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Das Deutschlandbild
Chinas vor dem Hintergrund der |
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chinesisch-deutschen Beziehungen
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Was sind Nationenbilder und wie entstehen sie? Kurze begriffliche
Erläuterung
2. Das Selbstverständnis Chinas gegenüber seiner
Außenwelt
3. Die Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen und ihre
Auswirkung auf
das chinesische
Deutschlandbild
3.1
Das „kleinere Übel“: Das Image der Deutschen während der
Kaiserzeit
3.2
Vom Sturz der Qing-Dynastie bis zur Gründung der VR China:
Die Deutschen als Militärhelfer und
Ideologielieferanten.
3.3
1949-1978: Das Deutschlandbild und die deutsche Frage vor dem
Hintergrund
der sino-sowjetischen
Beziehungen
3.4
Das Deutschlandbild in der Zeit der
Westorientierung
4.
Das Deutschlandbild Chinas in der
Gegenwart
5.
Zusammenfassung
Als die deutsche Wiedervereinigung 1989
unerwartet in greifbare Nähe rückte, kam es plötzlich wieder ans Licht: „das
Schreckbild der häßlichen Deutschen, die ihre Geschichte durch Weltkriege
und Massenmorde verspielt haben“.
Die Aussicht auf ein wirtschaftlich und geographisch mächtiges,
wiedervereinigtes Deutschland ließ die alte Angst vergangener Zeiten und das
Bild des „typischen“ Deutschen wieder aufleben: „fleißig zwar, ordentlich
und effizient, aber auch verunsichert, obrigkeitshörig, aggressiv und immer
auf der Suche nach irgendeinem Sonderweg“.
Konnte man den Deutschen nach all ihren historischen Verfehlungen überhaupt
noch trauen? Die Skepsis und Besorgnis des Auslands war groß.
Die deutsche Wiedervereinigung hat eine
Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen angestoßen, die sich mit der
Perzeption Deutschlands von Außen beschäftigen. Aufgrund der räumlichen
Nähe und historischen Ereignisse wurden und werden bei diesen Untersuchungen
insbesondere die europäischen Länder sowie Israel und die USA
berücksichtigt. Das Deutschlandbild in anderen Teilen der Welt ist bisher
jedoch höchst unzureichend dokumentiert und analysiert worden. Wie zum
Beispiel sieht man die Deutschen in Asien? Gibt es auch dort das
„Schreckbild des häßlichen Deutschen“?
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit
dem Deutschlandbild Chinas von Beginn der ersten Begegnungen zwischen den
beiden Ländern im 17. Jahrhundert bis heute. Am Anfang der Arbeit erfolgt
eine kurze theoretische Erläuterung zum Begriff „Nationenbild“ sowie eine
allgemeine Darstellung des traditionellen chinesischen Selbstverständnisses
gegenüber seiner Außenwelt. Der Hauptteil der Arbeit ist in prägnante
Epochen der chinesischen Geschichte eingeteilt, in denen jeweils die
Entwicklung der Beziehungen zwischen China und Deutschland skizziert und –
soweit es die magere Quellenlage zuläßt - die Perzeption der Deutschen aus
chinesischer Sicht dargelegt wird. In der Zeit ab Gründung der Volksrepublik
China 1949 bis 1989 wird zudem die chinesische Haltung gegenüber der
deutschen Frage thematisiert.[3]
Am Ende der Arbeit erfolgen Einschätzungen zum heutigen Deutschlandbild
Chinas, bevor ein abschließendes Fazit die Ergebnisse zusammenfaßt.
1. Was sind Nationenbilder und wie entstehen sie? Kurze begriffliche
Erläuterung
Kenneth Boulding beschreibt Nationenbilder
als „eine Mischung aus erzählter Historie, Erinnerungen an vergangene
Ereignisse, Geschichten und Gesprächen usw. plus einer großen Menge
gewöhnlich schlecht verarbeiteter und oberflächlich gesammelter aktueller
Informationen“[4].
Nationenbilder setzen sich zusammen aus einerseits anthropologisch bedingten
Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen (Perzeptionen) und andererseits den
daraus resultierenden Vorstellungsmustern über die Umwelt (Weltbild), über
andere Individuen (Vorurteile) sowie über soziale Gruppen (Stereotype).[5]
Somit sind Nationenbilder sozusagen das Ergebnis einer Übertragung
„stereotyper Kollektivvorstellungen der sozialen Interaktion auf das
internationale System“.[6]
Die wichtigsten Kanäle für die Entstehung
und Verbreitung dieser sich tendenziell durch Dauerhaftigkeit auszeichnenden
„Konstrukte“ sind verschiedene Präsenzformen, die von einer Nation ausgehen
und ihr zugeordnet werden. Das können materielle Repräsentanzen der Nation
sein wie zum Beispiel Gebäude, oder auch Werbung und Produkte, herausragende
Ereignisse oder Persönlichkeiten sowie die verschiedensten
zwischenmenschlichen direkten Kommunikationsformen. Einen wichtigen Einfluß
auf die Entstehung von Nationenbildern haben vor allem die Massenmedien.
Insbesondere wenn es darum geht, negativ geladene Bilder entstehen zu
lassen, ist die Wirkung von Tageszeitungen, Fernsehen und Radio
unumstritten. Viel schwieriger ist es dagegen ein positives Nationenbild
gezielt zu erzeugen, was nach Dorsch-Jungsberger damit zusammenhängt, daß
negative Nachrichten aus der Fremde eines der menschlichen Grundbedürfnisse,
das Sicherheitsbedürfnis, sofort aktivieren, wobei positive Nachrichten
Normalität herzustellen suchen in einem Umfeld, das von Fremdheit und
Distanz bestimmt ist.[7]
Der Fokus von Nationenbildern kann auf
verschiedene Einzelaspekte einer Nation gerichtet sein, so zum Beispiel auf
einen angenommenen Charakterzug „des“ dieser Nation angehörigen Menschen,
auf die Wirtschaftskraft des Landes oder auch auf ein historisches Ereignis
etc. Abhängige Variablen des Nationenbildes sind somit politische,
wirtschaftliche, psychische und soziale Gegebenheiten und ihre Veränderungen
in Folge von plötzlich auftretenden neuen Situationen.[8]
Dieses macht deutlich, daß die Wahrnehmung einer Nation nicht einheitlich
sein kann, sondern geprägt ist durch zeitlich überlappende, facettenreiche,
widersprüchliche und auch konträre Bilder. Zudem unterscheidet die
vergleichende Stereotypen- und Imageforschung heute drei Ebenen der
Wahrnehmung:
1)
die Bilder der Experten in Politik, Wirtschaft und Kultur,
2)
die Darstellung in den Massenmedien und
3)
die Wahrnehmung der Bevölkerung.[9]
Wie vorangehend dargestellt, steht das Bild
einer fremden Nation immer im Zusammenhang mit dem Eigenbild, dem
individuellen Weltbild. Nachfolgend soll daher auf das traditionelle
Weltbild Chinas, welches sich bis zum heutigen Tage auf die chinesische
Außenpolitik sowie die Perzeption anderer Länder auswirkt, eingegangen
werden.
2. Das Selbstverständnis Chinas gegenüber seiner Außenwelt
Im Laufe der Geschichte des kaiserlichen
Chinas wechselten sich Perioden der Abgeschlossenheit mit Zeiten der
Offenheit und mannigfaltigen Kontakte mit der Außenwelt ab. Stets begriff
sich China aber als Zentrum der Welt, wobei die Selbstbezeichnung als „Reich
der Mitte“ diesen Anspruch reflektiert. Die gesamte zivilisierte Welt (tianxia
– alles unter dem Himmel) wurde gleichgesetzt mit China bzw. dem
Einflußbereich des chinesischen Reiches. Dieses Selbstverständnis begründete
sich in der kulturellen Überlegenheit der Chinesen und ihrer
Ordnungsvorstellungen, wie sie der chinesische Kaiser verkörperte. Dieser
galt als Sohn des Himmels, dem kein anderer Herrscher ebenbürtig war. Sein
Einfluß strahlte nicht nur auf das Reich der Mitte aus, sondern auch auf die
umliegenden Völker. Nicht-Chinesen wurden grundsätzlich als „Barbaren“
bezeichnet und niemals mit den Chinesen auf gleicher Stufe stehend
betrachtet.
Traditionell ist den Chinesen also die
Vorstellung von der Gleichheit der Nationen fremd. Und auch die sogenannten
Barbaren untereinander wurden nicht als gleich angesehen, sondern je nach
dem Grad ihrer Zivilisiertheit beurteilt, die sich nach der Nähe oder
Distanz zum chinesischen Kulturkreis richtete.[10]
Diesen Völkern war es aber möglich, sich dem chinesischen Kulturkreis durch
die Akzeptanz der chinesischen Überlegenheit anzunähern, was durch die
Erfüllung einer Tributpflicht gegenüber dem chinesischen Kaiser zum Ausdruck
gebracht werden mußte.[11]
Durch die Eingliederung in das chinesische Tributsystem, welches China zur
Regelung seiner Außenbeziehungen diente, wurde dem jeweiligen Volk im
Gegenzug durch den chinesischen Kaiser Schutz gewährt. Bezeichnenderweise
fielen die Tributbeziehungen in die Verantwortung des Ritenministeriums,
während ein Außenministerium erst 1901 eingerichtet wurde.[12]
Als im 16. Jahrhundert die ersten Europäer
auf dem Seeweg das Reich der Mitte erreichten, bewertete sie der Kaiserhof
aus seinem Selbstverständnis heraus auf traditionelle Weise als
Tributländer. Doch die Europäer stellten sich für den Kaiserhof als ein
völlig neuartiger Gegner heraus. Nach mehreren kriegerischen Niederlagen
gegen die europäischen Mächte (Opiumkriege) wurde den Chinesen die eigene
Unterlegenheit sowie die Untauglichkeit des Tributsystems als diplomatisches
Mittel gewahr. Das Reich der Mitte wurde gezwungen, seine Außenbeziehungen
auf die Grundlage der Völkerrechtsvorstellungen Europas zu stellen und sich
für den europäischen Handel zu öffnen.[13]
China blieb fortan nichts anderes übrig, als sich daran zu gewöhnen, nicht
mehr das Zentrum der Welt zu sein, sondern ein Staat unter anderen Staaten.
Dennoch wurde das sinozentrische Weltbild nie vollständig abgelöst.
Insbesondere die kulturelle Überlegenheit Chinas in der Welt wurde – und
wird bis heute - stets betont. Und auch der Anspruch Chinas auf eine
zentrale Rolle in der Welt wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts auf eine
andere Art und Weise aufrechtzuerhalten versucht. So haben führende
chinesische Politiker wie Sun Yatsen, Chiang Kaishek oder auch Mao Zedong
sich immer darum bemüht, bestimmte globale Entwicklungen so zu deuten, daß
China darin eine führende Rolle zufiel.[14]
Das Gefühl der kulturellen Überlegenheit
sowie das stete Bemühen, sich an die Spitze globaler Entwicklungen zu
stellen und damit die globale Bedeutung und Zentralität Chinas in der Welt
herauszustellen, ist ein Charakteristikum, welches nicht nur das
außenpolitische Denken und die außenpolitische Praxis Chinas stark
beeinflußt hat, sondern konsequenterweise auch die chinesische Perzeption
anderer Nationen. Dieser Umstand ist bei der nachfolgenden Dokumentation der
Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen und des Deutschlandbilds
Chinas stets im Hinterkopf zu behalten.
3. Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen und ihre Auswirkung
auf das chinesische Deutschlandbild
3.1 Das „kleinere Übel“:
Das Image der Deutschen während der Kaiserzeit
Die chinesisch-deutschen Beziehungen reichen
bis in das 17. Jahrhundert zurück. Zu jener Zeit bekleideten neben anderen
europäischen auch deutsche Jesuiten[15]
zum Teil hohe Positionen am Kaiserhof der Qing-Dynastie. Große Anerkennung
wurde den Jesuiten allerdings nicht von der chinesischen, sondern
insbesondere von der europäischen Welt entgegengebracht: Die sogenannten
Jesuitenbriefe aus China lösten an den europäischen Höfen eine wahre
Chinoiserie und bei der damaligen europäischen Intelligenz große
China-Begeisterung aus.[16]
Das Europabild in China wurde damals vor
allem von Mitteilungen dieser Missionare über ihre Heimat geprägt, wobei die
europäischen Länder von den Chinesen weitgehend als Einheit gesehen wurden.
Neben den zahlreichen Werken, die unter dem Einfluß der Jesuiten entstanden,
gilt das Zhifang waiji aus dem 17. Jahrhundert als das bedeutendste.
Bis ins 19. Jahrhundert blieb es die maßgebliche Informationsquelle über
viele Länder. In dem Eintrag über Deutschland findet man Anklänge, die das
Klischee von Deutschland bis heute bestimmen. So heißt es unter anderem:
„Nordöstlich von Frankreich gibt es ein Land namens Deutschland. [...] Das
Klima dort ist in den Wintermonaten sehr kalt. Man versteht es gut, die
Zimmer warm zu machen; mit nur wenig Feuer heizt man sie, daß sie sehr warm
werden. Die Bewohner leben zerstreut in allen Ländern als Soldaten; sie sind
sehr treu, zuverlässig und tüchtig, kämpfen bis zum Tode und dienen nicht
zwei Herren. [...] Im Handwerk sind sie sehr geschickt und fertigen
Maschinerien an, an die kein gewöhnlicher Mensch denken würde [...].“[17]
Diese Beschreibungen der Missionare über ihre Heimatländer waren jedoch
nicht weit verbreitet, was unter anderem daran lag, daß das Interesse an dem
europäischen Kontinent von chinesischer Seite aus äußerst begrenzt war. Wie
schon erwähnt, wurden die Europäer bis ins 19. Jahrhundert weitgehend als
eine Art der Barbaren der fernen Länder angesehen, also als „Völker im
rohen, unzivilisierten Zustand, moralisch und geistig unkultiviert“[18].
Spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts
aber, als sich der Konflikt zwischen den europäischen Mächten und China zu
verschärfen begann und das chinesische Reich langsam innerlich zerfiel,
differenzierte sich das chinesische Europabild. Mehrere militärische
Niederlagen, eingeleitet durch die Kanonenpolitik Englands und Frankreichs
in den Opiumkriegen, zwangen das chinesische Reich zur Öffnung und machten
es zum Objekt der europäischen Kolonialpolitik. Ihre militärische
Unterlegenheit klar vor Augen, bildete sich in China eine sogenannte
Selbststärkungsbewegung (1861-1895), bei der vor allem junge Intellektuelle
am Westen orientierte Konzepte zur Stärkung des Landes entwickelten. Im Zuge
dessen fand in diesen Kreisen eine breite fachliche Auseinandersetzung mit
der europäischen Geschichte, Kultur und insbesondere der Wissenschaft statt,
so daß diese neue Generation über weitaus genauere Kenntnisse über Europa
verfügte.[19]
Auch die Deutschen zeigten zunehmendes
Interesse an der Erschließung des chinesischen Marktes. Der damalige
Deutsche Bund entsandte eine Expedition in den Fernen Osten, die drei
Aufträge wahrnehmen sollte, nämlich den Abschluß eines Handelsvertrages, die
wissenschaftliche Erforschung der Topographie und die Gründung eines
„deutschen Hongkongs“. So kamen 1861 mit der Unterzeichnung des
„Deutsch-chinesischen Handels- und Freundschaftsvertrag“ die ersten
diplomatischen Beziehungen zustande. Zudem ließ Deutschland China
militärische Unterstützung im Kampf gegen die Engländer und Franzosen
zukommen. Zwischen 1861 und 1871 unternahm der Geograph Ferdinand von
Richthofen verschiedene Reisen nach China, auf denen er geopolitisches und
ökonomisches Grundlagenwissen zusammentrug und Empfehlungen für ein
verstärktes Chinaengagement erteilte.[20]
Im Gegensatz zu den Engländern und Franzosen
wurden die Deutschen von den Chinesen zunächst jedoch nicht als Großmacht
betrachtet. Größere Aufmerksamkeit wandte China Deutschland erst nach dem
deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der anschließenden Reichsgründung
zu. Das kaiserliche China zeigte sich in militärischer und politischer
Hinsicht beeindruckt von dem deutschen Sieg über die Franzosen, deren
Truppen es selber unterlegen war. Seitdem setzte sich das Wort „Deutsch“ in
der chinesischen Transkription mit „Tugend“ (De) und „Wille“ (Yizhi)
durch und erhielt dabei eine hohe Wertschätzung. Mit Deutschtum wurde
Preußentum und Soldatentum sowie Eigenschaften wie Vaterlandsliebe,
Tapferkeit, Gehorsam, Ehrlichkeit, Fleiß und Gründlichkeit verbunden. Alles
Charakteristika, die von der damaligen chinesischen Führung in ihrem Kampf
gegen die äußere Bedrohung als nachahmenswert angesehen wurden.[21]
Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern wurden insbesondere in
wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht weiter ausgebaut. Bis 1885 stieg
Deutschland zum zweitgrößten Handelspartner Chinas auf.[22]
Das gute Image der Deutschen änderte sich,
als auch Deutschland 1898 mit der Annexion der Jiaozhou-Bucht und dem Ausbau
der Hafenstadt Qingdao (Tsingtao) imperialistische Allüren an den Tag legte.
Schließlich wurde bei der blutigen Niederschlagung des Boxer-Aufstandes[23]
in Peking, bei dem Deutschland als eine der insgesamt acht ausländischen
Armeen maßgeblich beteiligt war, der Tiefpunkt des deutschen Images in China
erreicht.[24]
Aus dieser Zeit stammt auch die politisch überzogene „Hunnenrede“ von Kaiser
Wilhelm II., mit der er eine militärische Strafexpedition als Reaktion auf
die Ermordung des deutschen Gesandten Freiherr Klemens von Ketteler durch
aufständische Boxer nach China entsandte.[25]
3.2
Vom Sturz der Qing-Dynastie bis zur Gründung der Volksrepublik China: die Deutschen als Militärhelfer und
Ideologielieferanten
Die Unzufriedenheit über die eigene
miserable soziale Lage und über den schwachen Kaiser, der es nicht schaffte,
die europäischen „Barbaren“ vom Reich der Mitte fernzuhalten, wuchs in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den Bauern und der aufgeklärten
Intelligenz beständig. Die Revolution von 1911, hinter welcher in
erheblichem Maße der westlich orientierte Intellektuelle Sun Yatsen stand,
führte schließlich zum Sturz des chinesischen Kaisertums und zur Gründung
der Republik China am 1.1.1912. Sun mußte jedoch bald darauf sein Amt als
provisorischer Präsident der Republik aufgrund von Machtkämpfen zwischen ihm
und dem Militärmachthaber Yuan Shikai an denselben abgeben. Yuan erhielt
dabei die Unterstützung der Kolonialmächte England, Frankreich, Rußland,
Japan und Deutschland, da sie ihn als den geeigneten Mann für die Wahrung
ihrer Interessen in China ansahen. Mit dem Tode Yuans im Jahre 1916 zerfiel
die Republik China dann jedoch in verschiedene Einflußzonen militärischer
Machthaber.[26]
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Juli
1914 in Europa hatte in China nur geringes Aufsehen erregt, da sich die
Chinesen vom fernliegenden europäischen Kriegsgeschehen nur wenig betroffen
fühlten. Doch während sich die europäischen Mächte nun auf den europäischen
Kriegsschauplatz konzentrierten, nutzte Japan die Gelegenheit, um in China
einzudringen. So besetzten japanische Truppen im August 1914 das deutsche
Pachtgebiet Qingdao. Mit dem ersten Weltkrieg kam es dann auch zu einer
historischen Zäsur in den chinesisch-deutschen Beziehungen: War Deutschland
bis 1914 eine der Mächte gewesen, die China in einen Zustand des
„Halbkolonialismus“ gestürzt hatten,[27]
so gehörte es nach 1919 zu den Besiegten, denen sich das neue China spontan
verbunden fühlte und dem es sich – neben der noch jungen Sowjetunion – am
stärksten zuwandte.[28]
Diese Entwicklung war auch bedingt durch die für China enttäuschende
Regelung der Großmächte in Versailles, die das ehemalige deutsche
Pachtgebiet den Japanern zusprach. Im Vergleich zu den anderen
Kolonialmächten wurde Deutschland nun als das „kleinere Übel“ angesehen. Der
relativ geringe Schaden, den Deutschland China zugefügt hatte, verschwand
nun wieder hinter dem ansonsten guten Ansehen der Deutschen.
In dieser Zeit verstärkte sich das
Eindringen westlicher Ideen in erheblichem Maße. Es entstand eine
Intelligentsia, die in Japan, den USA, Europa oder auch in China selbst in
den Schulen und Institutionen mit ausländischen Lehrern ausgebildet wurde.
Angesichts des demütigenden halbkolonialen Zustands und der tiefen
Zerrüttung im Lande, gelangten zahlreiche chinesische Intellektuelle zu der
Überzeugung, daß die Rettung Chinas in der totalen Verwerfung aller seiner
Traditionen und in der systematischen Nachahmung des Westens lag. Während
dieser breiten Auseinandersetzung mit westlichem Gedankengut fanden auch die
Werke vieler deutscher Philosophen, Literaten und Wissenschaftler ein
breites Publikum. Hervorzuheben ist hier der Einfluß der Philosophie von
Kant und Nietzsche sowie natürlich der Werke von Engels und Marx.[29]
Nach dem Bruch mit den Sowjets Ende der
zwanziger Jahre weitete sich die Zusammenarbeit zwischen den nun
gleichberechtigten, republikanischen Staaten Deutschland und China aus. Dies
zeigte sich im anwachsenden Waffen- und Rohstoffhandel, im Eisenbahnbau
sowie beim Studentenaustausch. Außerdem halfen deutsche Militärberater dem
Präsidenten der Republik China, Chiang Kaishek, welcher als Nachfolger von
Sun Yatsen 1928 mit seiner Nationalen Partei (Guomindang = GMD) China erneut
vereint hatte, bei seinen Feldzügen gegen die 1921 gegründete Kommunistische
Partei Chinas (KPCh). Wegen der militärischen Beschränkungen, die
Deutschland im Versailler Vertrag auferlegt worden waren, stellte diese
Hilfe auch für die Deutschen einen großen Nutzen dar. Chiang Kaishek holte
sich aus Deutschland aber nicht nur militärische Unterstützung, sondern auch
geistige Anregungen. So suchte er eine partielle Nachahmung der
NS-Ideologie, insbesondere der diktatorischen Methode Hitlers. Angesichts
der eigenen chaotischen Situation im Lande bewunderten die Chinesen den
Wiederaufbau Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere in der
Zeit nach 1933. Bedingt durch die große räumliche Entfernung und die guten
bilateralen Beziehungen fühlte sich China nicht durch Hitler bedroht. Chiang
hoffte, durch die Imitation von Hitlers geistiger Aufrüstung der mentalen
Widerstandskräfte gegen die Kommunisten und die in China immer weiter
vordringenden Japaner größere Erfolge zu erringen - allerdings vergebens.[30]
Der zügig eskalierende Konflikt zwischen
China und Japan zwang Deutschland dann aber, sich zwischen den beiden
asiatischen Staaten zu entscheiden. Schließlich schaffte es Japan,
Deutschland 1936 auf seine Seite zu ziehen, weil Hitler das Inselreich als
besser für die Vernichtung des Weltkommunismus geeignet sah. Nachdem die USA
1941 Deutschland den Krieg erklärt hatten, folgte auch die Republik China
mit einer Kriegserklärung. Diese richtete sich jedoch weniger gegen
Deutschland direkt, sondern vielmehr gegen den Erzfeind Japan. China
erhoffte sich dadurch die Unterstützung der USA im seit 1937 andauernden
Krieg gegen Japan, während eine Bedrohung durch Deutschland für China irreal
war.[31]
Die Kriegserklärung markierte das formale
Ende des deutschen Einflusses in China, und nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges unterstrichen eine Repatriierungswelle von „China-Deutschen“ bis
1954 und ein großer Kriegsverbrecherprozeß 1946/47 die nun ablehnende
Haltung Chinas gegenüber Deutschland.[32]
3.3
1949-1978: Das Deutschlandbild und die deutsche Frage vor dem
Hintergrund der sino-sowjetischen Beziehungen
Auf die Niederlage der Japaner im Zweiten
Weltkrieg folgte ein dreijähriger Bürgerkrieg zwischen den Truppen der KPCh
und der Guomindang, aus dem die Kommunisten siegreich hervorgehen konnten.
Die Guomindang floh 1949 mit einem Teil ihrer Elitetruppen auf die Insel
Taiwan, wohin Chiang Kaishek den Sitz der Regierung der Republik China
verlegte, während Mao Zedong am 1. Oktober 1949 auf dem Platz des
Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik China ausrief.
Ideologisch richteten sich die chinesischen
Kommunisten im wesentlichen an der Sowjetunion aus. Das chinesisch-deutsche
Verhältnis wurde insbesondere dadurch verkompliziert, daß sich nun auf
beiden Seiten zwei neugegründete, geteilte Staaten gegensätzlicher Ideologie
und Blockzugehörigkeit gegenüber standen. Neben der außenpolitischen
Beeinflussung durch ihre prädominanten, antagonistischen Bündnismächte –
Sowjetunion und USA – und der räumlichen und ideologischen Distanz zwischen
beiden Ländern war insbesondere der Alleinvertretungsanspruch[33]
beider Staaten der entscheidende Hinderungsfaktor im chinesisch-deutschen
Verhältnis. Von vier möglichen Verbindungskombinationen konnte sich nur eine
einzige verwirklichen, nämlich die der Aufnahme diplomatischer Beziehungen
zwischen der Volksrepublik China und der Deutschen Demokratischen Republik,
womit die politischen Beziehungen zwischen Bonn und Peking für mehr als zwei
Jahrzehnte blockiert wurden.[34]
Zwischen der VR China und der BRD bestanden bis zur Aufnahme diplomatischer
Beziehungen im Jahre 1972 nur sehr wenige politische Kontakte, allerdings
gab es durchaus eine wirtschaftliche[35]
und in geringerem Maße auch kulturelle Annäherung. Durch die gemeinsamen
Interessen mit der DDR und nicht zuletzt von dem Geist des
„Anti-Imperialismus“ geleitet, stand die VR China der Bundesrepublik - der
chinesischen Auffassung nach ein Vasall der USA – feindselig gegenüber. So
entwickelten die VR China und die DDR in starker Anbindung an die
Sowjetunion ihren Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland, wobei Peking die
sowjetische Deutschlandpolitik und eine deutsche Wiedervereinigung
unterstützte.
Das Deutschlandbild bildete sich zu dieser
Zeit für den größten Teil der Bevölkerung ausschließlich aus öffentlichen
Verlautbarungen der Regierung. Diese finden sich in nahezu sämtlichen Medien
der Volksrepublik, da diese seit Gründung der VR China einer Zensur
unterworfen sind. Offizielles Presseorgan von Partei und Regierung ist bis
heute die auflagenstärkste Tageszeitung Renmin Ribao, die
Volkszeitung, welche sich somit gut für eine Analyse des
Deutschlandbilds in der VR China eignet.
Die Berichterstattung der Volkszeitung
über Deutschland beschränkte sich von 1949 bis in die sechziger Jahre
lediglich auf Bereiche der Politik bzw. der internationalen Politik, während
Themen wie Wirtschaft und Kultur größtenteils ausgeklammert wurden.
Berichtet wurde vor allem über Ereignisse in Deutschland zur deutschen Frage
sowie über die bilateralen Beziehungen zwischen der DDR/BRD und der VR
China. Bei vielen dieser Beiträge handelte es sich um Abdrucke aus dem
sowjetischen Pressesprachrohr, der Prawda.[36]
In den sechziger Jahren kam es aufgrund
ideologischer Gegensätze zum Bruch zwischen der VR China und der
Sowjetunion, womit Peking auch von der Haltung Moskaus und Ostberlins zur
deutschen Frage abwich. Im Zuge der Neuorientierung der chinesischen
Außenpolitik ging die chinesische Führung in den sechziger Jahren in
Abgrenzung zu der bisher vorherrschenden „Zwei-Lager-Theorie“ der
Sowjetunion[37]
zu einem eigenen Modell für die Beschreibung der internationalen Beziehungen
über, der „Zwischenzonen-Theorie“. Zwischen den beiden Lagern der
„imperialistischen“ Staaten UdSSR und USA hätten sich hiernach zwei
„Zwischenzonen“ entwickelt: Eine erste Zwischenzone, die von den nach
Selbständigkeit strebenden Staaten der Dritten Welt gebildet wird, und eine
zweite Zwischenzone, die sich aus den kapitalistischen Staaten Westeuropas,
Australien, Japan und Kanada zusammensetzt. Diese Konstellation sollte es
aus Sicht der chinesischen Führung möglich machen, im Sinne einer
Einheitsfrontstrategie mit Teilen dieser beiden Zwischenzonen
zusammenzuarbeiten und die USA zu isolieren, wobei die Führungsrolle von der
VR China übernommen werden sollte. Im Zuge dessen kam es neben der Aufnahme
diplomatischer Beziehungen mit einer Vielzahl afrikanischer Länder auch zu
einer chinesischen Annäherung Richtung Westeuropa. Während Peking mit dem
Etablieren offizieller Beziehungen mit Frankreich einen Erfolg verbuchen
konnte, scheiterte der Versuch der diplomatischen Annäherung an die
Bundesrepublik zunächst - so wie auch bei den meisten anderen
westeuropäischen Staaten – in erster Linie am Widerstand der USA.[38]
In den offiziellen Verlautbarungen der chinesischen Führung wurde Bonn nach
dieser gescheiterten Annäherung 1964 als „treuer Komplize“ der USA
dargestellt, der wie diese „militärische und revanchistische Ambitionen“
hege.[39]
Während der ersten Jahre der von Mao zur
Sicherung seiner Macht initiierten „Großen Proletarischen Kulturrevolution“
(1966-69) war die Volksrepublik China international fast völlig isoliert. In
dieser Hauptphase der Kulturrevolution wurde alles Kapitalistische und
Bürgerliche rigoros bekämpft, entsprechend negativ fiel die
Berichterstattung über die Bundesrepublik Deutschland in dieser - auch von
offizieller chinesischer Seite im nachhinein als Katastrophe bezeichneten –
Periode aus. Es wurde von einer „sterbenden kapitalistischen BRD“
gesprochen, die ein Staat „voller antifaschistischer Demonstrationen der
Studenten“ war, die mit Begeisterung die Mao-Bibel schwenkten. Besondere
Aufmerksamkeit erhielten auch die bundesrepublikanischen Arbeiterstreiks.
Ausführlich thematisiert wurde die „Verelendung“ der westdeutschen
Arbeiterklasse durch hohe Arbeitslosigkeit, drastische Preiserhöhungen und
Umweltverschmutzung.[40]
Zudem wurden wahre Verschwörungstheorien der deutschen Wirtschaft in der
chinesischen Presse verbreitet. Danach hätten westdeutsche Monopolkreise mit
ihrer „revanchistischen Expansions- und Aggressionspolitik“, wenn auch
vergeblich, versucht, sich von einer wirtschaftlichen Großmacht in eine
politische Großmacht und schließlich zu einer militärischen Großmacht zu
verwandeln, die vom alten Plan Hitlers von einem Großdeutschen Reich
durchdrungen sei. So beabsichtigten sie, die verlorenen Territorien wieder
zu erlangen. Mit Hilfe des Selbstbestimmungsrechts versuchten sie darüber
hinaus, Deutschland wieder zu vereinigen, wobei die DDR einfach „geschluckt“
werden solle, um eine weitere Ausdehnung nach Osten zu ermöglichen. Kraft
der Unterstützung der US-Imperialisten bereite die herrschende „Clique“
Westdeutschlands mit großer Anstrengung einen Krieg vor.[41]
Am Ende der sechziger Jahre sah sich die
chinesische Führung nicht nur vor einem innenpolitischen Chaos, sondern auch
außenpolitisch völlig isoliert zwischen den beiden Supermächten, wobei sich
das sino-sowjetische Verhältnis immer weiter verschlechterte.[42]
In dieser Situation bemühte sich die chinesische Führung schließlich um eine
Annäherung an die USA und abermals an die Länder Westeuropas – dieses Mal
mit Erfolg. Dementsprechend veränderte sich auch die Berichterstattung: Je
näher der Zeitpunkt der Aufnahme diplomatischer Beziehungen heranrückte,
desto weniger war sie von den monoton negativen Angriffen und Kritiken gegen
diese Länder geprägt. Das erste Mal seit Mitte der fünfziger Jahre wurde
offiziell wieder von der „Bundesrepublik Deutschland“ statt wie zuvor von
„Westdeutschland“ geredet.[43]
Im Oktober 1971 wurde die VR China nach zwei
Jahrzehnten vergeblichen Bemühens unter Ausschluß der Republik China
(Taiwan) in die Vereinten Nationen aufgenommen. Kurz darauf kam es zur
Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit einer Vielzahl von Ländern, unter
anderem mit den USA und der BRD 1972.[44]
Diese Ereignisse brachten eine Wende in der chinesischen Perzeption der
Bundesrepublik. Neben den gewöhnlichen, aber in der Zahl reduzierten „Krisen
in der kapitalistischen Welt“ (wie z.B. Streiks und Demonstrationen), wurde
über die Ereignisse in der Bundesrepublik zunehmend sachlicher und öfter
auch kommentarlos berichtet.[45]
In der Frage der deutschen Wiedervereinigung
schlug sich Peking nun auch auf die Seite der Bundesrepublik, nachdem seine
Unterstützung seit dem Bruch mit der Sowjetunion bis zur Einleitung der
Politik der Westorientierung der DDR gegolten hatte. Das lag jedoch nicht
daran, daß Peking Ostberlin während dieser Zeit wirklich freundschaftlich
gegenüber gestanden hatte, im Gegenteil. Im Grunde sah die VR China die DDR
nur als eine Art „verlängerten Arm des Sozialimperialismus“ der Sowjetunion.[46]
Hauptbestimmungsfaktor jeglicher Annäherung gegenüber Ostberlin war somit
Moskau. Die VR China erhoffte sich dadurch, auf der Westflanke der
Sowjetunion Unruhe zu stiften, mit dem Ziel, von dem eigenen Konflikt mit
den Sowjets entlastet zu werden. Allerdings hat Peking von 1949 bis 1983,
sei es an der Seite der DDR oder an der Seite der Bundesrepublik, die
Politik der deutschen Wiedervereinigung stets unterstützt. Neben dem
Konflikt mit der Sowjetunion spielte dabei die eigene irredentistische
Politik gegenüber Taiwan im Hintergrund immer eine Rolle sowie die Tatsache,
daß sich Peking durch ein potentiell starkes Deutschland im Gegensatz zu
vielen europäischen Nachbarländern nicht bedroht fühlte.[47]
3.4
Das Deutschlandbild in der Zeit der Westorientierung
Der Tod Mao Zedongs im September 1976 und
der darauffolgende Sturz der sogenannten Viererbande[48]
leitete das Ende der revolutionären Phase in der Volksrepublik China ein.
Die neue Führungsriege unter dem Reformer Deng Xiaoping setzte sich für den
wirtschaftlichen Aufbau des Landes ein und vertrat eine pragmatische Linie
in der chinesischen Außen- und Außenwirtschaftspolitik. Nach jahrelanger
Abschottung öffnete sich das Land nun gegenüber dem Westen mittels
Sonderwirtschaftszonen und zahlreicher Investitionsmöglichkeiten für
ausländische Unternehmen. Die VR China strebte nunmehr ein friedliches
internationales Umfeld an, um ihre Modernisierungspolitik voranzutreiben. In
diesem Rahmen weiteten sich die Beziehungen und wirtschaftlichen Kontakte
zwischen der VR China und der Bundesrepublik ständig aus.
Die wichtige Funktion der Sowjetunion für
das chinesischen Deutschlandbild und die Einstellung Chinas zur deutschen
Frage begann sich 1983 zu wandeln. Mit dem Tode von Staats- und Parteichef
Breschnew war im November 1982 eine Ära der Stagnation in der sowjetischen
Innen- und Außenpolitik zu Ende gegangen. Nach einer kurzen Übergangsphase
hatte die neue Führung unter Gorbatschow die Normalisierung der Beziehungen
zur VR China im Rahmen der Perestroika-Politik eingeleitet. Dies trug dazu
bei, daß die Weltlage aus der Sicht Pekings nicht mehr so bedrohlich aussah
wie zuvor – eine Bestandsaufnahme, die sich auch auf die chinesische Haltung
zur deutschen Frage auswirkte. Im Rahmen der Normalisierung der Beziehungen
zwischen Peking und Moskau entfielen dann auch die Hindernisse in den
Beziehungen zwischen der VR China und der DDR. So wurde Honecker 1986 als
„Genosse“ und „langjähriger Freund des chinesischen Volkes“ sowie als Gast
aus der Heimat von Karl Marx und Friedrich Engels freundlich in Peking
empfangen.[49]
Vor dem Hintergrund dieses Wandels der
Mächtekonstellation wurde das Deutschlandbild der VR China neu konstruiert.
Den deutsch-deutschen Konflikt ideologisch-propagandistisch und
machtpolitisch auszunutzen, schien für Peking nun überflüssig zu sein. Im
Gegensatz zu seiner bisherigen Haltung der Unterstützung für die deutsche
Wiedervereinigung der Bundesrepublik, sollte nach Meinung Pekings die
deutsche Frage unter der Voraussetzung für den Frieden in Europa und in der
ganzen Welt von den Völkern der beiden deutschen Staaten geregelt werden.
Die Frage der Wiedervereinigung der deutschen Nation stellte für die VR
China kein wichtiges Thema mehr dar. Es wurde nunmehr sachlich und
kommentarlos darüber berichtet.[50]
Bei einem Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl in der VR China im Oktober
1984, bei dem umfangreiche Abkommen und Verträge im Bereich der Wirtschaft
und des Kulturaustausches unterzeichnet wurden, entfiel dann erstmals die
bisherige verbale Unterstützung für die deutsche Wiedervereinigung von
Seiten der chinesischen Gastgeber.
In der chinesischen Presse nahmen in der
Zeit von 1983-1989 die früheren Pflichtkommentare und -berichte über die
bundesrepublikanischen Streiks, über Arbeitslosigkeit und Demonstrationen
weiter ab. Das politische und wirtschaftliche Geschehen wurde zunehmend
sachlich und ideologiefrei dargestellt; ein Zeichen dafür, daß sich die
bilateralen Beziehungen gut entwickelten: Der Handelsaustausch erreichte bis
Ende der achtziger Jahre rund 3,5 Milliarden US-Dollar, zwischen sämtlichen
Bundesländern und zahlreichen chinesischen Provinzen kam es zu
Partnerschaftsbeziehungen und auch beim Kultur- und Wissenschaftsaustausch
war es rasch vorangegangen.[51]
Neben der Tagesberichterstattung prägten auch immer noch die Handbücher in
den Bibliotheken das Bild der Welt in der VR China. In den meisten
chinesischen Nachschlagewerken aus dieser Zeit fällt auf, daß insbesondere
Preußen im Mittelpunkt des Eintrags steht, wodurch ein Deutschlandbild
entsteht, wie es außerhalb Deutschlands allgemein vorherrscht.[52]
Die positive Haltung der chinesischen
Führung gegenüber der Bundesrepublik endete dann jedoch mit dem
Tiananmen-Zwischenfall im Juni 1989 in Peking. Wie die Mehrheit der Staaten
der Welt übte auch Bonn scharfe Kritik an der chinesischen Führung und
verhängte wirtschaftliche Sanktionen. Die DDR jedoch war in dieser
internationalen Isolation eines der wenigen Länder, die Peking Verständnis
für die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung entgegenbrachten,
was zu einer weiteren Intensivierung der Beziehungen zwischen der VR China
und der DDR führte.[53]
Nach diesen Ereignissen in
Peking wurde die deutsche Wiedervereinigung im Jahre 1990 in den
chinesischen Medien verhalten, teils sogar kritisch kommentiert. Zwar war
und ist Peking – gerade im Hinblick auf die Taiwan-Frage - weiterhin der
Meinung, daß „Gleiches und Gleiches zusammengehört“ und die
Wiedervereinigung somit grundsätzlich positiv zu bewerten sei,[54]
aber trotz dieser prinzipiellen Unterstützung wurde das historische Ereignis
eher zurückhaltend kommentiert. Dies hatte neben der generellen Abkühlung
der bilateralen Beziehungen zwischen Peking und Bonn in Folge des
Tiananmen-Massakers jedoch noch andere Gründe. Zum einen hatte Peking durch
die deutsche Wiedervereinigung einen „sozia-listischen Bruder“ verloren, zum
anderen war die deutsche Einheit durch eine „friedliche Revolution“ zustande
gekommen, wohingegen die chinesische Studentenbewegung zuvor gewaltsam
niedergeschlagen worden war, was für die chinesische Führung eine Art
Gesichtsverlust darstellte.[55]
4. Das Deutschlandbild Chinas in der
Gegenwart
Nach der internationalen Isolierung nach dem
Tiananmen-Zwischenfall kam es schon ein gutes Jahr später in Brüssel und
Bonn zu Renormalisierungsbeschlüssen über das Verhältnis zur chinesischen
Führung. Seitdem haben erneut zahlreiche Besuche von Spitzenpolitikern
beider Länder stattgefunden, und auch die wirtschaftlichen und kulturellen
Beziehungen wurden wieder aufgenommen und bis zum heutigen Tage
intensiviert.
Wie nimmt man in der
Volksrepublik China die Deutschen heutzutage wahr? Die Zeitschrift Fusion
schreibt in ihrer Ausgabe 3/99 in einem Artikel über „China und sein
Deutschlandbild“: „Wer China heute kennt, weiß, daß kein Land der Welt dort
so hoch angesehen ist wie Deutschland“.[56]
Auch wenn diese Aussage übertrieben ist – unbestritten bleibt, daß die
Deutschen in der VR China einen sehr guten Ruf genießen. Wie ist dieses
positive Deutschlandbild der Chinesen angesichts der wechselhaften
Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen zu erklären?
Eine wichtige Rolle spielt der chinesische
Eindruck, daß Deutschland heute ein wirklich friedliches Land ist, welches
die Lehren aus den zwei Weltkriegen gezogen hat. Wie vorangehend
beschrieben, ist im chinesischen Bewußtsein Deutschland nicht in
vergleichbarer Weise wie England, Frankreich, Holland, Japan – und zunehmend
auch die USA – von den negativen historischen Erfahrungen Chinas mit der
Außenwelt belastet.[57]
Der Krieg in Europa findet in den chinesischen Geschichtsbüchern ebensowenig
statt wie der asiatische Kriegsverlauf in der europäischen Schullektüre.
Zwar sind die Naziverbrechen bekannt, und ein Film wie „Schindlers Liste“
fand auch in der Volksrepublik ein breites Publikum, doch eine kritische,
öffentliche Auseinandersetzung mit der Hitler-Zeit hat hier nicht
stattgefunden. Außerdem rechnet man es den Deutschen in der VR China hoch
an, daß sie sich im Gegensatz zu den eigenen japanischen Nachbarn mit ihrer
militärischen Vergangenheit kritisch auseinandersetzen. Denn was Deutschland
für die Europäer ist, ist Japan für die meisten Asiaten. Auf eine
Entschuldigung für die japanischen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg
wartet man in China bis zum heutigen Tage vergebens. Die starke Abneigung
gegen die Japaner ist in der VR China von Generation zu Generation
weitergegeben worden; noch heute werden sie von vielen Chinesen – und sogar
in chinesischen Grundschullehrwerken – als „riben guizi“, „japanische
Teufel“, bezeichnet.[58]
Daß die VR China keine
historisch bedingten Vorurteile gegen Deutschland hat, macht jedoch nicht
allein das hohe Ansehen der Deutschen in der Volksrepublik aus. Ein
wichtiger Grund ist auch der außerordentlich gute Ruf der deutschen
Industrie, vor allem im Bereich des Maschinen- und Anlagenbaus. „Made in
Germany“ ist in diesem Gebiet gleichbedeutend mit Zuverlässigkeit,
Langlebigkeit und vor allem Qualität.[59]
Insbesondere Kraftfahrzeuge deutscher Fabrikation liegen in China hoch im
Kurs. Daimler Benz (heute Daimler Chrysler) und BMW kennt hier jeder. Für
die wirtschaftliche Modernisierung Chinas gilt die deutsche Wirtschaft heute
noch als Vorbild, wobei die auch in China bis heute als typisch deutsch
angesehenen altpreußischen Tugenden wie Fleiß und Disziplin als Rezeptur für
wirtschaftlichen Erfolg angesehen werden.[60]
Stets betont werden in diesem Zusammenhang die guten wirtschaftlichen
Beziehungen zwischen den beiden Ländern: Deutschland ist seit langem der
wichtigste europäische Handelspartner der Volksrepublik.[61]
Des weiteren speist sich das
positive Deutschlandbild im Reich der Mitte aus der im chinesischen Bewußtsein noch fest verankerten Vorstellung, daß Deutschland wie kein
anderes Land in der Vergangenheit eine „Nation der Dichter und Denker“
gewesen sei. Für viele Chinesen sind Goethe und Schiller wie auch die
Komponisten Beethoven und Bach nicht nur leere, fremdartig klingende Namen.
Und auch Jürgen Habermas mußte bei seiner Reise durch die Volksrepublik im
April 2001, auf der er mit seinen Vorträgen die Hörsaale der renommierten
Universitäten in Peking und Shanghai füllte, feststellen, daß die deutsche
Philosophie in der Volksrepublik noch einen erstaunlich guten Ruf hat. Kant,
Hegel, Nietzsche, Heidegger und natürlich Marx gelten hier als Kernfiguren
des philosophischen Denkens.[62]
Und was gilt für „die Chinesen“
noch als typisch deutsch? Lange Zeit war es der Fußball, der sich auch in
der VR China einer großen Fangemeinde erfreut. Das Wirken des deutschen
Trainers Klaus Schlappner als Couch der chinesischen Nationalmannschaft hat
dazu einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet und den deutschen Fußball
in China äußerst populär gemacht. Viele Chinesen können die Namen der
Trainer und der wichtigsten Spieler der deutschen Nationalelf und
Bundesligaspieler aufzählen.
Darüber hinaus ist auch in der
Volksrepublik das – inzwischen bei chinesischen Männern zum Nationalgetränk
aufgestiegene - Bier ein Inbegriff des Deutschen. „Deutsche trinken Bier,
viel und immer.“[63]
Die von den Deutschen während ihrer Kolonialzeit in Qingdao begründete
Großbrauerei, die bis heute mit ihrem „Qingdao pijiu“ ( „Qingdao-Bier“)
nicht nur in der VR China ein gutes Geschäft macht, bestätigt diesen Ruf
zusammen mit zahlreichen anderen in der Volksrepublik produzierten deutschen
Biersorten, wie zum Beispiel Becks oder Paulaner. Letztere trägt zudem dazu
bei, daß das chinesische Deutschlandbild häufig auch im Reich der Mitte
bayerisch eingefärbt ist. In den für chinesische Yuppies als In-Treff
geltenden Paulaner-Brauhäusern servieren Asiatinnen im Dirndl bayrische
Spezialitäten, und auch das Oktoberfest wird hier alljährlich gefeiert.[64]
Selbst der „Musikantenstadl“ durfte bereits aus der „Verbotenen Stadt“ in
Peking senden.
Das positive Image der Deutschen
hat jedoch auch einige Risse. Deutschland habe sich mit seinem von der
chinesischen Führung als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“
verurteilten Nato-Einsatz im Kosovo 1999 an einem „Angriff auf die
Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges“ beteiligt, wie die Volkszeitung
berichtete. Auch wenn Peking die Schuld vor allem auf die USA schob, so
blieb – insbesondere nach der Zerstörung der chinesischen Botschaft in
Belgrad – ein fader Nachgeschmack.[65]
Zudem werden in der
Volksrepublik die zunehmenden rechtsextremistischen Übergriffe in der
Bundesrepublik registriert, auch wenn sie das chinesisch-deutsche Verhältnis
nicht belasten.[66]
Dieses Problem ist vielen Chinesen jedoch präsent und wird nicht selten bei
Gesprächen mit Deutschen thematisiert.
Zusammenfassung
Summa summarum fiel und fällt das
Deutschlandbild in China erheblich positiver aus als in den meisten
deutschen Nachbarländern. Das „Schreckbild des häßlichen Deutschen“ gibt es
in der VR China nicht. Ausschlaggebend hierfür sind verschiedene Gründe: Zum
einen tragen die relativ geringen negativen Erfahrungen, die China im
geschichtlichen Verlauf der bilateralen Beziehungen mit Deutschland gemacht
hat, dazu bei. Im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern, die in
China ab Ende des Kaiserreiches bis zum Zweiten Weltkrieg als Kolonialmacht
aufgetreten sind, wurde Deutschland stets als das „kleinere Übel“ angesehen.
In diesem Zusammenhang sei auch nochmals darauf hingewiesen, daß die
chinesische Führung trotz der Kriegserklärung 1941 an die Deutschen auch zum
Nazi-Regime weitestgehend gute Beziehungen pflegte und sich durch Hitler –
im wesentlichen bedingt durch die räumliche Entfernung - in keiner Weise
bedroht fühlte und auch keinerlei Schaden durch das nationalsozialistische
Regime davongetragen hat. Auch war die militärische Zusammenarbeit mit
Deutschland für fast alle chinesischen Führungen, abgesehen von den
Kommunisten, von großem Interesse in ihrem Kampf gegen die Kolonialmächte
sowie später im chinesischen Bürgerkrieg. Bis zur Gründung der Volksrepublik
waren Perioden der Verschlechterung der chinesisch-deutschen Beziehungen im
wesentlichen auf die Einmischung anderer Staaten in die chinesische Innen-
und Außenpolitik zurückzuführen und weniger auf das bilaterale Verhältnis
selbst.
Zum anderen sind die fast beständig guten
Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern als Grund für die
überwiegend positive Wahrnehmung der Deutschen in China zu nennen. Selbst in
Zeiten, in denen die politischen Beziehungen auf Eis lagen und ein sehr
negatives Deutschlandbild in den chinesischen Medien gezeichnet wurde
(insbesondere zwischen 1949 und 1972), hat stets ein Austausch auf
wirtschaftlicher Ebene stattgefunden.
Ähnlich sah es bis Anfang der achtziger
Jahre aus: Das Verhältnis zwischen den beiden Staaten war in erster Linie
abhängig von der Freundschaft bzw. Feindschaft Pekings zu Moskau sowie zu
Washington, und wurde nur in der Hauptphase der Kulturrevolution (1966-1969)
fast ausschließlich von ideologischen Gegensätzen bestimmt. Im Zuge dessen
hatte die Volksrepublik an der deutschen Frage lediglich ein
Scheininteresse. Seit dem Bruch mit der Sowjetunion 1960 diente diese für
China nur als außenpolitisches Instrument. Je nach machtpolitischer
Wetterlage unterstützte Peking die Position der DDR oder der Bundesrepublik,
wobei jegliche Äußerungen stets auf die Schwächung der Stellung der
Sowjetunion abzielten. Die Kommentare in der chinesischen Presse zur Einheit
Deutschlands 1990 fielen dementsprechend verhalten aus, wozu die blutige
Niederschlagung der chinesischen Studentenbewegung durch die Pekinger
Führung und die internationale Isolierung infolgedessen beitrugen.
Keinesfalls jedoch hatte man wie in weiten Teilen Europas Angst vor einem
wirtschaftlich und geographisch mächtigen, wiedervereinigten Deutschland.
In seinem Artikel über die
heutige Wahrnehmung Deutschlands in der Volksrepublik China kommt Otto Mann
am Ende zu der Schlußfolgerung: „Man liebt sie nicht geradezu, aber im
Großen und Ganzen ist man den Deutschen wohlgesonnen.“[67]
Damit trifft Mann wohl recht gut den Kern der Sache. Denn trotz aller
Bewunderung für die Wirtschaftskraft und die deutschen Produkte, für die
Deutschen als Nation der Dichter und Denker, von denen sich so viele
chinesische Führer ideologische Anleihen geholt haben – nein, lieben tut man
sie nicht, die Deutschen. Dies bleibt dem eigenen Vaterland vorbehalten; und
gemäß des traditionellen Selbstverständnisses der kulturellen Überlegenheit
ist man stolz auf die fast fünftausendjährige chinesische Geschichte und
ihre kulturellen Errungenschaften, hinter denen ein Marx verblaßt. Überdies
herrscht selbst in China der Eindruck von den zwar sorgfältigen,
disziplinierten und pünktlichen Deutschen vor, denen es jedoch an Humor,
Wärme und Lebensfreude fehlt. So steht in einem chinesischem Buch, das sich
zur Aufgabe gemacht hat, dem interessierten Leser das ferne Land in Europa
näher zu bringen: „[...] Deguoren de fancai rutong tamen de xingge, daiban
er wu xiyinli“ – Das Essen der Deutschen ist wie ihr Charakter, steif und
ohne Anziehungskraft.[68]
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politischen Bildung, Heft Nr. 198, Berlin 1997 (überarbeitete Neuauflage),
S. 3-10.
Vgl. Marten,
Eckhart: Das Deutschlandbild in der amerikanischen
Auslandsberichterstattung. Ein kommunikationswissenschaftlicher
Beitrag zur Nationenbildforschung, Wiesbaden 1989, S. 4.
7. Autor und Copyrighthinweis
Dieser Beitrag wurde von Birte Klemm am Institut für Politische Wissenschaft
der Universität Hamburg im Jahr 2001 erstellt.
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Juli 2007 |