufig unterschieden wird
zwischen staatlichem Terror und Terrorismus, wurde in den vorliegenden
chinesischen Texten keine Unterscheidung getroffen und staatlicher
Terror oft Terrorismus gleichgesetzt. Ein weiterer Unterschied liegt in
der Interpretation des Terrorismus als ein Kampf zwischen Schwachen und
Starken. Dieses Argument findet sich in vielen chinesischen Texten und
wird in den Texten westlicher Autoren in dieser Form nicht diskutiert.
Es finden sich zwar oft Hinweise auf einen Konflikt zwischen westlicher
und islamischer Kultur als mögliche Ursache für den Terrorismus, die
besondere Betonung der Unterschiede zwischen Schwachen und Starken als
mögliche Ursache ist jedoch eine Besonderheit der chinesischen Quellen.
Eine solche Einteilung erscheint mir zu ungenau, weil zum Beispiel auch
bei Kriegen eine Partei der anderen weit überlegen sein kann. Auch wenn
man Gruppen innerhalb eines Landes betrachtet, die sich darin
unterscheiden, dass eine Partei keine politische Macht innehat, dann
würde man eine gewaltsame Auseinandersetzung nicht immer als Terrorismus
einschätzen. In einer Autokratie ginge ein Volksaufstand immer von einer
Gruppe ohne politische Macht aus. Auch beim Guerillakampf haben die
Aufständischen kein politisches Mitspracherecht. Dennoch bestehen
Unterschiede zum Terrorismus: Bei einem Kampf des Volkes oder einem
Guerillakampf verfügen die Angreifer über ein bestimmtes Gebiet und
verüben selten Anschläge gegen Unschuldige. Zum Beispiel fanden die
Kämpfe gegen die Kolonialmächte innerhalb des jeweiligen Landes statt.[65]
Dieser Punkt wurde in den chinesischen Texten nicht beachtet. Man könnte
eine Parallele zu den heutigen Konflikten ziehen, wenn man dieses
Prinzip auf den Krieg der USA gegen den Irak oder den Konflikt zwischen
Israel und Palästina überträgt, die Anschläge vom 11.9. lassen sich
jedoch damit nicht erklären, denn zu dieser Zeit führte die USA keinen
Krieg gegen ein islamisches Land und somit musste man die USA als
Besatzer nicht aus dem eigenen Land zurückdrängen, wie dies bei den
Kämpfen eines unterdrückten Volkes der Fall wäre. Weitgehend Einigkeit
besteht auch darüber, dass der Terrorismus mit einem negativen
Werturteil behaftet ist und bekämpft werden sollte.
Unter welchen Umständen erscheint es dann rechtmäßig,
gewaltsam gegen eine Regierung vorzugehen? Auch westliche Autoren
gestehen Völkern das Recht zu, gewaltsam die Regierung zu stürzen und
auch Demokratien sind kein Garant für Gerechtigkeit, jedoch gibt es in
Demokratien die Möglichkeit Forderungen ohne den Einsatz von Gewalt zu
realisieren. Der Kampf eines Volkes und Terrorismus haben beide ein
politisches Ziel, sie wenden Gewalt an und richten sich gegen die
Herrschenden. Beim Kampf eines Volkes verfügen diese meistens über ein
Territorium und eine breite Unterstützung im Volk, was beim Terrorismus
nicht immer der Fall ist.66 Ein weiterer Unterschied liegt darin, dass
Terroristen oft Unschuldige ermorden, um somit Angst und Schrecken zu
verbreiten. Es ist offensichtlich, dass eine klare Trennung nicht
möglich ist, denn auch die Terrorgruppe Narodnaja Voljia hatte gerade
keine Unschuldigen ermordet. Der Kampf in Afghanistan zeigt, dass
Terroristen durchaus über ein eigenes Gebiet verfügen können.67 Eine
Interpretation des Terrorismus als Kampf eines Volkes ist aber nur dort
möglich, wo der Kampf im eigenen Land stattfindet. Folglich können
Terroranschläge in den USA, England, Ägypten oder Saudi Arabien, die
vielfach von Ausländern verübt werden, auch auf diese Weise keinerlei
Rechtmäßigkeit zugesprochen werden.
Eine klare Grenze zwischen Terrorismus und dem Kampf
eines Volkes kann letztlich nicht gezogen werden. Während Terrorismus
nicht legitim ist, kann der Kampf eines Volkes gerechtfertigt sein. Um
die derzeitigen Konflikte dahingehend einstufen zu können, wäre eine
genauere Untersuchung dieser Konflikte notwendig. Dabei würden Kriterien
wie der Ort der Gewalttaten, die Unterstützung oder Befürwortung der
Bevölkerung und die Beteiligung von Unschuldigen eine wichtige Rolle
spielen.
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http://www.taosl.net/tao/slsb085.htm, 21.7.2005
5. Autor
und Copyrighthinweis
Dieser Beitrag wurde von Markus Schilling im Rahmen einer Seminararbeit
am Institut für außereuropäische
Sprachen und Kulturen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg im Sommersemester 2005
erstellt.
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Markus Schilling, geboren am
25.2.1977 in Nürnberg. Ich studierte Sinologie (Hauptfach),
Wirtschaftswissenschaften und Politische Wissenschaften an der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg als Magister
Studiengang. Während des Studiums der Sinologie verstärkte sich mein
Interesse an fremden Ländern und Kulturen. Die Stipendien der
National Chenggong Universität und der taiwanesischen Regierung
ermöglichten mir über einen Zeitraum von insgesamt 19 Monaten
Auslandsaufenthalte in Taiwan. Derzeit studiere ich internationale
Politikwissenschaften an der Sun-Yatsen Universität in Gaoxiong/Taiwan.
Zu meinen Studienschwerpunkten gehören Systemtransformation,
Umweltpolitik, Makroökonomie und Taiwan. |
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chinaweb.de, Dezember 2006