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Deng
Xiaoping 邓小平 (1904-1997)
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Themenübersicht
1 Einleitung
2 Biografie
2.2 Frühe Jahre
2.3 Aufstieg
in der KPCh im Zeichen parteiinterner Machtkämpfe
2.4 Die Ära Deng Xiaoping
3 Reformwerk '
4 Bewertung
5 Fazit
6 Literaturverzeichnis
7 Autor und Copyrighthinweis
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich
mit dem „Chefarchitekten der chinesischen Reform“, Deng Xiaoping,
seinem Leben und seinem immensen Einfluss auf die neuere Geschichte
Chinas. Im ersten Teil soll an Hand seiner Biografie ein Bild der
Persönlichkeit Dengs skizziert werden. Dadurch sollen mögliche
Erklärungen für den, ihm nachgesagten, Pragmatismus und seine
politischen Reaktionen, sowie der Konstanten seiner Politik gegeben
werden. Im zweiten Teil werden die wichtigsten Punkte der
Reformpolitik vorgestellt und im dritten Teil wird die Rolle Dengs
in dem Reformprozess untersucht. Der letzte Teil geht auf die
nachhaltigen Auswirkungen der Reformen ein und gibt aktuelle
Pressemeinungen wieder.
Schwierigkeiten bei der Bearbeitung des
Themas ergaben sich aus den, teils widersprüchlichen Quellen. Dies
ist darauf zurückzuführen, dass die offiziellen Quellen meist, im
Sinne der Politik der KPCh, redigierte Darstellungen sind.
In der Arbeit wird das Hanyu Pinyin
Umschriftsystem verwendet. Einzige Ausnahme sind Autorennamen.
2. Biografie
2.2. Frühe
Jahre
Deng Xiaoping wurde am 22.08.1904 in
Paifang, Sichuan als Deng Xixian[1]
(邓希贤) geboren. Bis zur Revolution von 1911 besuchte er eine
traditionelle Dorfschule, danach eine „moderne“ Grundschule und
anschließend eine Mittelschule in Guang’an. 1918 ging Deng Xiaoping
zusammen mit seinem Onkel Deng Shaosheng nach Chongqing. 1919
belegten er und sein Onkel dort Vorbereitungskurse für ein
Werkstudium in Frankreich. Am 11.9.1920 reisten sie mit anderen
Werkstudenten von Shanghai Richtung Marseille ab, wo die Studenten
am 20.10.1920 eintrafen.
Dengs Frankreichaufenthalt lässt sich
nach Benjamin Yang in zwei Phasen unterteilen. In der ersten Phase
arbeitete Deng bei verschiedenen Firmen im Großraum Paris und konnte
auch verschiedene Schulen besuchen. Ab 1924 zwang ihn seine Geldnot
das Studieren aufzugeben und damit begannen seine politischen
Aktivitäten (Yang 1995:38). Im Februar 1924 wurde er Mitglied der
„Kommunistischen Jugendliga in Europa (旅欧中国共产主义年青团)“ und arbeitete
für deren Presseorgan, die Zeitschrift „Rotes Licht (赤光)“. Der
Herausgeber dieser Zeitschrift war Zhou Enlai (周恩来, 1898-1976).
Dieser war bereits 1920 nach Frankreich gekommen und gehörte zu den
bekannten chinesischen linken Studentenführern. Nachdem Zhou und
andere linke Führungspersönlichkeiten nach und nach Frankreich
verließen, stieg Deng weiter in der Organisation der Kommunisten
auf.
Die Jahre in Frankreich waren in
vielerlei Hinsicht prägend für Deng Xiaoping. Zum einen trat er hier
der kommunistischen Bewegung bei, womit auch seine „politische
Sozialisation“ (Pye 1995:20) begann. Zum anderen war diese Zeit für
den Charakter des jungen Deng prägend. So schreibt Lucian Pye:
„Deng Xiaoping’s basic socialization and
his political socialization easily merged into a single process
because while still in his teens he was brought into the activities
of 20 and 30-year-olds who had already taken Communism as their
group identity.“ (1995:20)
„In terms of personality development it
is significant that Deng’s early years were so coherently structured
and organized by others that he apparently never experienced a
period of adolescent turmoil and angst.“ (1995:21)
Benjamin Yang sieht in der Art, in der
Deng zum Kommunismus kam, auch schon seinen später so
kennzeichnenden Pragmatismus und auch den Grund für seine
Einstellung zur ideologischen Fragen.
„He joined the Communist revolution when
it became a popular trend, and he converted to Communism more for
personal than ideological reasons. […] Deng was never devoted to
Communist doctrines from the start, thus making it much easier for
him to shake them off at the end.“ (1995:48)
Neben den Kommunisten war auch die
Guomindang-nahe „Jugend Partei“ in Frankreich aktiv. Als die
Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern heftiger wurden und
sich die französische Polizei einschaltete, verlies Deng Paris und
reiste über Berlin nach Moskau. Dort wurde Deng an den
Kaderschmieden der „Universität des Ostens“ und der „Sun
Yat-sen-Universität“ zum Berufsrevolutionär ausgebildet. Hier trat
er wahrscheinlich auch in die Kommunistische Partei Chinas (KPCh,
中国共产党) ein.[2]
Nachdem Beginn des Nordfeldzuges 1926 wurde er zurück nach China
geschickt, um in der Armee des mit der Revolution sympathisierenden
„Warlords“ Feng Yuxiang als politischer Ausbilder zu dienen.
2.3. Aufstieg in der KPCh im Zeichen parteiinterner Machtkämpfe
Im März 1927 kam er in Xi’an, dem
Hauptquartier Feng Yuxiangs, an und blieb dort bis Juni des gleichen
Jahres. Nach dem Bruch der Einheitsfront stellte sich Feng auf die
Seite der Guomindang (国民党, GMD) und entließ alle kommunistischen
Berater. Daraufhin ging Deng nach Wuhan (Hankou) einem der damaligen
Zentren der Kommunisten. Hier traf er Zhou Enlai wieder und machte
mit Mao Zedong (毛泽东) Bekanntschaft. Er machte Parteiarbeit in Wuhan,
Guangxi und ab 1931 in Jiangxi. Er arbeitete auch im Untergrund in
Shanghai, dem zweiten kommunistischen Zentrum, hierfür nahm er jetzt
den Decknahmen Xiaoping an. Unter Zhou und Mao stieg er dann in der
Partei auf, bis er 1933 in Folge von parteiinternen Machtkämpfen um
die so genannte „Luo-Deng-Linie“ das erste Mal seiner Ämter enthoben
wurde.[3]
Durch die Patronage Zhou Enlais und Mao
Zedongs, mit dem er in Yan’an (1935-49) ein enges Verhältnis
aufbaute (Yang 1995:45), konnte Deng jedoch während des Langen
Marsches (长征, 1934-35), dem Kampf gegen die GMD und die Japaner
wieder in der Parteihierarchie aufsteigen. Durch die ihm
zugerechneten Erfolge während dieser Zeit sammelte er viel
politisches Kapital in der Partei und im Militär[4]
(Yang 1995:48/49). So wurde er auf dem 7. Parteitag 1945
hochrangiges Mitglied des ZK und nach der Ausrufung der
Volksrepublik 1949, 1952 nach Beijing beordert. Hier stieg er bis
zum Vize-Ministerpräsident, Generalsekretär des ZK und
Vize-Vorsitzendem des Nationalen Verteidigungsrates auf, damit
bekleitete er in allen drei Säulen des kommunistischen Systems
(Partei, Staat und Militär) hohe Ämter.
Als die verheerenden Auswirkungen des
„Großen Sprungs“ (大跃进, 1958) offensichtlich wurden, distanzierte
sich Deng von Mao und wendete sich der pragmatischen Fraktion um Liu
Shaoqi (刘少奇, 1898-1969) zu, welche sich bis zu Maos Gegenschlag, der
Kulturrevolution (文化大革命, 1966-76) durchsetzte.[5]
Der Bruch mit Mao wird in einem von Dengs berühmtesten Aussprüche,
den er 1962 zum Thema der privaten Initiative in der Landwirtschaft
machte, deutlich: „Gegenwärtig kommt es vor allem darauf an, mehr
Getreide zu produzieren. Solange die Erträge steigen, ist auch die
private Initiative des einzelnen erlaubt. Egal ob schwarz oder weiß,
Hauptsache ist die Katze fängt Mäuse (无论黑猫白猫, 只要抓到老鼠就是好猫).“ Dieser
Ausspruch zeigt klar die gegensätzlichen Positionen Dengs und Maos,
da es für Mao, um bei dem Beispiel zu bleiben, sehr wohl auf die
Farbe der Katze ankam, sie musste auf jeden Fall rot sein.
Während der Kulturrevolution war Deng
als eine der zentralen Figuren der pragmatischen Linie heftiger
Kritik ausgesetzt und wurde in Folge dessen 1968, unter der
Federführung des damaligen Verteidigungsministers Lin Biao (林彪,
1907-1971) das zweite Mal entmachtet. Deng wurde zusammen mit seiner
Frau Zhuo Lin und seiner Stiefmutter Xia Bogen nach Jiangxi zum
Arbeitsdienst geschickt. Aufgrund eines Beschlusses des IX.
Parteitages der KPCh von April 1969 wurde Deng aller seiner Ämter
enthoben, behielt jedoch seine Parteimitgliedschaft und wurde auch
nicht gefoltert, wie z. B. Liu Shaoqi der im Gefängnis starb. Deng
sagte später, dass Mao ihn vor Übergriffen der Roten Garden hatte
schützen lassen (Liu 1995c:836).
Nach Lin Biaos Tod[6]
holten Mao Zedong und Zhou Enlai Deng wieder zurück in die
Parteizentrale.[7]
Deng selbst meinte später zu seiner Rehabilitierung: „In einem
gewissen Augenblick dachten sie, dass ich wieder von Nutzen sein
könnte, und holten mich aus dem Grab. Das ist alles.“ (zitiert nach
Liu 1995c:838)
Spiegelbild des parteiinternen
Machtkampfes, vor allem in den letzen Jahren Maos Herrschaft, als
sein baldiges Ableben absehbar wurde, ist der gleichzeitige Aufstieg
Dengs und der sogenannten „Viererbande (四人帮)“[8]
in die Parteispitze. Diese stieg auf dem X. Parteitag im August 1973
geschlossen ins Politbüro auf.
Nach dem Tod Zhou Enlais am 8.1.1976,
erhielt die extrem linke Fraktion wieder auftrieb. In der Folge
wurde auf Trauerkundgebungen zu Ehren Zhous, Sympathie für Deng
artikuliert, welche in Demonstrationen gegen die „Linke“ mündeten
und als „erster Tian’anmen Zwischenfall“ bekannt wurden. Deng wurde
daraufhin von seinen Gegnern für die Demonstrationen verantwortlich
gemacht und man warf ihm Verschwörung vor. Dies führte zu der
dritten Entmachtung Dengs, bis er, nach dem Tod Mao Zedongs am
9.9.1976 und der anschließenden Entmachtung der „Viererbande“, 1977
rehabilitiert wurde. Damit begann sein dritter und endgültiger (Wieder-)Aufstieg.
Im Dezember 1978, auf der 3. Plenartagung des XI. ZK, setzte sich
Deng mit seiner Position „die Wahrheit in den Tatsachen suchen
(实事求是)“ und dem Zusatz „die Praxis ist das einzige Kriterium zur
Überprüfung der Wahrheit (实践是检验真理的唯一标准)“[9]
gegen Hua Guofeng (华国锋, *1921) und seinen „zwei was auch immer
(两个凡是)“[10]
durch, des weiteren forderte er das „Denken zu befreien (解放思想)“ und
verkündete die Politik der Reform und Öffnung (改革开放). Dies markierte
den Anfang der Ära Deng Xiaopings:
„At the end of 1978, during the Third
Plenum of the 11th Central Comittee, Deng emerged as the paramount
leader. From that point until the present (1993), no major policies
were adopted of which Deng did not approve, and Deng himself was the
initiator of many important policies.” (Naughton, S.92)
Lucian Pye nennt zwei Faktoren für den
Aufstieg Dengs zum „Paramount Leader“. Zum einen die Autorität die
das Alter in der chinesischen Gesellschaft gibt[11]
und die in der Partei nicht an offizielle Posten gebunden ist.
„Therefore Deng’s status as the Senior Great One meant that his
views and preferences had to be respected […]” (1995:11). Zum
anderen nennt Pye die Situation nach Maos Tod und dem Ende der
Kulturrevolution. Diese förderte seine persönliche Popularität, da
er auch Opfer der Kulturrevolution war. Des Weiteren führte die
Kulturrevolution den Chinesen die Bedrohung durch Chaos vor Augen
und förderte so die Popularität von Dengs pragmatischer Politik
(vgl. Pye 1995:12).
2.4. Die Ära Deng Xiaoping
Neben der wirtschaftlichen Reform waren
die Jahre 1978 bis 1981 durch die restliche Entmachtung der
maoistischen Fraktion durch die Reformer gekennzeichnet. Dies zeigte
sich in der schrittweisen Neubewertung der Politik Maos[12],
die 1981 zur endgültigen Entmachtung Hua Guofengs führte und dem
Schauprozess gegen die „Viererbande“ 1980/81. Im Zuge der
Neubewertung Maos wurden auch zahlreiche Kader, die unter Mao in
Ungnade gefallen waren rehabilitiert, womit Deng seine Machtbasis
verbreiterte. Das bedeutendste Ereignis in diesem Prozess war die 6.
Plenartagung des XI. Zentralkomitees im Juni 1981. Auf dieser
Konferenz verlor Hua Guofeng seine wichtigsten Ämter und die
„Resolution über einige Fragen in unserer Parteigeschichte seit der
Gründung der Volksrepublik“ wurde verabschiedet. Mit dieser
Resolution wurde unter anderem Liu Shaoqi postum rehabilitiert und
in ihr war die Neubewertung Maos, im Sinne Dengs, niedergeschrieben
(vgl. Liu 1996a:66).
Die Reformpolitik brachte neben den
wirtschaftlichen Erfolgen auch einen bedeutenden außenpolitischen
Erfolg, Deng gelang es unter dem Motto: „Ein Land, zwei Systeme
(一个国家两种制)“ erfolgreich die Rückführung Hongkongs mit der damaligen
britischen Premierministerin Margaret Thatcher auszuhandeln, was mit
der Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung am 19. Dezember 1984
besiegelt wurde.
Mit den wirtschaftlichen Erfolgen
wuchsen gleichzeitig auch die sozialen Spannungen, die der
Reformprozess mit sich brachte. Zum einen wurde der Ruf nach mehr
Demokratie lauter und zum anderen begann der Unmut der
wirtschaftlichen Verlierer der Reformen zu schwelen. Schon zu Beginn
der Reform-Ära 1978 im sogenannten „Beijinger Frühling (北京之春)“[13]
und 1986 bei Studentenprotesten wurden Demokratie und mehr
persönliche Freiheit gefordert. Die Reaktionen auf diese Ereignisse
zeichneten schon Dengs Reaktion auf die Protestbewegung auf dem
Tian’anmen Platz im Mai und Juni 1989 ab. So lies Deng während des
„Beijinger Frühlings“ freie Meinungsäußerung in den Wandzeitungen
zwar kurze Zeit zu. Jedoch nur solange sie seinem Zweck dienten, der
Schwächung der Position der Maoisten. Als Kritik an ihm laut wurde
und er die gesellschaftliche Stabilität in Gefahr sah, die für ihn
gleichbedeutend mit dem Erfolg der Wirtschaftsreformen war, folgten
sogleich Repressionen gegen diejenigen, die nicht mit der
Parteilinie konform waren. Deng meinte später dazu:
„Schon wenige Personen können unser
Vorhaben untergraben. […] Die Erfahrung der Kulturrevolution hat
gezeigt, dass Chaos lediglich zum Rückschritt, nie zum Fortschritt
führt und dass stabile Ordnung herrschen muss, wenn wir vorwärts
schreiten wollen.“ (zitiert nach Liu 1996a:63)
Genau dieser Linie folgend wurden auch,
nach der Entmachtung des damaligen Generalsekretärs Hu Yaobang (胡耀邦,
1915-1989),[14]
die Studentenproteste von 1986 unterdrückt. Als sich dann nach dem
Tod Hu Yaobangs 1989, der durch seinen vorherigen Sturz zu einer
Symbolfigur der Studenten geworden war, die Bewegung, deren Zentrum
der Tian’anmen Platz war, entwickelte, führte die Unnachgiebigkeit
auf beiden Seiten zu der blutigen Niederschlagung am 3. und 4. Juni.
Daran schloss sich eine erbitterte Verfolgung der Aktivisten und es
folgten drakonische Strafen für die Verhafteten. Die Ereignisse auf
dem Tian’anmen Platz führten auch zum Sturz Zhao Ziyangs (赵紫阳,
1919-2005), des damaligen Generalsekretärs, dem Jiang Zemin (江泽民,
*1926) an die Parteispitze folgte (vgl. Kindermann 2001:557). Dieser
sollte nun nach Dengs Willen der „Führungskern der dritten
Generation“ werden. Damit begann sich Deng aus dem offiziellen
Parteigeschehen zurückzuziehen, ohne jedoch die Zügel aus der Hand
zu geben. Mit dem Sturz Zhao Ziyangs gewannen die konservativen
Kräfte in der KPCh wieder an Einfluss und das Tempo der Reformen
wurde gedrosselt um die Wirtschaft zu stabilisieren. Deng
unterstützte zwei Jahre lang diese Sanierungspolitik, doch als er
ein Ende der Reformen befürchtete wurde er 1990 wieder aktiv.
Zunächst versuchte er mit persönlichen Gesprächen, z.B. mit Jiang
Zemin und Li Peng (李鹏, *1928) die Reformpolitik wieder zu
beschleunigen. Als dies jedoch nicht die erwünschte Wirkung
erzielte, inszenierte er seine Reise nach Südchina (南方考察), um dort
vom 17. Januar bis zum 21. Februar die Sonderwirtschaftszonen zu
bereisen. Die Reise verfehlte ihr Ziel nicht und auf dem XIV.
Parteitag 1992 wurde Dengs Theorie vom Aufbau des „Sozialismus
chinesischer Prägung (有中国特色的社会主义)“ in die Verfassung aufgenommen
(vgl. Liu 1996b:299, 300, 305).[15]
3. Das
Reformwerk
Das Fundament der Reformpolitik waren
die „Vier Modernisierungen (四个现代化)“ (Landwirtschaft, Industrie,
Wissenschaft/Technik, Verteidigung),[16]
denen mit Deng wieder oberste Priorität eingeräumt wurden. Ergänzt
wurde dies mit der Formel des Festhaltens an den „Vier
Grundprinzipien (四项基本原则)“, diese waren der sozialistische Weg, die
Diktatur des Proletariats, der Führungsanspruch der KPCh und die
Ideologie des Marxismus-Leninismus sowie der Mao-Zedong-Ideen. Deng
sprach auf einem Forum über theoretische Arbeit am 30. März 1979 zum
ersten Mal über diese Theorie. Auf diesem Forum betonte er auch die
Wichtigkeit der „Intensivierung der Familienpolitik“ um dem Problem
eines zu großen Bevölkerungswachstums, welches die Erfolge der
Reformen negieren könnte, entgegen zu wirken (vgl. Liu 1996a:70). Um
dem Bevölkerungswachstum entgegenzusteuern wurde 1979/80 die
Ein-Kind-Politik eingeführt.
In der ersten Phase der Reformpolitik,
bis 1984, lag der Fokus auf der Ertragssteigerung der
Landwirtschaft, die durch die maoistische Planwirtschaft am Boden
lag. Um dies zu erzielen, wurden die Volkskommunen aufgelöst und
Leistungsanreize geschaffen, indem man die vorherige gesamte
Gewinnabfuhr durch Steuern ersetzte und den Bauern gestattete ihre
Überschüsse auf freien Märkten zu handeln. Dieses Konzept unter dem
offiziellen Namen „System der vertragsgebundenen Verantwortlichkeit
auf der Basis der Bewirtschaftung durch Haushalte als Hauptform“
wurde, nach der erfolgreichen Umsetzung durch Zhao Ziyang in
Sichuan, im ganzen Land eingeführt. In Folge der Reformen stieg der
landwirtschaftliche Ertrag von 1979 bis 1984 jährlich um 10% (vgl.
Liu 1997b:147).
Als nächster Schritt folgte die
Einrichtung von vier Sonderwirtschaftszonen (Shenzhen, Zhuhai,
Shantou und Xiamen). Damit sollte vor allem ausländisches Kapital
und Know-how nach China gebracht werden, um die Modernisierung in
Wissenschaft und Technik, die 1978 von Deng als „Schlüssel für die
Vier Modernisierungen“ bezeichnet worden war, voranzutreiben (vgl.
Liu 1996a:59). Des Weiteren dienten sie als Versuchsfeld für die
Industriepolitik. 1984 wurde dann die erfolgreiche Politik auf
Hainan und 14 weitere Küstenstädte ausgeweitet, darunter auch
Shanghai.
Die Modernisierung der Industrie stützte
sich vor allem auf dem, bereits 1978 von Deng propagierten,
Verantwortlichkeitssystem. Dies bedeutete, dass die Betriebsleitung
die tragenden Entscheidungen treffen sollte und damit der lähmende
politische Einfluss durch die Politkomissare auf die Betriebsabläufe
vermindert werden würde. Zudem wurde eine leistungsorientierte
Lohndifferenzierung eingeführt und auch private Unternehmerische
Initiative gefördert in dem z.B. immer weitere wirtschaftliche
Bereiche für die Privatwirtschaft freigegeben wurden. Eine weitere
Maßnahme war die Freigabe für eine Preisgestaltung gemäß gegebenen
Marktbedingungen von ungefähr 13 000 Waren (vgl. Kindermann
2001:551). Zur Steigerung der politischen Effizienz wurden unter
Dengs Ägide ab 1986 auch politische Reformen verfolgt, die auf die
Trennung von Partei- und Regierungskompetenzen (党政分开) abzielten.
(vgl. Liu 1996a:69).
4. Bewertung
Bei der Betrachtung der Ära Deng
Xiaopings fällt auf, dass er, auch auf dem Höhepunkt seiner Macht,
nie die höchsten Ämter der Partei bekleitete. Im Gegenteil, legte er
Schrittweise alle seine offiziellen Ämter nieder, was seine Macht
jedoch nicht einschränkte, da er weiterhin aus dem Hintergrund die
Fäden zog. Pye sieht darin zum einen, eine Konformität mit
traditionellen chinesischen politischen Linien, ausgehend von den
kaiserlichen Mandarinen, die im Verborgenen Politik betrieben. Zum
anderen, war Deng so nicht den Beschränkungen und Verpflichtungen
eines bestimmten Amtes unterworfen. Dabei gründete sich seine
Autorität, wie oben ausgeführt, vor allem auf seiner Seniorität (Pye
1993:7,11). Dies erklärt auch den Umstand, dass Deng selten
spezifische Maßnahmen bestimmte. Barry Naughton sieht in ihm aus
diesem Grund auch einen „policy maker“, der nicht ausführend wirkt,
sondern Richtlinien ausgibt und Kompetenzen verteilt. Sebastian
Heilmann merkt an, dass der Reformprozess nicht auf einer bestimmten
festgelegten Strategie beruhte, sondern gezeichnet war durch die
vielfältigen politischen Widerstände bei dem Umbau der
Wirtschaftsordnung (vgl. Heilmann 2003:165). So meint auch Naughton:
„Yet it is deeply paradoxical to credit
Deng Xiaoping primarily with economic success, for he has never said
anything original about economics or economic policy, and rarely
displays any particular insight into the functioning of the economy.
[…] Thus, while he has intervened repeatedly and forcefully to keep
the economic reform process moving forward, these interventions have
always been precisely calculated for political effect, and extremely
vague on economic content.“ (S.83)
Dabei stellt Naughton fünf Konstanten in
Dengs Reformpolitik fest. Zum einen die zentrale Bedeutung der
wirtschaftlichen Entwicklung, wobei schnelles Wachstum am besten
war. Des Weiteren sollten Kompetenzen und Verantwortung klar
verteilt werden und nach Möglichkeit nicht in die wirtschaftlichen
Prozesse eingegriffen werden, wie sich z.B. in dem
Verantwortlichkeitssystem zeigte. Als fünfte Konstante nennt
Naughton die Wichtigkeit der Öffnung nach außen als Notwendigkeit
für den Wiederaufstieg Chinas zu nationaler und internationaler
Größe (vgl. 1995:93-100). Dieser Wideraufstieg, der in der
Geschichte Chinas ein langes historisches Thema war und immer noch
ist, war das zentrale Anliegen Deng Xiaopings, womit er sich in eine
lange Reihe chinesischer Reformer stellte. Deng betonte oft, dass
der Kapitalismus dabei nur ein Instrument sein sollte. Westliche
Werte wurden dagegen strikt abgelehnt, ein Konzept vergleichbar dem
der Reformer der Selbststärkungsbewegung (自强运动) des 19 Jh. die dafür
den Slogan „Westliches für den Gebrauch, Chinesisches für die Essenz
(西为用中为体)“ prägten (vgl. Pye 1995:33). Dies ist auch ein Grund für
die Kampagnen gegen „geistige Verschmutzung“ und „bürgerliche
Liberalisierung“, sowie die rigorose Repression der
Studentenbewegungen Mitte und Ende der 80er Jahre. Bei der
Unterdrückung der Studentenbewegungen ist darüber hinaus, wie auch
auf Seite acht angemerkt, die Erfahrung der Kulturrevolution nicht
im geringsten zu unterschätzen. Mit den Worten Georg Blumes:
Nichts kann bis heute ein solches
Abschlachten unbewaffneter Zivilisten rechtfertigen. Zugleich aber
ist es erlaubt, sich in die Rolle Dengs zurückzuversetzen: Gemessen
an seiner Erfahrung beschworen die protestierenden Studenten die
Gefahr einer erneuten Kulturrevolution hervor. Von 1966 bis 1973
hatte Deng sechs Jahre lang aus der Verbannung zusehen müssen, wie
der jugendliche Radikalismus der Roten Garden Millionen Opfer
forderte, das Erziehungswesen lahm legte und die alte Kultur des
Landes zerstörte. [...]Man kann die Ereignisse [...]insofern auch
als griechische Tragödie lesen, in der beide Seiten, Deng und die
Studenten, zugleich Recht und Unrecht hatten.“
5. Fazit
Unbestreitbar sind die wirtschaftlichen
Erfolg der Reformen Deng Xiaopings. Nach der Definition der
Weltbank, sind durch die Reformpolitik rund 400 Millionen Chinesen
der Armut entkommen. In diesem Zusammenhang bezeichnete Deepak
Bhattasali, der Chefvolkswirt der Weltbank in Beijing, die Reformen
als den „erfolgreichsten Fall von Armutsbekämpfung, den die
Menschheit je erlebt hat“ (zitiert nach Zeit.de 2004). Die
Schattenseiten des wirtschaftlichen Erfolgs, sind zum einen, das
wachsende Wohlstandsgefälle, auf welches die meisten der „Störungen
der öffentlichen Ordnung“, von denen 2005 offiziell 87 000
registriert wurden, zurückgehen. Zum anderen die Umweltprobleme, die
aus dem nahezu ungezügelten Wirtschaftswachstum resultieren (vgl.
NZZ.ch 2007, Wirtschaftswoche 2006:28).
Was den eigentlichen Leitgedanken der
Reform, dem Wiedererlangen „nationaler Größe“, angeht so kann
festgehalten werden, dass China durch den Aufstieg zu einem
wirtschaftlichen Schwergewicht auch weltpolitisch an Bedeutung
gewonnen hat. Parallel dazu hat die Reformpolitik jedoch
zentrifugale Kräfte in China bestärkt, die auch zu einem
Auseinanderbrechen des Landes führen könnten (vgl. Heilmann 2004:284
ff.).
6.
Literaturverzeichnis
Blume, Georg. „Einige müssen zuerst
reich werden“ auf http://www.zeit.de/2004/35/deng?page=all (Zuletzt
eingesehen am 14.03.2007, 16.30)
Franz, Uli. 1989. Deng Xiaoping. eine Biographie. München:
Heyne.
Heilmann, Sebastian. 2004 (2. Auflage).
Das politische System der Volksrepublik China. Wiesbaden: VS
Verlag für Sozialwissenschaften.
Kindermann, Gottfried-K. 2001. Der
Aufstieg Ostasiens in der Weltpolitk 1840-2000. Stuttgart,
München: Deutsche Verlags-Anstalt.
Liu Jen-Kai. 1995a. „Deng Xiaoping. Eine
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Liu Jen-Kai. 1997a. „Deng Xiaoping. Eine
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Liu Jen-Kai. 1997b. „Deng Xiaoping. Eine
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Naughton, Barry. „Deng Xiaoping: The
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Neue Züricher Zeitung. „Korrekturbedarf
an Dengs Vermächtnis.“ auf http://www.nzz.ch/2007/02/19/al/articleEXOC4.html
(Zuletzt eingesehen am 14.03.2007, 16.00)
Pye, Lucian W. „An Introductory Profile:
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Statesman. Oxford: Clarendon Press.
Shambaugh, David (Hg.). 1995. Deng
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Yang, Benjamin. „The Making of a
Pragmatic Communist: The Early Life of Deng Xiaoping, 1904-49.” in
David Shambaugh (Hg.). 1995. Deng Xiaoping. Portrait of a Chinese
Statesman. Oxford: Clarendon Press.
Wirtschaftswoche: Sonderheft China 2006.
[1] Es gibt
mehrere Versionen zu Dengs Namensgebung siehe Liu 1995/1:37
[2] Andere
Quellen geben 1924 als Eintrittsjahr an, was nach Yang jedoch
unwahrscheinlich ist (Yang 1995:38/39).
[3] 1932
musste, aufgrund des stärkeren Drucks der GMD, die
Parteizentrale in Shanghai aufgegeben werden und wurde in das
Jiangxi-Sowjet umgesiedelt. Daraufhin verstärkte sich der
Machtkampf zwischen den Moskautreuen um die Parteiführung aus
Shanghai und den Befürwortern Mao Zedongs. Nach dem 4.
Einkreisungsfeldzug Chiang Kai-sheks (蒋介石) wollte Luo Ming der
Parteisekretär von Fujian die Gebiete in Fujian aufgeben und die
restlichen Kräfte in Jiangxi bündeln (Franz, S.104). Daraufhin
starteten die Moskautreuen um Li Weihan (Sekretär des
KP-Organisationsbüros) eine Kampagne gegen Luo und Deng, der
ebenfalls Maos Politik unterstützte.
[4] Liu
Jen-kai merkt dazu an: „Mit neun der zehn Marschälle, die es in
der Geschichte der VRC gegeben hat, hatte Deng Xiaoping Kontakt
[…]“ (1995c:812)
[5] Liu
Shaoqi wurde 1959 Staatspräsident, nachdem Mao im Jahr davor von
diesem Amt zurückgetreten war.
[6] Nach
der offiziellen Version der KPCh stürzte das Flugzeug, in dem er
nach seinem Putschversuch nach Moskau fliehen wollte, ab. Die
tatsächlichen Umstände seines Todes sind jedoch nicht
hinreichend geklärt.
[7] Da Deng
gute Beziehungen zum Militär hatte und Zhou Enlai mit Krebs
diagnostiziert worden war, wurde ein fähiger Mann im Staatsrat
benötigt (Liu 1995c:838).
[8]
„Viererbande“ war die offizielle, negative Bezeichnung der
radikalen maoistischen Gruppe um Jiang Qing (Maos Frau), Zhang
Chunqiao, Yao Wenyuan und Wang Hongwen. Diesen Vier wurde später
die Hauptschuld an den Schrecken der Kulturrevolution gegeben.
[9] Viele
Autoren merken hierzu an, dass dies eigentlich Aussprüche von
Mao waren und Deng diese Benutzte um zu zeigen, dass Mao seine
eigenen Prinzipien verraten hatte. Pye hält dem entgegen, dass
zwar der erste Ausspruch auf Mao zurückging (der diesen von dem
konfuzianischen Gelehrten Zhang Zhidong entliehen hatte), der
zweite jedoch von chinesischen Intellektuellen nach dem
Tian’anmen-Zwischenfall 1989 Mao zugerechnet wurde, um Deng zu
diskreditieren (vgl. Pye 1995:13).
[10] „Was
auch immer der Vorsitzende Mao an politischen Entscheidungen
getroffen hat, verteidigen wir entschlossen; was auch immer der
Vorsitzende Mao an Weisungen herausgegeben hat befolgen wir von
A bis Z, ohne davon abzuweichen.“ zitiert nach Liu, 1996a:57
[11] Er
schreibt dazu: „By merely being one of the Party elders, a Long
March veteran, […] Deng was enveloped with the aura of
unchallengeable authority and thus automatically anointed as a
leader.“ (1995:11)
[12] Maos
Politik wurde zu 70% gut und zu 30% schlecht bewehrtet, wobei
ihm vor allem die Kulturrevolution und der Kult um seine Person
vorgeworfen wurde. Nach Lesart der Partei hatte Mao seine Fehler
begangen, wenn er aus persönlichen Motiven seine eigenen
Prinzipien (damit waren die Mao Zedong Ideen, wie sie in der
Verfassung niedergeschrieben waren, gemeint) missachtete.
[13] Im
Herbst 1978 wurden an einer Mauer im Beijinger Xidan-Bezirk
kritische Wandzeitungen angebracht, in denen zu Beginn vor allem
Mao und die Politik der maoistischen Fraktion angegriffen
wurden.
[14] Hu
Yaobang wurde vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen die
Studenten vorgegangen zu sein und die Kampagnen gegen die
„geistige Verschmutzung (精神污染)“ und die „bürgerliche
Liberalisierung (资产阶级自由化)“ unterlaufen zu haben. Zu dem hatte er
sich mit Rücktrittsforderungen an die Parteiveteranen viele
Feinde in der Parteispitze gemacht (vgl. Liu 1996b:283).
[15] Deng
hatte dieses Programm bereits auf dem XII. Parteitag im
September 1982 verkündet (vgl. Liu 1996a:68).
7.
Autor und Copyrighthinweis
Dieser Beitrag wurde von David Hildebrand im Rahmen einer
Seminararbeit am Institut für Orient- und Asienwissenschaften an
der Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn im WS 2006 / 2007 erstellt.
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