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Die
Qinghai-Tibet-Eisenbahnlinie und ihre Bedeutung für
gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Veränderungen in der
Region |
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Allgemeine Informationen zum Bau der Qinghai-Tibet-Bahn
3 Die Schwierigkeiten und Maßnahmen beim Bau der Strecke
3.1
Technische Mittel zur Überwindung des Permafrostes und des
Sauerstoffmangels
3.2 Umweltschutzmaßnahmen
4 Erwartungen an die Qinghai-Tibet-Bahn
4.1 Auswirkungen auf die Wirtschaft
4.1.2 Bodenschätze
4.2 Förderung des Tourismus
4.3 Schaffung von Arbeitsplätzen
4.3.1 Beschäftigungsmöglichkeiten und Lohn
4.3.2 Die Sicherheit vor Ort
4.3.3 Benachteiligung tibetischer Arbeitskräfte
5 Kritik an der Qinghai-Tibet-Bahn
5.1 Die Ausweitung der politischen Macht und des Militärs
5.2 Gefährdung der Umwelt
5.3 Verdrängung der tibetischen Kultur
5.4 Unterdrückung der Tibeter
6 Weiterer Streckenausbau bis nach Indien
7 Fazit
8
Quellen- und Literaturverzeichnis
9 Autorin und Copyright
1 Einleitung
Die
Qinghai-Tibet-Bahn ist die neuste technische Errungenschaft der Chinesen.
Mit dem Bau der höchsten Eisenbahntrasse der Welt hat man die Erwartungen
viele Kritiker übertroffen, die ein solches Projekt nicht für möglich
hielten. Seit dem 1. Juli 2006, genau 50 Jahre nach der Kapitulation Tibets,
ist die Qinghai-Tibet-Bahn offiziell in Betrieb gesetzt worden. Chinas
Regierung erhofft sich dank dieser Bahn unter Anderem einen Aufschwung im
wirtschaftlichen Bereich und eine Förderung des Tourismus. Welche Folgen der
Bau der Qinghai-Tibet-Eisenbahn haben wird, inwiefern die Hoffnungen der
Chinesen in Erfüllung gehen werden, welche Vorteile und eventuelle Gefahren
und Nachteile er sowohl für die Chinesen als auch für die Tibeter haben
kann, sollen in dieser Arbeit näher erläutert werden. Die ersten Kapitel
liefern allgemeine Informationen zum Bau der Strecke, danach werde ich
genauer auf die Hoffnungen eingehen, die in die Bahn gesetzt werden. Dabei
werde ich besonders auf die wirtschaftlichen Aspekte eingehen, auf den zu
erwartenden steigenden Tourismus und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Auch
kritische Aspekte werde ich hier bereits anschneiden und ab Kapitel 5
genauer auf diese eingehen und versuchen, eventuelle Gefahren der
Eisenbahnlinie näher darzustellen.
Besonders eingehen werde ich auf die Befürchtungen, die Eisenbahn könnte zur
Verdrängung der tibetischen Kultur beitragen. Im Schlussteil versuche ich,
die positiven und negativen Erwartungen der Qinghai-Tibet-Bahn gegeneinander
abzuwägen und ein Fazit daraus zu ziehen. Zur Literatur, die ich für diese
Arbeit benutzt habe, lässt sich sagen, dass es aufgrund der Aktualität
dieses Themas noch keine Bücher hierzu gibt. Deswegen musste ich mich fast
ausschließlich auf Fachzeitschriften, Zeitungsartikel und Berichte aus dem
Internet beziehen. Eine Schwierigkeit bestand darin, subjektive Meinungen
von wissenschaftlichen Berichten zu unterscheiden, zudem waren Artikel oft
einseitig dargestellt. Da dies ein sehr aktuelles Geschehen ist, welches
auch noch in der Zukunft einen Einfluss auf China und Tibet haben wird,
halte ich eine Arbeit zu diesem Thema für sinnvoll.
Für
den zweiten Teil der Arbeit, der aus der Übersetzung von zwei chinesischen
Texten besteht, habe ich einmal einen informativen, technisch orientierten
Text auserwählt und zum anderen einen weiteren Text, der sich mit den
Vorteilen der Qinghai-Tibet-Bahn und den Auswirkungen auf den Tourismus
befasst.
2
Allgemeine Informationen zum Bau der Qinghai-Tibet-Bahn
Der
Bau der Qinghai-Tibet-Bahn begann 2001, die Vorgeschichte geht allerdings
etwas weiter zurück. Bereits als China 1950 vorhatte, Tibet unter der
Herrschaft Mao Tse-tungs einzunehmen, erkannte dieser das Problem, dass die
Verkehrsanbindungen zwischen China und Tibet nicht geeignet waren, um zum
Beispiel seine Armee zu versorgen. Also trieb er den Bau von zwei Straßen
nach Tibet voran. Diese beiden Straßen, von Lhasa aus nach Golmud und
Chengdu, waren lange Zeit die einzigen Verkehrsanbindungen zwischen China
und Tibet. Sie sind allerdings so unpassierbar, dass man unter Umständen bis
zu drei Tagen unterwegs sein kann[1].
Im
Jahre 1979 begannen bereits die ersten Bauarbeiten an einer
Eisenbahnstrecke, die von Xining bis Golmud verläuft, 1984 wurde diese
Strecke in Betrieb gesetzt (vgl. Bai;Wang;Lu, 2006, [10.06.07])[2].
Die Strecke von Xining bis Golmud beträgt etwa 814 km. Um diese Strecke
weiter auszubauen und letztendlich eine Verkehrsanbindung nach Tibet zu
erschaffen, hat man 2001 mit dem Bau der Qinghai-Tibet Strecke begonnen. Sie
knüpft an die bereits vorhandene Xining – Golmud Strecke an und verläuft von
Golmud bis Lhasa, der Hauptstadt der Autonomen Region Tibet. Der Verlauf
dieser Strecke beträgt etwa 1125 km. Der gesamte Streckenverlauf von Golmud,
in der Provinz Qinghai, bis nach Lhasa ist also über 1900 km lang. Das
besondere dieser Strecke ist nicht nur ihre Länge, sondern vor allem die
Höhe, auf der sie sich befindet: Etwa 960km der Strecke von Golmud nach
Lhasa, somit fast 90 Prozent, verlaufen in einer Höhe von über 4000 Metern.
Der höchste Punkt liegt am Tanggula-Pass, hier liegt die Höhe etwa bei 5072
Metern über dem Meeresspiegel. Damit wird die Qinghai-Tibet-Strecke, deren
Bauarbeiten 2005 endeten, zur höchstgelegenen Eisenbahntrasse der Welt[3].
Die
Bahn hält an 45 verschiedenen Stationen. Passagierzüge starten unter Anderem
von Peking, Chengdu und Chongqing. Etwa 100.000 Arbeiter waren an dem
Projekt beteiligt. Erste Testläufe und Gütertransporte wurden kurz nach
Beendigung des Baus durchgeführt und am 1.Juli 2006 ging die Bahn offiziell
auch für Passagiere in Betrieb. Die Kosten des Baus belaufen sich auf
umgerechnet etwa 3,3 Milliarden Euro. Das ist mehr als China in 50 Jahren
für Krankenhäuser und Schulen in Tibet ausgegeben hat[4].
Dank der Eisenbahnverbindung kann man Tibet von Peking aus innerhalb von 48
Stunden erreichen, die Reise von Golmud nach Lhasa dauert sogar nur etwa 12
Stunden. Außerdem sind die Ticketpreise der Eisenbahn im Vergleich zu
Flugpreisen weitaus billiger. Ein Ticket von Peking nach Lhasa ist
umgerechnet ab etwa 40 Euro zu erwerben[5].
Auf der Abbildung 1 ist der Verlauf der Qinghai-Tibet-Eisenbahnlinie zu
erkennen und Angaben zu den Höhen einzelner Streckenabschnitte verzeichnet.

Abbildung 1: Der Verlauf der Qinghai-Tibet-Bahn[6]
3
Die Schwierigkeiten und Maßnahmen beim Bau der Strecke
3.1 Technische Mittel zur Überwindung des Permafrostes und des
Sauerstoffmangels
Während des Baus der Strecke gab es viele Schwierigkeiten, für die man
Lösungen finden musste, um dieses Projekt erfolgreich verwirklichen zu
können. Neben den teilweise schlechten Wetterverhältnissen, wie Sandstürmen
und Erdbeben, denen die Arbeiter ausgeliefert waren, stellte sich bei der
Verlegung der Gleise die Überwindung des Permafrostbodens als besonders
kompliziert heraus (vgl. Kronenberg, kein Datum, [10.06.2007]). Ein
Großteil der Strecke verläuft über diese Art von Boden, der unterhalb der
Erde dauerhaft gefroren ist. Da der Untergrund ständig gefroren ist, im
Sommer allerdings auftaut, mussten spezielle technische Maßnahmen ergriffen
werden, um Temperaturschwankungen zu verhindern, damit die Gleise nicht ins
Schwimmen geraten (vgl. Lorenz, 2005, [10.06.2007]). Denn durch das Auftauen
kann das Schmelzwasser nicht versickern, folglich weicht die obere Schicht
so stark auf, dass die Trasse droht zu versinken. Damit der Boden nicht
unnötig strapaziert wird wurden Brücken gebaut. Um den Schutz des
Permafrostbodens weiter auszubauen, benutzte man außerdem besondere
technische Verfahren zur Behebung des Problems. So wurden luftleere
Stahlröhren, die mit Kältemitteln gefüllt sind, in den Erdboden eingeführt.
Diese Kältemittel haben die Eigenschaft, dass sie schon bei Temperaturen
unter dem Gefrierpunkt verdunsten. Durch die entstehende Verdunstungskälte
soll die Erdumgebung des Permafrostbodens auch im Sommer unter dem
Gefrierpunkt gehalten werden. Der Vorgang wiederholt sich, sobald der Dampf
in die Spitze der Röhre gestiegen ist, er daraufhin kondensiert und wieder
nach unten fließt (vgl. Peters 2006: 30ff.).
Zusätzlich wurden die Arbeitsbedingungen durch den Sauerstoffmangel in den
sehr kalten Umgebungen auf dieser Höhe erschwert (vgl. Kolonko, 2005,
[10.06.2007]). Damit sich die Körper der Bauarbeiter an die dünne Luft und
an den wenigen Sauerstoff gewöhnen konnten, wurden sie in den ersten Wochen
des Baus mit Medikamenten versorgt und an Sauerstoffgeräte angeschlossen. Um
auch die Passagiere gegen dieses Problem zu wappnen, hat man in die Waggons
Sauerstoffmasken eingebaut, in einigen Bereichen hat man sogar einen
Druckausgleich wie in Flugzeugen geschaffen (vgl. Peters, 2006: 31, 38).
Zudem wird über Düsen Sauerstoff in die Kabinen gepustet (vgl. Aldenrath,
2006, [10.06.2007]).
3.2 Umweltschutzmaßnahmen
Auch wurden Anstrengungen unternommen, bei der Verlegung der Gleise der
Umwelt nicht zu schaden. So dienen die Brücken nicht nur der Erhaltung des
Permafrostbodens, sondern auch zum Schutz einiger Tier- und Pflanzenarten.
Beispielsweise die tibetischen Antilopen können so ungestört unter den
Brücken hindurchlaufen, wenn sie auf Wanderung gehen (vgl. Peters 2006: 34).
Außerdem hat man während der Bauarbeiten versucht, Umweltverschmutzungen
entgegenzuwirken, die Wasserquellen zu schützen und die Vegetation nicht zu
beschädigen (vgl. Bai;Wang;Lu, 2006, [10.06.2007])[7].
In den Umweltschutz hat man etwa 154 Millionen Euro investiert (vgl.
Bartsch, 2006, [20.06.2007]). Aber diese Maßnahmen sollen sich nicht nur auf
die Zeit während des Bauprozesses beschränken, sondern auch darüber hinaus.
So sagte der chinesische Vize-Eisenbahnminister Zhu Zhensheng laut einem
Artikel:
‚Auch nachdem die Eisenbahn gebaut wurde, werden wir den Umweltschutz
einhalten. Zum einen haben wir Erziehungskampagnen ins Leben gerufen, zum
anderen beobachten wir die Strecke. Zum Beispiel wird das bereits benutzte
Wasser gesammelt und immer nur an der Station in Golmud entsorgt. Die
Fenster im Zug lassen sich nicht öffnen, die Passagiere können also keinen
Müll aus dem Fenster werfen.’ (Zhu, kein Datum, zit. nach: Aldenrath, 2006,
[10.06.2007]).
Kritiker allerdings sehen die Umwelt durch die Qinghai-Tibet-Bahn vielmehr
gefährdet als geschützt. Auf diesen Aspekt werde ich in Kapitel 5.2 näher
eingehen.
4 Erwartungen an
die Qinghai-Tibet-Bahn
4.1 Auswirkungen auf die
Wirtschaft
Als
die chinesische Regierung 2001 beschlossen hat, mit dem Bau der
Qinghai-Tibet-Bahn zu beginnen, sprach man von einem viel versprechenden
Vorhaben, das in unterschiedlichen Bereichen Vorteile und Erfolge für China
und Tibet bringen würde. Als die Strecke im Juli 2006 feierlich eingeweiht
wurde, freute sich Chinas Präsident, Hu Jintao, über „a miracle in the world
railway history“ und lobte seine Landsleute (vgl. Hu, 2006, zit. nach: BBC
News, o.V.: 2006, [10.06.2007]). Besonders im wirtschaftlichen Bereich
erhofft man sich durch die Bahn einen Aufschwung sowohl für China als auch
für Tibet zu erreichen. So verkündete der Premierminister Zhu Rongji, dass
der Bau der Bahn dazu diene ‚den ökonomischen und kulturellen Austausch
zwischen Tibet und dem Rest des Landes zu fördern und die Einheit der Nation
zu stärken’ (Zhu, kein Datum, zit. nach: Hilbk 2002: 38). Wie bereits weiter
oben erwähnt, sind die einzigen Verbindungen zwischen Tibet und China die
schlecht befahrbaren Landstraßen von Lhasa nach Golmud und Chengdu[8].
85 Prozent aller importierten Güter werden über diese Straßen transportiert
(vgl. Maass, 2001, [10.06.2007]). Daher soll besonders der Warentransport
von und nach Tibet dank der Bahnverbindung vereinfacht werden, der Handel
soll schneller ablaufen. 5 Millionen Tonnen Güter[9]
sollen die Züge jährlich befördern, so zum Beispiel um Tibet mit
Lebensmitteln versorgen zu können (vgl. Hilbk 2002: 38).
Auch berichtet die chinesische Regierung davon, dass der Zug den
Güterverkehr um 75 Prozent billiger machen solle. Günstige Kohleeinfuhren
könnten Tierdung als Brennstoff ablösen und auch die Preise für Lebensmittel
und Baumaterialien sollen deutlich sinken (vgl. Bartsch, 2006,
[20.06.2007]). Aus einem Bericht der China Embassy geht hervor, was
Experten aus China von der neuen Bahnlinie erwarten. So sollen dank der
Qinghai-Tibet-Bahn die Kosten für den Güterverkehr zwischen Tibet und China
reduziert werden. Billigere Transportkosten ermöglichten demnach die
Beschleunigung kostengünstiger Produkte nach Tibet und gleichzeitig die
Förderung, lokale tibetische Produkte nach China zu exportieren. Dies habe
große Auswirkungen auf die ökonomische Entwicklung des wirtschaftlich noch
nicht sehr gewachsenen Tibet Hochplateaus. So sagte Wi Houkai, Direktor des
„Local Economic Research Office“ des „Industrial Economic Research Centers“:
,It
is advantageous for local enterprises in Tibet to exploit the outside
market. They can easily open the domestic market with more transportation
channels and lower prices. With the lower cost of freight transportation,
large amounts of commodities will be imported to Tibet, bringing about
certain impacts on Tibetan industry and agriculture. Those local enterprises
lacking competitive power will face a crisis of survival or risk
elimination.’ (Houkai, kein Datum, zit. nach: Embassy Of The People's
Republic Of China In The Republic Of Bulgaria, o.V.: 2006, [13.07.2007]).
Desweiteren, so Wei Houkai, trage die Eisenbahnlinie dazu bei, dass das
Ausmaß importierter und exportierter Güter ausgeweitet werde. Außerdem
werden dank der Qinghai-Tibet-Bahn weitere Güter, die vorher nur begrenzt
transportiert werden konnten, nun leichter zugänglich gemacht. So könne zum
Beispiel Zement, Kohle, Eisen, Stahl, Düngemittel und Erdöl schneller nach
Tibet gebracht und lokale Produkte Tibets, wie zum Beispiel tibetische
Medizin, Yak und Gerste leichter nach China exportiert werden (vgl. Houkai,,
kein Datum, zit. nach: Embassy Of The People's Republic Of China In The
Republic Of Bulgaria, o.V.: 2006, [13.07.2007]).
Kritiker allerdings sind skeptisch ob sich die Investitionen rentieren
werden. Brian Green, Eisenbahnexperte bei der britischen Beratungsfirma GIBB
Rail ist der Auffassung, dass eine Investition in den Ausbau der Landstraßen
sinnvoller gewesen wäre. Seinen Berechnungen nach müsste das
Transportvolumen viermal so hoch sein wie geplant, damit sich die
Investitionen in Milliardenhöhe lohne (vgl. Green, kein Datum, zit. nach:
Peters 2006: 33).
4.1.2 Bodenschätze
Außerdem hat man rund um das Hochplateau viele Bodenschätze entdeckt, die
den Aufschwung der Wirtschaft fördern können. So teilte Meng Xianlai,
Direktor des China Geological Survey, im Januar 2007 mit, dass entlang der
Qinghai-Tibet-Bahnlinie ein hohes Vorkommen an Kupfer, Eisen, Blei und Zink
entdeckt worden sei (vgl. Meng, 2007, zit. nach: Tibetan Centre for Human
Rights and Democracy, o.V.: 2007, [16.06.2007]). Dies führte bereits zu
Diskussionen, da man Chinas Abtransport dieser Ressourcen als Ausbeutung
Tibets kritisierte. So sagte Matt Whitticase von der Organisation “Free
Tibet Campaign” in einem Bericht 2007: ”China's mining activities in
occupied Tibet amount to daylight robbery.” (Whitticase, kein Datum, zit.
nach: Free Tibet Campaign, o.V.: 2007, [16.06.2007]). Dass die chinesische
Regierung die Ressourcen und Bodenschätze des Hochplateaus abtransportiert
wird von China nicht abgestritten (vgl. Kolonko, 2005, [10.06.2007]). Hier
lässt sich bereits erkennen, dass die Qinghai-Tibet-Bahn umstritten ist.
Während besonders auf chinesischer Seite von wirtschaftlichen Vorteilen
gesprochen wird, sehen Kritiker in der Bahn die Benachteiligung der Tibeter[10].
4.2 Förderung des Tourismus
Neben einem wirtschaftlichen Aufschwung erhofft man sich dank der
Qinghai-Tibet-Bahn damit verbunden auch einen Erfolg im Bereich des
Tourismus. Die Bahn soll mehr Menschen einfacher und schneller nach Tibet
transportieren und Tibet für die Außenwelt leichter zugänglich machen. Vor
allem durch günstige Preise sollen Touristen angelockt werden, denn ein
Eisenbahnticket ist deutlich billiger als ein Flugticket, da die chinesische
Regierung die Eisenbahntickets subventioniert (vgl. Kolonko, 2005,
[10.06.2007]). Das billigste Ticket, für die Strecke Xining-Lhasa, liegt bei
etwa 28 US-Dollern (vgl. Zhang, 2006, [13.06.2007]). Nach der Eröffnung der
Strecke im Jahre 2006 ging man davon aus, dass die Anzahl der Touristen, die
nach Tibet reisen, in jenem Jahr 2, 6 Millionen betragen würde. Schätzungen
zufolge sollen die Einnahmen durch den Tourismus bis 2010 bei 575,9
Millionen Euro liegen. (Lanzhou Morgenzeitung, o.V.: 2006, [13.06.2007]).
Kurz vor der Eröffnung der Qinghai-Tibet Eisenbahnlinie erwartete man
Prognosen zufolge, dass dank der Bahnverbindung täglich 5000 bis 6000
Touristen nach Tibet kommen werden würden (vgl. China.org.cn, o.V.: 2006,
[15.07.2007]). Nach aktuellen Meldungen hat der Tourismus in Tibet seit der
Eröffnung etwas mehr als ein halbes Jahr später tatsächlich um 50 Prozent
zugelegt (vgl. Tibeter Gemeinschaft in der Schweiz und Liechtenstein, o.V.:
2007, [13.06.2007]). Und der stellvertretende Vorsitzender der Autonomen
Region Tibet, Wu Wingjie, sagte in einem Interview, dass der Tourismus
bereits innerhalb des ersten Monats nach Eröffnung der Eisenbahnlinie um 66
Prozent gestiegen sei (vgl. Wu, kein Datum, zit. nach: Reilly, 2006,
[15.07.2007]). Nicht nur Chinesen sollen nach Tibet reisen, sondern auch
immer mehr Touristen aus aller Welt können dank der neuen Bahnverbindung
Tibet leichter erreichen.
Aber auch hier gibt es Skeptiker, die in dem steigenden Tourismus nicht nur
positive Aspekte sehen: Experten aus Lhasa befürchten, dass einige
Sehenswürdigkeiten den großen Ansturm von Besuchern nicht verkraften könnten
(vgl. Weser Kurier, o.V.: 2006, [16.06.2007]). Vor Allem der Potala-Palast
könnte darunter leiden, wenn zu viele Menschen nach Tibet reisen, um diesen
zu besichtigen. Es besteht die Gefahr, dass der Bau aus Holz und Lehm
einstürzen könne (vgl. Erling, 2006, [16.06.2007]). Und Kritiker bemängeln,
dass durch den Ansturm auf Tibet immer mehr Chinesen nach Tibet dringen
werden, denn Tibets Hauptstadt Lhasa ist bereits zu zwei Dritteln von
Chinesen bewohnt (vgl. Hilbk 2006: 38)[11].
Inwiefern sich die Millioneninvestition in den Bau der Bahn für Wirtschaft
und Tourismus wirklich lohnen wird, kann man wohl erst in einigen Jahren mit
Sicherheit sagen.
4.3 Schaffung von Arbeitsplätzen
4.3.1
Beschäftigungsmöglichkeiten und Lohn
Mit
dem Bau der Qinghai-Tibet-Strecke ergaben sich automatisch
Arbeitsmöglichkeiten, denn für die Umsetzung dieses Projektes wurden viele
Arbeitskräfte benötigt. Artikeln zufolge waren etwa 100.000 Arbeiter an dem
Bau beteiligt. Nicht nur Bauarbeiter, Ingenieure und Techniker konnten hier
eine Beschäftigung finden, sondern auch Ärzte und Krankenschwestern.
Brigaden aus ganz China wollten an dem Bau beteiligt sein, denn bei so etwas
großartigen mitwirken zu dürfen galt als Nationalstolz. Aber nicht nur des
Ansehens wegen waren die Arbeitsplätze auf dem Hochplateau sehr beliebt,
sondern auch auf Grund der guten Bezahlung. Gewöhnliche Arbeiter konnten
hier umgerechnet 150 Euro im Monat verdienen, ein Lohn der in China weit
über dem Durchschnitt liegt und etwa doppelt so viel beträgt wie der
Heimatlohn vieler Arbeiter. Prostitution fand hier ebenfalls einen Markt. In
Zelten boten junge Mädchen ihre Dienste an (vgl. Peters 2006: 30ff.). Ärzte
bekamen für ihre Tätigkeiten auf dem Hochplateau oft sogar das Dreifache
oder mehr, als sie gewöhnlich verdienen (vgl. Maass, 2001, [10.06.2007]).
Allerdings brachte die Aussicht auf Arbeit nicht nur positive Folgen mit
sich. So gab es Meldungen darüber, dass viele Arbeiter nicht gebraucht
werden konnten, 5000 Wanderarbeiter sollen keine Beschäftigungsmöglichkeit
beim Bau der Strecke gefunden haben. Ingenieure und geschulte Arbeiter waren
bei diesem Projekt gefragter. In den Rundfunknachrichten in China hieß es,
die Zeit, als es bei der Bahn noch ungelernte Massenarbeit gab, sei in China
vorbei, denn dafür gebe es nun Maschinen (vgl. chinesischer Staatsrundfunk,
kein Datum, zit. nach: Erling, 2002, [16.06.2007]). Viele Wanderarbeiter
sind also umsonst den weiten Weg gekommen und haben vergeblich nach Arbeit
gesucht. Einige Kritiker bemängeln, dass in den meisten Jobs, die durch die
Bahn geschaffen werden, ausgebildete Leute benötigt werden und dass
besonders die Tibeter von diesen neuen Jobmöglichkeiten wenig Nutzen haben
werden. Dazu schrieb Phillippa Carrick, Chief Executive Officer von
Phayul.com in einem offenen Brief:
„It
will lead to increased poverty through fewer jobs being available. Most new
jobs that will be created will be within businesses and trade that require
educated and qualified people. Due to the cost of education and lack of
facilities within rural areas, Tibetans remain ill-educated and will be
unable to take advantage of these new openings.” (Carrick, 2006,
[15.07.2007]).
Hier lassen sich also ebenfalls, wie in den Kapiteln davor, neben den
positiven Aspekten auch Kritik und Nachteile der Qinghai-Tibet-Bahn erkennen[12].
4.3.2 Die Sicherheit vor Ort
Die
Bauarbeiten auf dem Hochplateau mussten unter extremen Umständen
durchgeführt werden, denn das Klima, die Höhe und der Sauerstoffmangel
erschwerten die Arbeiten. Um sich auf diese besonderen Arbeitsverhältnisse
einstellen zu können, mussten die Arbeiter täglich frischen Sauerstoff
einatmen. Sie standen unter ärztlicher Aufsicht, bekamen Tabletten und
Salben verabreicht (vgl. Peters 2006: 32). Eine weitere Maßnahme bestand
darin, dass die Arbeiter eine begrenzte Arbeitszeit pro Tag einhalten
sollten (vgl. Maass, 2001, [10.06.2007]). Als Unterbringung bot man
Ingenieuren und Bauleitern Container, die mit Heizungen, Sauerstoffgeräten,
Satelliten-TV und Computern ausgestattet waren. Gewöhnliche Bauarbeiter
wohnten in Armeezelten (vgl. Peters 2006: 33). Chinesischen Berichten
zufolge waren die Sicherheitsvorkehrungen so verlässlich, dass keine
Arbeiter während den Arbeiten auf dem Hochplateau an Krankheiten wie etwa
der Höhenkrankheit gestorben seien (vgl. Bai;Lu;Wang, 2006, [10.06.2007]).[13]
In anderen Quellen ist jedoch die Rede von etwa 40 Todesfälle während dem
Bau der Strecke, darunter soll aber kein einziger Fall der Höhenkrankheit
aufgetreten sein (vgl. Wellmann, 2007, [19.06.2007]). Ob das stimmt, lässt
sich nicht feststellen, da es hierüber keine offiziellen Angaben gibt.
4.3.3
Benachteiligung tibetischer Arbeitskräfte
Obwohl der Bau der Qinghai-Tibet-Strecke sehr viele Jobmöglichkeiten zu
bieten hat und viele chinesische Arbeiter während des Baus davon
profitieren konnten, blieb die tibetische Bevölkerung anfangs von diesen
Möglichkeiten ausgeschlossen. Auch wenn viele Tibeter sogar einen Vorteil
gegenüber den chinesischen Arbeitern gehabt hätten, da sie bereits an das
Klima und das Umfeld des Hochplateaus gewöhnt waren, bekamen sie keine Jobs.
Erst nach heftiger Kritik auch aus dem Ausland wurden etwa 6000 lokale
Arbeiter für den Bau eingestellt (vgl. Peters 2006: 32)[14].
5 Kritik an der
Qinghai-Tibet-Bahn
5.1 Die
Ausweitung der politischen Macht und des Militärs
Neben den positiven Erwartungen, die man sich von der Qinghai-Tibet Bahn
erhofft, wurden aber auch Stimmen laut, die Chinas neuster Errungenschaft
skeptisch gegenüberstehen. Wie in Kapiteln 3.2, 4.1, 4.1.2, 4.2 und 4.3.3
bereits angedeutet, gibt es einige kritische Aspekte der Qinghai-Tibet-Bahn.
So befürchten Experten, dass sich die Milliarden-Investitionen, die in den
Bau gesteckt wurden, nicht rentieren werden[15]
und dass China immer mehr Einfluss auf Tibet erlangen und somit die
tibetische Kultur gefährden wird[16].
Einige Kritiker sehen in der Qinghai-Tibet-Bahn vor Allem eines: Chinas
politische Machterweiterung über Tibet. Organisationen wie die „Free Tibet
Campaign“ sind der Meinung, dass die Eisenbahn dafür sorge, dass ein
stetiger Nachschub an Truppen und Gütern für das Militär ermöglicht werde
und somit die bereits ansässigen chinesischen Streitkräfte aufgestockt
würden (vgl. Free Tibet Campaign, o.V.: 2007, [16.06.2007]). In einem
Artikel der Asia Times Online schrieb Tony Allison hierzu:
,,Another
clear reason for the railway is strategic. It will allow China to more
easily maintain and serve the strong military presence it has in Tibet -
which it has used as a buffer against India since it occupied the territory
in 1950. Military convoys currently have to travel over 5,000-meter passes
to supply the garrison which patrols China's border with India and enforces
Beijing's rule in Tibet.“ (Allison, 2001, [15.07.2007]).
5.2 Gefährdung der Umwelt
Obwohl sich nach offiziellen Angaben Seitens Chinas während des Baus darum
bemüht wurde, die Umwelt des Hochplateaus und die Vegetation zu schützen[17]
und in den chinesischen Medien auch immer wieder betont wird, dass die
Eisenbahn keine schädigenden Einflüsse auf die Umwelt habe (vgl. Shutao,
2007, [19.06.2007]), gibt es Gegenstimmen die behaupten, mit der
Qinghai-Tibet Eisenbahn werde die Umwelt des Hochplateaus gefährdet und
seltene Tierarten bedroht. So berichten Nomaden aus Nagchu und anderen
Gebieten, dass trotz der gebauten Brücken als Maßnahme zum Schutz der Tiere
immer wieder Tiere in großem Ausmaße zu Tode kommen. Erklärungen dafür
finden die Nomaden darin, dass die Abstände zwischen den Brückenpfeilern
viel zu schmal seien. Tiere wie die tibetische Antilope, aber auch Schafe
und Yaks, die in großen Herden leben, geraten oft in Panik, wenn sie
versuchen, in größeren Mengen durch die Brücken hindurchzurennen. Somit,
nach Aussage der Nomaden, bewirken die Brücken nicht den Schutz der Tiere
sondern vielmehr das Gegenteil (vgl. Tsundue, 2006, [18.06.2007]). Hierzu
gibt es verschiedene Berichte zu finden, während die einen in der
Qinghai-Tibet-Eisenbahnlinie eine Gefährdung der tibetischen Antilope sehen,
sind andere der Meinung, die Eisenbahn schade diesen nicht. So sagte der
Wissenschaftler Ding Ling laut einem Artikel zufolge, der im September 2006
veröffentlicht wurde:,although passageways on the line were built for
migrating animals, we still don't know whether the antelopes really use them
to cross the railway.’ (Ding, kein Datum, zit. nach: Xinhua, o.V.: 2006,
[16.07.2007]). In einem anderen Artikel von Juli 2007 sagten Mitarbeiter der
Umweltschutzbehörde, dass die Qinghai-Tibet-Eisenbahn keine negativen
Einflüsse auf die tibetischen Antilopen gehabt und dass sie sich gut an die
speziell für sie gebauten Passagen angepasst haben (vgl. China Daily, o.V.:
2007, [16.07.2007]). Auch hier wird deutlich, wie umstritten der Bau der
Qinghai-Tibet-Eisenbahn ist und dass es sehr unterschiedliche Meinungen
hierzu gibt.
Andere Betroffene Tibeter berichteten, dass der Bau der Eisenbahn zu
schweren Umweltschäden in ihren Gegenden geführt habe. Durch Sprengladungen,
die von den Arbeitern ausgeführt wurden, um Hügel zu entfernen und durch die
abgetragene Erde des Hügels, die in einen nahe gelegenen Fluss entsorgt
wurde, wurde das Trinkwasser der dort lebenden Tibeter verschmutzt (vgl.
Tibetan Centre for Human Rights and Democracy, o.V.: 2005, [19.06.2007]).
5.3 Verdrängung der
tibetischen Kultur
Einer der Hauptgefahren, die Kritiker in der Qinghai-Tibet-Bahn sehen, ist
die der Verdrängung der tibetischen Kultur. Befürworter der Bahn, wie zum
Beispiel der US-Experte Doktor Keidel, der als Ökonom in der Weltbank in
Peking tätig war, behaupten zwar:
‚Mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie wird die tibetische Kultur den
Chinesen aus anderen Teilen des Landes nähergebracht. Die Menschen haben
somit die Gelegenheit, die tibetische Kultur persönlich und umfassend kennen
zulernen sowie das Verständnis und Respekt für ihre Nationalkultur zu
verstärken. So kann eine engere Verbindung zwischen ihnen und der
tibetischen Bevölkerung entstehen.’ (Keidel, kein Datum, zit. nach: CRI,
2006, [25.06.2007]).
Die
Kritiker allerdings befürchtet, dass mit der Eisenbahn immer mehr
Han-Chinesen nach Tibet siedeln werden und die ohnehin schon kleinere
Minderheit von Tibetern noch mehr verdrängen könnten. Tibets Einwohnerzahl
beträgt 2,5 Millionen (vgl. Peters 2006: 36). Bereits vor dem Bau der
Qinghai-Tibet Bahn sind größere tibetische Städte wie Lhasa, Golmud und
Shigatse schon von Han-chinesischen Geschäften und Waren eingenommen worden.
Nach Angaben eines chinesischen Entwicklungsinstituts werden bis zum Jahre
2015 200 Millionen Han-Chinesen nach Tibet siedeln. Damit würde die
tibetische Bevölkerung in ihrer eigenen Region immer mehr zur Minderheit
werden (vgl. Tsundue, 2006, [18.06.2007]). Auch der Dalai Lama, religiöses
Oberhaupt der Tibeter im Exil, kritisiert die Qinghai-Tibet-Bahn und
bezeichnete sie als ‚kulturellen Genozid’. Weiterhin erklärte er, dass eine
Eisenbahn grundsätzlich nützliche sei, um ein Land zu entwickeln, aber
nicht, wenn sie einen demographischen Wandel bewirken solle. Der Dalai Lama
bezieht sich bei seiner Kritik beispielhaft auf die muslimische Provinz
Xinjiang, denn hier habe sich entlang der neuen Eisenbahnstrecke die Anzahl
der chinesischen Einwanderer vervielfacht und somit die turkstämmigen
Uiguren zur Minderheit gemacht (vgl. Dalai Lama, kein Datum, zit. nach:
Peters 2006: 38). Mit der Qinghai-Tibet-Bahn werden viele Touristen, vor
allem Han-Chinesen, nach Tibet reisen, und viele werden in Tibet bleiben, da
es hier gute Arbeitsmöglichkeiten gibt. Die Stadt Lhasa scheint bereits mehr
chinesisch als tibetisch zu sein. In einem Report der BBC News heißt es:
„This city is in every way Chinese, down to the tacky plastic palm trees –
the signature of a Chinese city-planning bureaucrat.”(Wingfield-Hayes, 2006,
[19.06.2007]).
Die
Tibeter selbst sind geteilter Meinung über die Qinghai-Tibet-Bahn. Einige
sprechen positiv über die Bahn, zumindest überwiegt dieser Eindruck in der
chinesischen Presse. Andere stehen der neuen Bahnstrecke skeptisch
gegenüber. Befürworter der Eisenbahnstrecke sprechen davon, dass Tibet nicht
mehr isoliert sein werde und dass sich das Gebiet weiterentwickeln werde
(vgl. Lanzhou Morgenzeitung, o.V.: 2006, [13.06.2007]). Kritiker allerdings
gehen davon aus, dass Tibet immer chinesischer und die eigene Kultur
verdrängt werde (vgl. Kolonko, 2005, [10.06.2007]).
5.4 Unterdrückung der Tibeter
Wie
in Kapitel 4.3.3 bereits angedeutet, sind verschiedenen Berichten zufolge
die Tibeter während des Streckenbaus der Eisenbahn benachteiligt worden. So
durften sie zum Beispiel anfangs gar nicht beim Bau mithelfen[18].
Neben der Benachteiligung bei der Vergabe von Arbeitsplätzen hatten viele
Tibeter auch aufgrund des Baus der Qinghai-Tibet-Strecke keine andere Wahl,
als ihr Land und ihre Häuser zu verlassen. Organisationen, die sich für die
Rechte der Tibeter einsetzen, berichteten davon, dass viele tibetische
Familien und Dörfer von ihrem Land vertrieben worden seien und teilweise
noch heute auf die ursprünglich versprochene Entschädigung warten würden
(vgl. Tibetan Centre for Human Rights and Democracy, o.V.: 2005,
[19.06.2007]). Einige Tibeter haben Entschädigung verlangt gegen die Räumung
ihrer Häuser und den geringen Betrag, den sie als Wiedergutmachung
erhielten. Doch, so heiß es in einem Bericht von Radio Free Asia, taten sie
dies mit wenig Erfolg. So haben sich einige Tibeter, die ursprünglich dort
gewohnt haben, wo jetzt die Eisenbahn verläuft, darüber beschwert, dass die
zuerst versprochenen neuen Häuser nie gebaut worden seien und sich auch nach
Beschwerden bei den zuständigen Offizieren nichts gebessert habe. Auch auf
den anfänglich versprochenen Schadensersatz warten viele Tibeter bis heute
vergeblich (vgl. Radio Free Asia, o.V.: 2005, [17.07.2007]). Eine tibetische
Frau, die ursprünglich dort gelebt hat, wo jetzt die Qingahi-Tibet
Eisenbahnlinie verläuft, sagte gegenüber „Radio Free Asia“:
‘All this is what they call the great western development plan. We are
victims of these developments. The rail track which is a major part of
development as explained by the Chinese falls through my house and
farmland.’(Local resident, kein Datum, zit. nach: Radio Free Asia, o.V.:
2005, [17.07.2007]).
Auch hier findet man verschiedene Quellen, es gibt durchaus auch Berichte,
in denen Tibeter positiv über die neue Eisenbahn sprechen. So sagte ein
junger Tibeter in einem Radiointerview über die Bahn:
‚Ich bin sehr froh. Wenn man früher ins Landesinnere fahren wollte, war es
nicht einfach. Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke am 1. Juli wird nun
alles viel einfacher. Die Waren sind auch billiger geworden. Mit der
Eisenbahn kann ich später Großstädte wie Shanghai und Beijing besuchen, wenn
ich Zeit habe.’ (Zhaxi, kein Datum, zit. nach: Radio China International
Deutsch, o.V.: 2006, [17.07.2007]).
Die
Meinungen scheinen also gespalten. Generell lässt sich vielleicht eine
Tendenz erkennen, wonach die jüngere Generation der Tibeter gegenüber der
neuen Bahnlinie positiver eingestellt sind als es die ältere Generation zu
sein scheint.
6 Weiterer
Streckenausbau bis nach Indien
Neben dem Verlauf der Qinghai-Tibet-Strecke ist bereits eine weitere
Ausweitung der Eisenbahnlinie in Planung. So sind zum Beispiel Strecken
nach Shigatse und Linzhi vorausgesehen. Zudem soll es Bahnanbindungen nach
Yadong geben, welches an der indischen Grenze liegt. Dann soll auch der
Warenaustausch mit Indien möglich gemacht werden (vgl. Kolonko, 2005,
[10.06.2007]). Der geplante weitere Verlauf der Bahnstrecke soll etwa 1200km
erreichen und wird etwa 1 Milliarden Euro kosten (vgl. Bai;Lu;Wang, 2006,
[10.06.2007])[19].
7 Fazit
Während des Erstellens dieser Arbeit ist mir immer wieder aufgefallen, dass
in der chinesischen Presse die Eisenbahn und ihre Folgen für die Chinesen
und Tibeter meist sehr positiv dargestellt werden, während man in
ausländischer Presse neben eventuellen positiven Auswirkungen auch Kritik
lesen kann. Fasst man die einzelnen Kapitel nochmals kurz zusammen, so denke
ich, dass man wohl erst in mehreren Jahren mit absoluter Sicherheit sagen
kann, ob sich die Investitionen in den Bau der Bahn gelohnt haben und wer
wirklich davon profitieren wird. Meiner Meinung nach wäre es sicher sinnvoll
gewesen statt der 3,3 Milliarden Euro, die man in den Bau der Bahn gesteckt
hat, die Landstraßen auszubauen oder das Geld in soziale Institutionen wie
Krankenhäuser und Schulen zu investieren. Wirtschaftlich gesehen denke ich,
dass die Bahn bestimmt von Vorteil sein wird, denn man kann Güter nun
schneller von und nach Tibet transportieren. Aber hier stellt sich die
Frage, ab wann sich dies rentieren wird. Ich stimme Brian Greens Bedenken
und Skepsis zu[20], zumindest
denke ich, dass es sicher einige Jahre dauern wird, ehe man aus der Bahn
wirklich Gewinn schlagen kann. Ich bin der Auffassung, dass sich die Bahn
wirtschaftlich gesehen rentieren wird, allerdings wird dies einige Zeit
dauern.
Zum
Aspekt des Umweltschutzes lässt sich sagen, dass sich die chinesische
Regierung sicherlich angestrengt hat, das Hochplateau so gut es geht zu
schützen. Ich halte es allerdings für übertrieben, wenn von chinesischer
Seite aus beteuert wird, die Qinghai-Tibet-Bahn werde der Umwelt auf keinen
Fall schaden, denn verschiedenen Berichten nach hat die Bahn bereits zu
Schäden der Umwelt geführt[21].
Ich
teile die Ansichten hinsichtlich der Befürchtungen, die Qinghai-Tibet-Bahn
trage dazu bei, dass die tibetische Kultur und Sprache noch mehr verdrängt
werde. Die Stadt Lhasa ist bereits voll von Han-Chinesen, und durch die Bahn
werden immer mehr Han-Chinesen schneller und einfacher nach Tibet einreisen
können. Viele werden dort bleiben, um Arbeit zu suchen. Ich bin der Meinung,
dass China die Bahn auch aus dem Grund gebaut hat, um Tibet näher an sich zu
binden und damit zu kontrollieren[22]
Meiner Meinung nach bringt die neue Eisenbahnlinie mit Sicherheit einige
Vorteile mit sich, die Frage ist nur, für wen. Ich denke, es werden vor
Allem die chinesische Regierung und die Han-Chinesen sein, die davon
profitieren. Es werden auch einige Tibeter davon Vorteile haben, besonders
im Tourismusbereich, da nun viel mehr Chinesen und auch Ausländer einfacher
nach Tibet reisen können[23].
Allerdings wird auch dies noch einige Jahre benötigen, ehe sich Tibet auf
den Ansturm von Touristen einstellen kann. Petra Kolonko hat dazu treffend
in einem Artikel formuliert:
„Tatsächlich ist es schwer vorzustellen, daß sich in Tibet vieles schnell
ändern wird. Hier geht alles langsamer voran als in anderen Teilen Chinas.
Das liegt nicht nur an der chinesischen Politik, die sich erst in den
vergangenen zehn Jahren von einer Besatzungspolitik zu einer Art
Entwicklungspolitik geändert hat. Es liegt auch an den klimatischen und
geographischen Bedingungen. Es kommen zwar Einwanderer, aber wegen der Härte
des Klimas und der Höhe gehen sie nach ein paar Jahren wieder.“ (Kolonko,
2005, [10.06.2007]).
Die
Tibeter selber, der einzelne Bürger, wird wohl erst einmal nicht viel von
der Eisenbahn mitnehmen können. Viele Tibeter sind von ihrem Land vertrieben
und Berichten zufolge nicht dafür entschädigt worden[24]
und auch beim Mitwirken am Bau wurden sie zunächst ausgeschlossen[25].
Zum
Abschluss kann man festhalten, dass man wohl erst nach mehreren Jahren
feststellen kann, inwiefern sich der Bau der Eisenbahnlinie rentieren wird.
Zum jetzigen Zeitpunkt, knapp ein Jahr nach Inbetriebnahme der Bahn, ist
dies sicherlich schwierig einzuschätzen. Dennoch denke ich, dass es China
sein wird, der den größten Nutzen aus der Qinghai-Tibet-Bahn ziehen wird.
8. Quellen-
und Literaturverzeichnis
[1] Zu diesen Informationen vergleiche auch Chang;Halliday 2005:
594, Hilbk 2002: 38
[2] Das chinesische Original habe ich selbst ins Deutsche
übersetzt.
[3] Zu den Informationen über die allgemeinen Fakten zur Strecke
vgl. People’s Daily Online, o.V.: 2006, [13.06.2007], Zhang, 2006,
[13.06.2007], Peters 2006: 30ff., Aldenrath, 2006, [10.06.2007],
Kolonko, 2005, [10.06.2007].
[4] Zu den Informationen über die allgemeinen Fakten zur Strecke
vgl. People’s Daily Online, o.V.: 2006, [13.06.2007], Zhang, 2006,
[13.06.2007], Peters 2006: 30ff., Aldenrath, 2006, [10.06.2007],
Kolonko, 2005, [10.06.2007].
[5] Zu den Informationen über die Fahrtdauer und Preise vgl.
ORF, o.V.: kein Datum, [10.06.2007]).
[6] Vgl. Abbildung aus: Peters 2006: 30
[7] Das chinesische Original habe ich selbst ins Deutsche
übersetzt.
[9] Hierzu habe ich verschiedene Angaben gefunden, einige
Artikel sprechen von zweieinhalb Millionen Tonnen Güter (vgl. Peters
2006: 33).
[10] Zu ausführlichen
Kritiken an der Bahn siehe Kapitel 5
[11] Zu ausführlichen
Kritiken an der Bahn siehe Kapitel 5
[12] Zu ausführliche
Kritiken an der Bahn siehe Kapitel 5
[13] Das chinesische
Original habe ich selbst ins Deutsche übersetzt.
[14] Vgl. Maass, 2001,
[10.06.2007].
[19] Das chinesische
Original habe ich selbst ins Deutsche übersetzt.
================
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Schwindel erregender Höhe. http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5672266,00.html
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Zuletzt überprüft am 10.06.2007.
9. Autorin und Copyrighthinweis
Dieser Beitrag wurde von
Sarah Gau im Rahmen einer Bachelorarbeit an der
Philosophischen Fakultät
der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn, erstellt.
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chinaweb.de, September 2008
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