Kritik und Selbstkritik als Ritual im maoistischen China

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Inhaltsverzeichnis
 

1. Einleitung
2. Was ist ein Ritual?
3. Kritik und Selbstkritik in der Mao Bibel
4. Konfessionsritual im Marxismus-Leninismus (Riegel 1985)
5. Konklusion
6. Quellen
7. Autorin und Copyrighthinweis


1. Einleitung

Einleitend gebe ich einen kurzen Überblick über den Charakter des Rituals, wenn auch nur lapidar gebe ich einen Einblick in manche wissenschaftliche Theorie. Die von mir verwendeten Quellen stammen vorwiegend aus der Religionswissenschaft. Anschließend werde ich mich mit dem Prinzip der Kritik und Selbstkritik als Ritual und seine Institutionalisierung in der Sun Yat-sen-Universität beschäftigen. In meinem Essay habe ich als Grundlage zwei Texte verwendet: „Konfessionalrituale im Marxismus-Leninismus“ von Klaus-Georg Riegel und Mao Zedongs gesammelte Werke.

2. Was ist ein Ritual?

Das „Ritual ist ein kultischer Handlungskomplex, der zu einem bestimmten Anlass durchgeführt wird“. Die Werte und Ideale einer Gesellschaft manifestieren sich in ihm. Während es einerseits Gruppenidentität fördert und säubert es andererseits „unreine Elemente“ aus der Gesellschaft heraus. Diese Säuberung derjenigen, die der Religion, Ideologie oder Glauben nicht entsprechen, schafft wiederum Einheit beim ihren Anhängern. Ein Ritual „wirkt transformativ, d.h. es verändert das Leben dessen, der sich ihm unterzieht (Hödl 2000).

Th. W. Jennings beschreibt das Ritual als eine „Art, Wissen zu erlangen“, ihm ist das Element des „Entdeckens“ und „Auffindens“ inhärent. Durch die gezielt öffentliche Darstellung vor Beobachtern, hat es den Charakter einer Performance. Klaus-Georg Riegel wirft die Frage nach der Echtheit eines Geständnisses auf, da jedes der Öffentlichkeit preisgegebene Geständnis sich im „kollektiven Gedächtnis der Gruppe verankert“ (Riegel 1985: S. 2006).

Im Ritual sind die Handlungsabläufe festgelegt und wieder erkennbar, somit hat es ein Identität stiftendes Element. Èmile Durckheim beschrieb es als ausgrenzend und gleichzeitig Identität schaffend. Damit unterstützt es das System in seinem Aufbau und die gesellschaftliche Ordnung wird rituell bekräftigt (Hödl 2000). Ritual als Strafe bezeichnet Durckheim auch als „Mittel zur Schaffung einer gesellschaftlichen Identität“ (Hödl 2000).

Bergesen nimmt dies auf und weitet seine Theorie dahingehend aus, dass der Nationalstaat selbst Subversion schafft. Mit dem Ritual als Kontrastmittel wird ein Staats bildendes Kollektiv gegründet, das gemeinsame Interessen vertritt. Er beschreibt, das in sozialistischen Gesellschaften Ausgrenzungen auf Grund folgender Aspekte passieren: „ideologische Abnormalität“ (Reaktionäre, Konterrevolutionäre, Trotzkisten), Gefahr der nationalen Sicherheit (Spione, Saboteure), illoyales Verhalten und Vorziehen persönlicher Interessen gegenüber denen des Kollektivs (Hödl 2000).

3. Kritik und Selbstkritik in der Mao Bibel

Mao bezeichnet die Kommunisten als diejenigen, welche die Wahrheit und die Massen auf ihrer Seite haben. Materialisten sind unerschrocken und scheuen keine Kritik, Subjektivismus, Sektierertum und Parteischematismus werden nur so bekämpft, als man „aus früheren Fehlern lern[t], um künftige zu vermeiden und „ die Krankheit bekämpf[t], um den Patienten zu retten“.
Alles muss wissenschaftlich analysiert und daraufhin kritisiert werden. Die Hauptaufgabe der Kritik ist es, auf „politische und organisatorische Fehler hinzuweisen“. Sie ist die marxistisch-leninistische Waffe dar im innerparteilichen Kampf.

Jedoch muss man sich vor „Subjektivismus, Willkür und Vulgarisierung … hüten“. Die Kritik darf nicht als „Werkzeug für persönliche Angriffe missbraucht werden. Und hat zum richtigen Zeitpunkt zu erfolgen. Das heißt auch, dass sie präventiv eingesetzt werden sollte und nicht posthum als Reparatur eventueller Schäden.

Niemand ist je vor ihr gefeit: „Hast du Fehler gemacht, korrigiere sie, hast du keine gemacht, sei noch mehr auf der Hut“

Durch andauernde Kritik reinigt sie und wird zum Motor der Bewegung. Sie schafft somit eine neue Einheit. Hierbei entwickelte Mao das Prinzip „Einheit-Kritik-Einheit“ (Mao 1957). Ausgehend vom Wunsch nach Einheit, werden mittels Kritik und Kampf die Widersprüche gelöst bzw. überwunden und damit wieder eine neue Einheit geschaffen.

Mao verwendet in seinen Reden viele Metaphern bzw. Parolen, um das Prinzip der Kritik und Selbstkritik zu untermauern, bzw. zu veranschaulich. Hierzu ein paar Beispiele:

„Fließendes Wasser fault nicht, Türangeln werden nicht wurmstichig“
„Weißt du etwas, sprich, spricht du, sage alles“
„Dem Sprecher nicht zum Tadel, dem Zuhörer zur Lehre“

Um seine Lehre zu verbreiten und sie in den Köpfen der Menschen zu verankern, waren Parolen, wie die obig genannten, eine effektive PR.

4. „Konfessionsritual im Marxismus-Leninismus“ (Riegel 1985)

Klaus-Georg Riegel spricht in seiner wissenschaftlichen Arbeit über die „Konfessionsrituale im Marxismus-Leninismus“ von einer„Verschränkung der chinesischen Tradition“, nämlich der „konfuzianischen Selbstkultivierungslehre“ (Riegel1985: S. 156) und der Methode der Säuberung alla Stalin, die ein eigenes chinesisches Konzept der Kaderschmiede bildete. Sein Vokabular ist dabei ein sehr religionswissenschaftliches bzw. religiöses. Dies verdeutlicht meiner Meinung nach die Nähe bzw. Übereinstimmung der Prinzipien des real existierenden Marxismus-Leninismus und der Religion.

Mit dem Marxismus-Leninismus als missionarische Glaubensmacht wurden Kaderstätten und Missionsschulen gegründet, um die neue „transnationale“ (Riegel 1985: S. 156) Ideologie in andere Länder zu tragen. Man lehrte in diesen Institutionen nicht nur technische und wissenschaftliche Fähigkeiten, sondern auch politische Kampfmethoden. Ziel war es mittels umfassender Informationskontrollen, Kritik und Selbstkritik, nicht nur eine Identitätskrise im „Novizen“ heraufzubeschwören, sondern langfristig seine eigene, alte, traditionelle Identität zu vernichten. Daraus sollte dann die endgültige Konversion zum revolutionären Kommunisten resultieren.

Die Sun Yat-sen-Universität, gegründet im Jahre 1925, war eine der wichtigsten Ausbildungsstätten für kommunistische Kader der KPCh. Sie wurde von den Komintern gegründet, mit der Absicht der „Indoktrinierung der Studenten“ aus den Reihen der Guomindang und der KPCh, um schlussendlich das System und die Partei der GMD ideologisch zu „unterwandern“.

Nach einer schriftlichen und mündlichen Aufnahmeprüfung konnte der „Novize“ sein Studium zum Berufsrevolutionär antreten und sich dem „Reinigungs- und Läuterungsprozess“ (Riegel 1985: S. 158) unterziehen. Mit dem Eintritt in die Universität legte er die alte, traditionelle Identität rituell ab und wurde ihm eine neue gegeben. Diese „Entpersonalisierung“ (Riegel 1985: S. 163) ging im „Initiationsritus“ (S. 161) vonstatten. Dem Studenten wurde auch. ein neuer, russischer Namen gegeben. Die daran anschließende Eröffnungszeremonie gab den Eintritt in die „brüderliche Gemeinschaft der Bolschewiken“ (Riegel 1985: S. 164) feierlich bekannt.

In einem „chinesischen Tugendkatalog“ (Riegel 1985: S. 168), der so genannten „Charta“ (Riegel 1985: S. 164) wurde das Leben des „Berufsrevolutionärs“ (Riegel 1985: S. 168) reglementiert: die wichtigsten Aspekte waren hierbei die Systematisierung des Denkens und des Studiums, die Disziplinierung des Handelns und die Kollektivierung der Individualität (Riegel 1985: S. 167).

Mit wechselseitiger Kritik, Selbstkritik und Überwachung sollte ein „stählerner Kommunist“ aus dem „Novizen“ gemacht werden, in dessen Leben das Primat der Partei und deren Interessen vorherrschten. Alles Individuelle, Traditionelle, Partikularistische sollte von nun an gegen das Kollektiv eingetauscht weden.

5. Konklusion

Verdeutlicht wird hier, dass die Methoden des Marxismus-Leninismus denen der Religion entsprechen. Rituale gibt es im religiösen, sozialen, politischen etc. Bereich und bleibt nun die Frage offen, wo Rituale zuerst aufgetreten sind. Oder sind sie womöglich dem Menschen eigen und von Natur aus gegeben? Im Falle des Rituals der Kritik und Selbstkritik, der Riten in der Sun Yat-sen-Universität ist eine unmittelbare Verbindung mit der Religion und ihren Elementen jedoch unverkennbar. Der Initiationsritus erinnert eklatant an die Taufe, die Charta an die Bibel und die Universität als Ganzes hat eine frappierende Ähnlichkeit mit einem Mönchsorden.

6. Quellen

Mao, Zedong: Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk, in: Mao Zedong Gesammelte Werke Bd. 5, S. 434.471.

Riegel, Klaus-Georg (1985): Konfessionsrituale im Marxismus-Leninismus, in: Tenbruck, H. Friedrich (Hsg): Herkunft und Zukunft 7. Styria Verlag, , S. 155-211.

Hödl, Hans Gerald (2000); Ritualtheorien, in:
http://www.univie.ac.at/religionswissenschaft/ritualtxt.htm (Stand 16.1.2006).

Mao, Zedong (1927): Untersuchungsbericht über die Bauernbewegung in Hunan, in: http://www.infopartisan.net/archive/maowerke/hunan0.htm (Stand 16.1.2006).

7. Autorin und Copyrighthinweis

Dieser Beitrag wurde von Julia Ritirc im Rahmen einer Seminararbeit an der Universität Wien im Rahmen des Seminars "Politischen Kampagnen in der VR China" erstellt.

 

Julia Ritirc, 24 Jahre, studiert seit Oktober 2002 an der Universität Wien, Schwerpunkt Sinologie. Weiterbildung in Fächern der Politikwissenschaft und in verschiedenen Fremdsprachen. 2004/05 Auslandsstudium Sinologie an der Universität "Ca’ Foscari" in Venedig. Start des Magisterstudiums im Herbst 2007.

 
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chinaweb.de, Februar 2007