Deng Xiaoping 邓小平 (1904-1997)

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung     
Biografie                                                                                               
   2.2 Frühe Jahre                                                                                 
   2.3 Aufstieg in der KPCh im Zeichen parteiinterner Machtkämpfe   
   2.4 Die Ära Deng Xiaoping                                                                    
Reformwerk                                                                                               '
Bewertung                                                                                                   
Fazit                                                                                                            
6 Literaturverzeichnis
7 Autor und Copyrighthinweis                                                                                      

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem „Chefarchitekten der chinesischen Reform“, Deng Xiaoping, seinem Leben und seinem immensen Einfluss auf die neuere Geschichte Chinas. Im ersten Teil soll an Hand seiner Biografie ein Bild der Persönlichkeit Dengs skizziert werden. Dadurch sollen mögliche Erklärungen für den, ihm nachgesagten, Pragmatismus und seine politischen Reaktionen, sowie der Konstanten seiner Politik gegeben werden. Im zweiten Teil werden die wichtigsten Punkte der Reformpolitik vorgestellt und im dritten Teil wird die Rolle Dengs in dem Reformprozess untersucht. Der letzte Teil geht auf die nachhaltigen Auswirkungen der Reformen ein und gibt aktuelle Pressemeinungen wieder.

Schwierigkeiten bei der Bearbeitung des Themas ergaben sich aus den, teils widersprüchlichen Quellen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die offiziellen Quellen meist, im Sinne der Politik der KPCh, redigierte Darstellungen sind.

In der Arbeit wird das Hanyu Pinyin Umschriftsystem verwendet. Einzige Ausnahme sind Autorennamen.

2. Biografie

2.2. Frühe Jahre

Deng Xiaoping wurde am 22.08.1904 in Paifang, Sichuan als Deng Xixian[1] (邓希贤) geboren. Bis zur Revolution von 1911 besuchte er eine traditionelle Dorfschule, danach eine „moderne“ Grundschule und anschließend eine Mittelschule in Guang’an. 1918 ging Deng Xiaoping zusammen mit seinem Onkel Deng Shaosheng nach Chongqing. 1919 belegten er und sein Onkel dort Vorbereitungskurse für ein Werkstudium in Frankreich. Am 11.9.1920 reisten sie mit anderen Werkstudenten von Shanghai Richtung Marseille ab, wo die Studenten am 20.10.1920 eintrafen.

Dengs Frankreichaufenthalt lässt sich nach Benjamin Yang in zwei Phasen unterteilen. In der ersten Phase arbeitete Deng bei verschiedenen Firmen im Großraum Paris und konnte auch verschiedene Schulen besuchen. Ab 1924 zwang ihn seine Geldnot das Studieren aufzugeben und damit begannen seine politischen Aktivitäten (Yang 1995:38). Im Februar 1924 wurde er Mitglied der „Kommunistischen Jugendliga in Europa (旅欧中国共产主义年青团)“ und arbeitete für deren Presseorgan, die Zeitschrift „Rotes Licht (赤光)“. Der Herausgeber dieser Zeitschrift war Zhou Enlai (周恩来, 1898-1976). Dieser war bereits 1920 nach Frankreich gekommen und gehörte zu den bekannten chinesischen linken Studentenführern. Nachdem Zhou und andere linke Führungspersönlichkeiten nach und nach Frankreich verließen, stieg Deng weiter in der Organisation der Kommunisten auf.

Die Jahre in Frankreich waren in vielerlei Hinsicht prägend für Deng Xiaoping. Zum einen trat er hier der kommunistischen Bewegung bei, womit auch seine „politische Sozialisation“ (Pye 1995:20) begann. Zum anderen war diese Zeit für den Charakter des jungen Deng prägend. So schreibt Lucian Pye:

„Deng Xiaoping’s basic socialization and his political socialization easily merged into a single process because while still in his teens he was brought into the activities of 20 and 30-year-olds who had already taken Communism as their group identity.“ (1995:20)

„In terms of personality development it is significant that Deng’s early years were so coherently structured and organized by others that he apparently never experienced a period of adolescent turmoil and angst.“ (1995:21)

Benjamin Yang sieht in der Art, in der Deng zum Kommunismus kam, auch schon seinen später so kennzeichnenden Pragmatismus und auch den Grund für seine Einstellung zur ideologischen Fragen.

„He joined the Communist revolution when it became a popular trend, and he converted to Communism more for personal than ideological reasons. […] Deng was never devoted to Communist doctrines from the start, thus making it much easier for him to shake them off at the end.“ (1995:48)

Neben den Kommunisten war auch die Guomindang-nahe „Jugend Partei“ in Frankreich aktiv. Als die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern heftiger wurden und sich die französische Polizei einschaltete, verlies Deng Paris und reiste über Berlin nach Moskau. Dort wurde Deng an den Kaderschmieden der „Universität des Ostens“ und der „Sun Yat-sen-Universität“ zum Berufsrevolutionär ausgebildet. Hier trat er wahrscheinlich auch in die Kommunistische Partei Chinas (KPCh, 中国共产党) ein.[2] Nachdem Beginn des Nordfeldzuges 1926 wurde er zurück nach China geschickt, um in der Armee des mit der Revolution sympathisierenden „Warlords“ Feng Yuxiang als politischer Ausbilder zu dienen.

2.3. Aufstieg in der KPCh im Zeichen parteiinterner Machtkämpfe

Im März 1927 kam er in Xi’an, dem Hauptquartier Feng Yuxiangs, an und blieb dort bis Juni des gleichen Jahres. Nach dem Bruch der Einheitsfront stellte sich Feng auf die Seite der Guomindang (国民党, GMD) und entließ alle kommunistischen Berater. Daraufhin ging Deng nach Wuhan (Hankou) einem der damaligen Zentren der Kommunisten. Hier traf er Zhou Enlai wieder und machte mit Mao Zedong (毛泽东) Bekanntschaft. Er machte Parteiarbeit in Wuhan, Guangxi und ab 1931 in Jiangxi. Er arbeitete auch im Untergrund in Shanghai, dem zweiten kommunistischen Zentrum, hierfür nahm er jetzt den Decknahmen Xiaoping an. Unter Zhou und Mao stieg er dann in der Partei auf, bis er 1933 in Folge von parteiinternen Machtkämpfen um die so genannte „Luo-Deng-Linie“ das erste Mal seiner Ämter enthoben wurde.[3]

Durch die Patronage Zhou Enlais und Mao Zedongs, mit dem er in Yan’an (1935-49) ein enges Verhältnis aufbaute (Yang 1995:45), konnte Deng jedoch während des Langen Marsches (长征, 1934-35), dem Kampf gegen die GMD und die Japaner wieder in der Parteihierarchie aufsteigen. Durch die ihm zugerechneten Erfolge während dieser Zeit sammelte er viel politisches Kapital in der Partei und im Militär[4] (Yang 1995:48/49). So wurde er auf dem 7. Parteitag 1945 hochrangiges Mitglied des ZK und nach der Ausrufung der Volksrepublik 1949, 1952 nach Beijing beordert. Hier stieg er bis zum Vize-Ministerpräsident, Generalsekretär des ZK und Vize-Vorsitzendem des Nationalen Verteidigungsrates auf, damit bekleitete er in allen drei Säulen des kommunistischen Systems (Partei, Staat und Militär) hohe Ämter.

Als die verheerenden Auswirkungen des „Großen Sprungs“ (大跃进, 1958) offensichtlich wurden, distanzierte sich Deng von Mao und wendete sich der pragmatischen Fraktion um Liu Shaoqi (刘少奇, 1898-1969) zu, welche sich bis zu Maos Gegenschlag, der Kulturrevolution (文化大革命, 1966-76) durchsetzte.[5] Der Bruch mit Mao wird in einem von Dengs berühmtesten Aussprüche, den er 1962 zum Thema der privaten Initiative in der Landwirtschaft machte, deutlich: „Gegenwärtig kommt es vor allem darauf an, mehr Getreide zu produzieren. Solange die Erträge steigen, ist auch die private Initiative des einzelnen erlaubt. Egal ob schwarz oder weiß, Hauptsache ist die Katze fängt Mäuse (无论黑猫白猫, 只要抓到老鼠就是好猫).“ Dieser Ausspruch zeigt klar die gegensätzlichen Positionen Dengs und Maos, da es für Mao, um bei dem Beispiel zu bleiben, sehr wohl auf die Farbe der Katze ankam, sie musste auf jeden Fall rot sein.

Während der Kulturrevolution war Deng als eine der zentralen Figuren der pragmatischen Linie heftiger Kritik ausgesetzt und wurde in Folge dessen 1968, unter der Federführung des damaligen Verteidigungsministers Lin Biao (林彪, 1907-1971) das zweite Mal entmachtet. Deng wurde zusammen mit seiner Frau Zhuo Lin und seiner Stiefmutter Xia Bogen nach Jiangxi zum Arbeitsdienst geschickt. Aufgrund eines Beschlusses des IX. Parteitages der KPCh von April 1969 wurde Deng aller seiner Ämter enthoben, behielt jedoch seine Parteimitgliedschaft und wurde auch nicht gefoltert, wie z. B. Liu Shaoqi der im Gefängnis starb. Deng sagte später, dass Mao ihn vor Übergriffen der Roten Garden hatte schützen lassen (Liu 1995c:836).

Nach Lin Biaos Tod[6] holten Mao Zedong und Zhou Enlai Deng wieder zurück in die Parteizentrale.[7] Deng selbst meinte später zu seiner Rehabilitierung: „In einem gewissen Augenblick dachten sie, dass ich wieder von Nutzen sein könnte, und holten mich aus dem Grab. Das ist alles.“ (zitiert nach Liu 1995c:838)

Spiegelbild des parteiinternen Machtkampfes, vor allem in den letzen Jahren Maos Herrschaft, als sein baldiges Ableben absehbar wurde, ist der gleichzeitige Aufstieg Dengs und der sogenannten „Viererbande (四人帮)“[8] in die Parteispitze. Diese stieg auf dem X. Parteitag im August 1973 geschlossen ins Politbüro auf.

Nach dem Tod Zhou Enlais am 8.1.1976, erhielt die extrem linke Fraktion wieder auftrieb. In der Folge wurde auf Trauerkundgebungen zu Ehren Zhous, Sympathie für Deng artikuliert, welche in Demonstrationen gegen die „Linke“ mündeten und als „erster Tian’anmen Zwischenfall“ bekannt wurden. Deng wurde daraufhin von seinen Gegnern für die Demonstrationen verantwortlich gemacht und man warf ihm Verschwörung vor. Dies führte zu der dritten Entmachtung Dengs, bis er, nach dem Tod Mao Zedongs am 9.9.1976 und der anschließenden Entmachtung der „Viererbande“, 1977 rehabilitiert wurde. Damit begann sein dritter und endgültiger (Wieder-)Aufstieg. Im Dezember 1978, auf der 3. Plenartagung des XI. ZK, setzte sich Deng mit seiner Position „die Wahrheit in den Tatsachen suchen (实事求是)“ und dem Zusatz „die Praxis ist das einzige Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit (实践是检验真理的唯一标准)“[9] gegen Hua Guofeng (华国锋, *1921) und seinen „zwei was auch immer (两个凡是)“[10] durch, des weiteren forderte er das „Denken zu befreien (解放思想)“ und verkündete die Politik der Reform und Öffnung (改革开放). Dies markierte den Anfang der Ära Deng Xiaopings:

„At the end of 1978, during the Third Plenum of the 11th Central Comittee, Deng emerged as the paramount leader. From that point until the present (1993), no major policies were adopted of which Deng did not approve, and Deng himself was the initiator of many important policies.” (Naughton, S.92)

Lucian Pye nennt zwei Faktoren für den Aufstieg Dengs zum „Paramount Leader“. Zum einen die Autorität die das Alter in der chinesischen Gesellschaft gibt[11] und die in der Partei nicht an offizielle Posten gebunden ist. „Therefore Deng’s status as the Senior Great One meant that his views and preferences had to be respected […]” (1995:11). Zum anderen nennt Pye die Situation nach Maos Tod und dem Ende der Kulturrevolution. Diese förderte seine persönliche Popularität, da er auch Opfer der Kulturrevolution war. Des Weiteren führte die Kulturrevolution den Chinesen die Bedrohung durch Chaos vor Augen und förderte so die Popularität von Dengs pragmatischer Politik (vgl. Pye 1995:12).

2.4. Die Ära Deng Xiaoping

Neben der wirtschaftlichen Reform waren die Jahre 1978 bis 1981 durch die restliche Entmachtung der maoistischen Fraktion durch die Reformer gekennzeichnet. Dies zeigte sich in der schrittweisen Neubewertung der Politik Maos[12], die 1981 zur endgültigen Entmachtung Hua Guofengs führte und dem Schauprozess gegen die „Viererbande“ 1980/81. Im Zuge der Neubewertung Maos wurden auch zahlreiche Kader, die unter Mao in Ungnade gefallen waren rehabilitiert, womit Deng seine Machtbasis verbreiterte. Das bedeutendste Ereignis in diesem Prozess war die 6. Plenartagung des XI. Zentralkomitees im Juni 1981. Auf dieser Konferenz verlor Hua Guofeng seine wichtigsten Ämter und die „Resolution über einige Fragen in unserer Parteigeschichte seit der Gründung der Volksrepublik“ wurde verabschiedet. Mit dieser Resolution wurde unter anderem Liu Shaoqi postum rehabilitiert und in ihr war die Neubewertung Maos, im Sinne Dengs, niedergeschrieben (vgl. Liu 1996a:66).

Die Reformpolitik brachte neben den wirtschaftlichen Erfolgen auch einen bedeutenden außenpolitischen Erfolg, Deng gelang es unter dem Motto: „Ein Land, zwei Systeme (一个国家两种制)“ erfolgreich die Rückführung Hongkongs mit der damaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher auszuhandeln, was mit der Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung am 19. Dezember 1984 besiegelt wurde.

Mit den wirtschaftlichen Erfolgen wuchsen gleichzeitig auch die sozialen Spannungen, die der Reformprozess mit sich brachte. Zum einen wurde der Ruf nach mehr Demokratie lauter und zum anderen begann der Unmut der wirtschaftlichen Verlierer der Reformen zu schwelen. Schon zu Beginn der Reform-Ära 1978 im sogenannten „Beijinger Frühling (北京之春)“[13] und 1986 bei Studentenprotesten wurden Demokratie und mehr persönliche Freiheit gefordert. Die Reaktionen auf diese Ereignisse zeichneten schon Dengs Reaktion auf die Protestbewegung auf dem Tian’anmen Platz im Mai und Juni 1989 ab. So lies Deng während des „Beijinger Frühlings“ freie Meinungsäußerung in den Wandzeitungen zwar kurze Zeit zu. Jedoch nur solange sie seinem Zweck dienten, der Schwächung der Position der Maoisten. Als Kritik an ihm laut wurde und er die gesellschaftliche Stabilität in Gefahr sah, die für ihn gleichbedeutend mit dem Erfolg der Wirtschaftsreformen war, folgten sogleich Repressionen gegen diejenigen, die nicht mit der Parteilinie konform waren. Deng meinte später dazu:

„Schon wenige Personen können unser Vorhaben untergraben. […] Die Erfahrung der Kulturrevolution hat gezeigt, dass Chaos lediglich zum Rückschritt, nie zum Fortschritt führt und dass stabile Ordnung herrschen muss, wenn wir vorwärts schreiten wollen.“ (zitiert nach Liu 1996a:63)

Genau dieser Linie folgend wurden auch, nach der Entmachtung des damaligen Generalsekretärs Hu Yaobang (胡耀邦, 1915-1989),[14] die Studentenproteste von 1986 unterdrückt. Als sich dann nach dem Tod Hu Yaobangs 1989, der durch seinen vorherigen Sturz zu einer Symbolfigur der Studenten geworden war, die Bewegung, deren Zentrum der Tian’anmen Platz war, entwickelte, führte die Unnachgiebigkeit auf beiden Seiten zu der blutigen Niederschlagung am 3. und 4. Juni. Daran schloss sich eine erbitterte Verfolgung der Aktivisten und es folgten drakonische Strafen für die Verhafteten. Die Ereignisse auf dem Tian’anmen Platz führten auch zum Sturz Zhao Ziyangs (赵紫阳, 1919-2005), des damaligen Generalsekretärs, dem Jiang Zemin (江泽民, *1926) an die Parteispitze folgte (vgl. Kindermann 2001:557). Dieser sollte nun nach Dengs Willen der „Führungskern der dritten Generation“ werden. Damit begann sich Deng aus dem offiziellen Parteigeschehen zurückzuziehen, ohne jedoch die Zügel aus der Hand zu geben. Mit dem Sturz Zhao Ziyangs gewannen die konservativen Kräfte in der KPCh wieder an Einfluss und das Tempo der Reformen wurde gedrosselt um die Wirtschaft zu stabilisieren. Deng unterstützte zwei Jahre lang diese Sanierungspolitik, doch als er ein Ende der Reformen befürchtete wurde er 1990 wieder aktiv. Zunächst versuchte er mit persönlichen Gesprächen, z.B. mit Jiang Zemin und Li Peng (李鹏, *1928) die Reformpolitik wieder zu beschleunigen. Als dies jedoch nicht die erwünschte Wirkung erzielte, inszenierte er seine Reise nach Südchina (南方考察), um dort vom 17. Januar bis zum 21. Februar die Sonderwirtschaftszonen zu bereisen. Die Reise verfehlte ihr Ziel nicht und auf dem XIV. Parteitag 1992 wurde Dengs Theorie vom Aufbau des „Sozialismus chinesischer Prägung (有中国特色的社会主义)“ in die Verfassung aufgenommen (vgl. Liu 1996b:299, 300, 305).[15] 

3. Das Reformwerk

Das Fundament der Reformpolitik waren die „Vier Modernisierungen (四个现代化)“ (Landwirtschaft, Industrie, Wissenschaft/Technik, Verteidigung),[16] denen mit Deng wieder oberste Priorität eingeräumt wurden. Ergänzt wurde dies mit der Formel des Festhaltens an den „Vier Grundprinzipien (四项基本原则)“, diese waren der sozialistische Weg, die Diktatur des Proletariats, der Führungsanspruch der KPCh und die Ideologie des Marxismus-Leninismus sowie der Mao-Zedong-Ideen. Deng sprach auf einem Forum über theoretische Arbeit am 30. März 1979 zum ersten Mal über diese Theorie. Auf diesem Forum betonte er auch die Wichtigkeit der „Intensivierung der Familienpolitik“ um dem Problem eines zu großen Bevölkerungswachstums, welches die Erfolge der Reformen negieren könnte, entgegen zu wirken (vgl. Liu 1996a:70). Um dem Bevölkerungswachstum entgegenzusteuern wurde 1979/80 die Ein-Kind-Politik eingeführt.

In der ersten Phase der Reformpolitik, bis 1984, lag der Fokus auf der Ertragssteigerung der Landwirtschaft, die durch die maoistische Planwirtschaft am Boden lag. Um dies zu erzielen, wurden die Volkskommunen aufgelöst und Leistungsanreize geschaffen, indem man die vorherige gesamte Gewinnabfuhr durch Steuern ersetzte und den Bauern gestattete ihre Überschüsse auf freien Märkten zu handeln. Dieses Konzept unter dem offiziellen Namen „System der vertragsgebundenen Verantwortlichkeit auf der Basis der Bewirtschaftung durch Haushalte als Hauptform“ wurde, nach der erfolgreichen Umsetzung durch Zhao Ziyang in Sichuan, im ganzen Land eingeführt. In Folge der Reformen stieg der landwirtschaftliche Ertrag von 1979 bis 1984 jährlich um 10% (vgl. Liu 1997b:147).

Als nächster Schritt folgte die Einrichtung von vier Sonderwirtschaftszonen (Shenzhen, Zhuhai, Shantou und Xiamen). Damit sollte vor allem ausländisches Kapital und Know-how nach China gebracht werden, um die Modernisierung in Wissenschaft und Technik, die 1978 von Deng als „Schlüssel für die Vier Modernisierungen“ bezeichnet worden war, voranzutreiben (vgl. Liu 1996a:59). Des Weiteren dienten sie als Versuchsfeld für die Industriepolitik. 1984 wurde dann die erfolgreiche Politik auf Hainan und 14 weitere Küstenstädte ausgeweitet, darunter auch Shanghai.

Die Modernisierung der Industrie stützte sich vor allem auf dem, bereits 1978 von Deng propagierten, Verantwortlichkeitssystem. Dies bedeutete, dass die Betriebsleitung die tragenden Entscheidungen treffen sollte und damit der lähmende politische Einfluss durch die Politkomissare auf die Betriebsabläufe vermindert werden würde. Zudem wurde eine leistungsorientierte Lohndifferenzierung eingeführt und auch private Unternehmerische Initiative gefördert in dem z.B. immer weitere wirtschaftliche Bereiche für die Privatwirtschaft freigegeben wurden. Eine weitere Maßnahme war die Freigabe für eine Preisgestaltung gemäß gegebenen Marktbedingungen von ungefähr 13 000 Waren (vgl. Kindermann 2001:551). Zur Steigerung der politischen Effizienz wurden unter Dengs Ägide ab 1986 auch politische Reformen verfolgt, die auf die Trennung von Partei- und Regierungskompetenzen (党政分开) abzielten. (vgl. Liu 1996a:69).

4. Bewertung

Bei der Betrachtung der Ära Deng Xiaopings fällt auf, dass er, auch auf dem Höhepunkt seiner Macht, nie die höchsten Ämter der Partei bekleitete. Im Gegenteil, legte er Schrittweise alle seine offiziellen Ämter nieder, was seine Macht jedoch nicht einschränkte, da er weiterhin aus dem Hintergrund die Fäden zog. Pye sieht darin zum einen, eine Konformität mit traditionellen chinesischen politischen Linien, ausgehend von den kaiserlichen Mandarinen, die im Verborgenen Politik betrieben. Zum anderen, war Deng so nicht den Beschränkungen und Verpflichtungen eines bestimmten Amtes unterworfen. Dabei gründete sich seine Autorität, wie oben ausgeführt, vor allem auf seiner Seniorität (Pye 1993:7,11). Dies erklärt auch den Umstand, dass Deng selten spezifische Maßnahmen bestimmte. Barry Naughton sieht in ihm aus diesem Grund auch einen „policy maker“, der nicht ausführend wirkt, sondern Richtlinien ausgibt und Kompetenzen verteilt. Sebastian Heilmann merkt an, dass der Reformprozess nicht auf einer bestimmten festgelegten Strategie beruhte, sondern gezeichnet war durch die vielfältigen politischen Widerstände bei dem Umbau der Wirtschaftsordnung (vgl. Heilmann 2003:165). So meint auch Naughton:

„Yet it is deeply paradoxical to credit Deng Xiaoping primarily with economic success, for he has never said anything original about economics or economic policy, and rarely displays any particular insight into the functioning of the economy. […] Thus, while he has intervened repeatedly and forcefully to keep the economic reform process moving forward, these interventions have always been precisely calculated for political effect, and extremely vague on economic content.“ (S.83)

Dabei stellt Naughton fünf Konstanten in Dengs Reformpolitik fest. Zum einen die zentrale Bedeutung der wirtschaftlichen Entwicklung, wobei schnelles Wachstum am besten war. Des Weiteren sollten Kompetenzen und Verantwortung klar verteilt werden und nach Möglichkeit nicht in die wirtschaftlichen Prozesse eingegriffen werden, wie sich z.B. in dem Verantwortlichkeitssystem zeigte. Als fünfte Konstante nennt Naughton die Wichtigkeit der Öffnung nach außen als Notwendigkeit für den Wiederaufstieg Chinas zu nationaler und internationaler Größe (vgl. 1995:93-100). Dieser Wideraufstieg, der in der Geschichte Chinas ein langes historisches Thema war und immer noch ist, war das zentrale Anliegen Deng Xiaopings, womit er sich in eine lange Reihe chinesischer Reformer stellte. Deng betonte oft, dass der Kapitalismus dabei nur ein Instrument sein sollte. Westliche Werte wurden dagegen strikt abgelehnt, ein Konzept vergleichbar dem der Reformer der Selbststärkungsbewegung (自强运动) des 19 Jh. die dafür den Slogan „Westliches für den Gebrauch, Chinesisches für die Essenz (西为用中为体)“ prägten (vgl. Pye 1995:33). Dies ist auch ein Grund für die Kampagnen gegen „geistige Verschmutzung“ und „bürgerliche Liberalisierung“, sowie die rigorose Repression der Studentenbewegungen Mitte und Ende der 80er Jahre. Bei der Unterdrückung der Studentenbewegungen ist darüber hinaus, wie auch auf Seite acht angemerkt, die Erfahrung der Kulturrevolution nicht im geringsten zu unterschätzen. Mit den Worten Georg Blumes:

Nichts kann bis heute ein solches Abschlachten unbewaffneter Zivilisten rechtfertigen. Zugleich aber ist es erlaubt, sich in die Rolle Dengs zurückzuversetzen: Gemessen an seiner Erfahrung beschworen die protestierenden Studenten die Gefahr einer erneuten Kulturrevolution hervor. Von 1966 bis 1973 hatte Deng sechs Jahre lang aus der Verbannung zusehen müssen, wie der jugendliche Radikalismus der Roten Garden Millionen Opfer forderte, das Erziehungswesen lahm legte und die alte Kultur des Landes zerstörte. [...]Man kann die Ereignisse [...]insofern auch als griechische Tragödie lesen, in der beide Seiten, Deng und die Studenten, zugleich Recht und Unrecht hatten.“

5. Fazit

 Unbestreitbar sind die wirtschaftlichen Erfolg der Reformen Deng Xiaopings. Nach der Definition der Weltbank, sind durch die Reformpolitik rund 400 Millionen Chinesen der Armut entkommen. In diesem Zusammenhang bezeichnete Deepak Bhattasali, der Chefvolkswirt der Weltbank in Beijing, die Reformen als den „erfolgreichsten Fall von Armutsbekämpfung, den die Menschheit je erlebt hat“ (zitiert nach Zeit.de 2004). Die Schattenseiten des wirtschaftlichen Erfolgs, sind zum einen, das wachsende Wohlstandsgefälle, auf welches die meisten der „Störungen der öffentlichen Ordnung“, von denen 2005 offiziell 87 000 registriert wurden, zurückgehen. Zum anderen die Umweltprobleme, die aus dem nahezu ungezügelten Wirtschaftswachstum resultieren (vgl. NZZ.ch 2007, Wirtschaftswoche 2006:28).

Was den eigentlichen Leitgedanken der Reform, dem Wiedererlangen „nationaler Größe“, angeht so kann festgehalten werden, dass China durch den Aufstieg zu einem wirtschaftlichen Schwergewicht auch weltpolitisch an Bedeutung gewonnen hat. Parallel dazu hat die Reformpolitik jedoch zentrifugale Kräfte in China bestärkt, die auch zu einem Auseinanderbrechen des Landes führen könnten (vgl. Heilmann 2004:284 ff.).

6. Literaturverzeichnis

Blume, Georg. „Einige müssen zuerst reich werden“ auf http://www.zeit.de/2004/35/deng?page=all (Zuletzt eingesehen am 14.03.2007, 16.30)

Franz, Uli. 1989. Deng Xiaoping. eine Biographie. München: Heyne.

Heilmann, Sebastian. 2004 (2. Auflage). Das politische System der Volksrepublik China.    Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kindermann, Gottfried-K. 2001. Der Aufstieg Ostasiens in der Weltpolitk 1840-2000.       Stuttgart, München: Deutsche Verlags-Anstalt.

Liu Jen-Kai. 1995a. „Deng Xiaoping. Eine Biografie. Teil 1 […].“ China aktuell 1995/1, 36-  44.

Liu Jen-Kai. 1995b. „Deng Xiaoping. Eine Biografie. Teil 2 […].“ China aktuell 1995/4, 290-            314.

Liu Jen-Kai. 1995c. „Deng Xiaoping. Eine Biografie. Teil 3 […].“ China aktuell 1995/9, 806-            846.

Liu Jen-Kai. 1996a. „Deng Xiaoping. Eine Biografie. Teil 4 […].“ China aktuell 1996/1, 57-  77.

Liu Jen-Kai. 1996b. „Deng Xiaoping. Eine Biografie. Teil 5 […].“ China aktuell 1996/3, 283-            314.

Liu Jen-Kai. 1997a. „Deng Xiaoping. Eine Biografie. Teil 6 […].“ China aktuell 1997/1, 28-  44.

Liu Jen-Kai. 1997b. „Deng Xiaoping. Eine Biografie. Teil 7 […].“ China aktuell 1997/2, 146-            151.

Naughton, Barry. „Deng Xiaoping: The Economist.“ in David Shambaugh (Hg.). 1995. Deng Xiaoping. Portrait of a Chinese Statesman.    Oxford: Clarendon Press.

Neue Züricher Zeitung. „Korrekturbedarf an Dengs Vermächtnis.“ auf             http://www.nzz.ch/2007/02/19/al/articleEXOC4.html (Zuletzt eingesehen am   14.03.2007, 16.00) 

Pye, Lucian W. „An Introductory Profile: Deng Xiaoping and China’s Political Culture.” in      David Shambaugh (Hg.). 1995. Deng Xiaoping. Portrait of a Chinese Statesman.     Oxford: Clarendon Press.

Shambaugh, David (Hg.). 1995. Deng Xiaoping. Portrait of a Chinese Statesman. Oxford:            Clarendon Press. 

Yang, Benjamin. „The Making of a Pragmatic Communist: The Early Life of Deng Xiaoping,   1904-49.” in David Shambaugh (Hg.). 1995. Deng Xiaoping. Portrait of a Chinese       Statesman. Oxford: Clarendon Press.

Wirtschaftswoche: Sonderheft China 2006.


[1] Es gibt mehrere Versionen zu Dengs Namensgebung siehe Liu 1995/1:37

[2] Andere Quellen geben 1924 als Eintrittsjahr an, was nach Yang jedoch unwahrscheinlich ist (Yang 1995:38/39).

[3] 1932 musste, aufgrund des stärkeren Drucks der GMD, die Parteizentrale in Shanghai aufgegeben werden und wurde in das Jiangxi-Sowjet umgesiedelt. Daraufhin verstärkte sich der Machtkampf zwischen den Moskautreuen um die Parteiführung aus Shanghai und den Befürwortern Mao Zedongs. Nach dem 4. Einkreisungsfeldzug Chiang Kai-sheks (蒋介石) wollte Luo Ming der Parteisekretär von Fujian die Gebiete in Fujian aufgeben und die restlichen Kräfte in Jiangxi bündeln (Franz, S.104). Daraufhin starteten die Moskautreuen um Li Weihan (Sekretär des KP-Organisationsbüros) eine Kampagne gegen Luo und Deng, der ebenfalls Maos Politik unterstützte.

[4] Liu Jen-kai merkt dazu an: „Mit neun der zehn Marschälle, die es in der Geschichte der VRC gegeben hat, hatte Deng Xiaoping Kontakt […]“ (1995c:812)

[5] Liu Shaoqi wurde 1959 Staatspräsident, nachdem Mao im Jahr davor von diesem Amt zurückgetreten war.

[6] Nach der offiziellen Version der KPCh stürzte das Flugzeug, in dem er nach seinem Putschversuch nach Moskau fliehen wollte, ab. Die tatsächlichen Umstände seines Todes sind jedoch nicht hinreichend geklärt.

[7] Da Deng gute Beziehungen zum Militär hatte und Zhou Enlai mit Krebs diagnostiziert worden war, wurde ein fähiger Mann im Staatsrat benötigt (Liu 1995c:838).

[8] „Viererbande“ war die offizielle, negative Bezeichnung der radikalen maoistischen Gruppe um Jiang Qing (Maos Frau), Zhang Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang Hongwen. Diesen Vier wurde später die Hauptschuld an den Schrecken der Kulturrevolution gegeben.

[9] Viele Autoren merken hierzu an, dass dies eigentlich Aussprüche von Mao waren und Deng diese Benutzte um zu zeigen, dass Mao seine eigenen Prinzipien verraten hatte. Pye hält dem entgegen, dass zwar der erste Ausspruch auf Mao zurückging (der diesen von dem konfuzianischen Gelehrten Zhang Zhidong entliehen hatte), der zweite jedoch von chinesischen Intellektuellen nach dem Tian’anmen-Zwischenfall 1989 Mao zugerechnet wurde, um Deng zu diskreditieren (vgl. Pye 1995:13).

[10] „Was auch immer der Vorsitzende Mao an politischen Entscheidungen getroffen hat, verteidigen wir entschlossen; was auch immer der Vorsitzende Mao an Weisungen herausgegeben hat befolgen wir von A bis Z, ohne davon abzuweichen.“ zitiert nach Liu, 1996a:57

[11] Er schreibt dazu: „By merely being one of the Party elders, a Long March veteran, […] Deng was enveloped with the aura of unchallengeable authority and thus automatically anointed as a leader.“ (1995:11)

[12] Maos Politik wurde zu 70% gut und zu 30% schlecht bewehrtet, wobei ihm vor allem die Kulturrevolution und der Kult um seine Person vorgeworfen wurde. Nach Lesart der Partei hatte Mao seine Fehler begangen, wenn er aus persönlichen Motiven seine eigenen Prinzipien (damit waren die Mao Zedong Ideen, wie sie in der Verfassung niedergeschrieben waren, gemeint) missachtete.

[13] Im Herbst 1978 wurden an einer Mauer im Beijinger Xidan-Bezirk kritische Wandzeitungen angebracht, in denen zu Beginn vor allem Mao und die Politik der maoistischen Fraktion angegriffen wurden.

[14] Hu Yaobang wurde vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen die Studenten vorgegangen zu sein und die Kampagnen gegen die „geistige Verschmutzung (精神污染)“ und die „bürgerliche Liberalisierung (资产阶级自由化)“ unterlaufen zu haben. Zu dem hatte er sich mit Rücktrittsforderungen an die Parteiveteranen viele Feinde in der Parteispitze gemacht (vgl. Liu 1996b:283).

[15] Deng hatte dieses Programm bereits auf dem XII. Parteitag im September 1982 verkündet (vgl. Liu 1996a:68).

[16] Zhou Enlai hatte diese erstmals 1965 dargelegt und 1975 wieder bekräftigt (vgl Naughton 1995:91)

Ergänzung von chinaweb.de im Nov. 2007: Titelbild (überarbeitet), Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Shenzhen.Statue.Deng_Xiaoping.jpg#filelinks

7. Autor und Copyrighthinweis

Dieser Beitrag wurde von David Hildebrand im Rahmen einer Seminararbeit am Institut für Orient- und Asienwissenschaften an der Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn im WS 2006 / 2007 erstellt.

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chinaweb.de, November 2007