Strukturen und Auswirkungen des Tourismus in Yunnan -    
  Am Beispiel der Naxi in Lijiang

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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil

1. Vorraussetzungen und Gegebenheiten touristischer Nutzung
1.1. Ethnischer Reichtum als touristisches Potential
1.2. Entwicklung des Tourismus

2. Auswirkungen der touristischen Erschliessung
2.1. ökonomische Auswirkungen
2.2. soziokulturelle Auswirkungen
2.3. regionale Disparitäten
 
3. Tourismus bei den Naxi: eine Fall-Studie
3.1. Einführung
3.2. touristische Entwicklung und gegenwärtige Situation
3.3. soziokulturelle Auswirkungen

III. Schluss
 
Autor und Copyrighthinweis
 
I. Einleitung
 
Keine Provinz Chinas weist eine derart große Vielfalt ethnischer Gruppen vor, wie die südwestlichste, Yunnan. 28 offiziell anerkannte ethnische Gruppen bilden insgesamt ein Viertel der Gesamtbevölkerung der Provinz, jede mit ihren eigenen Bräuchen, Riten und Weltanschauungen. Ein kulturelles Potential solcher Art ist wie in den meißten Regionen der Erde zwangsläufig, ob von der Bevölkerung begrüßt oder abgelehnt mit den Bemühungen einer touristischen Erschliessung verknüpft. In einer Provinz der Volksrepublik China gelten diesbezüglich jedoch eigene Gesetze. Besonders im Kontext der rapide steigenden Nachfrage im Binnentourismus durch den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes, der besonderen politischen Einflussnahme aber auch der sozialen Veränderungen vor Ort soll folgenden Leitfragen nachgegangen werden: Von welchem touristischen Potential ist hier die Rede? Wie wurde und wird von allen Beteiligten damit umgegangen? Welche Auswirkungen sind mit diesem Umgang verbunden?

Basierend auf zwei Essays, zwei Büchern, einem Reiseführer und zu einem geringen Teil persönlichen Eindrücken vor Ort1 soll der Hauptteil in drei Schritten gestaltet werden.
Zunächst bedarf es mit den für den Fremdenverkehr relevanten geographischen, kulturellen, geschichtlichen und politischen Gegebenheiten einen kurzen Überblick über Yunnans Vorraussetzungen und Gegebenheiten der touristischen Nutzung zu erstellen.

Im zweiten Teil soll der Umgang der Fremdenverkehrsbeauftragten Yunnans, der betroffenen Minderheiten, der Besucher aber auch der Bewohner der vernachlässigten unerschlossenen Gebiete mit den gegenwärtigen Entwicklungen geschildert werden. Auch daraus resultiernde Folgen, ob wirtschaftlicher oder soziokultureller Art, ob ein Dorf oder die gesamte Provinz betreffend werden hierbei beleuchtet.

Von der Provinz Yunnan wird im dritten Teil der Betrachtungsgegenstand verkleinert. Zur detailierten und vor allem anschaulichen Untersuchung der Entwicklungen wird eine Minderheit und zuletzt nur ein Dorf dieser Minderheit als Fallbeispiel herangezogen. Das Dorf Luoshui im Kreis der Naxi-Minderheit Lijiang dient hierbei durch seine raschen Veränderungen als Extremfall zur Verdeutlichung der gesamten Situation.

Der Schluss ist weitgehend einer zusammenfassenden Antwort der Leitfragen und den sich daraus ergebenen Perspektiven, sprich Chancen, Risiken und Handlungsoptionen gewidmet. Komplexe Interessenskonflikte zwischen den Beteiligten und der Tatbestand, dass ein ideologisch vorbehafteter deutscher Autor sich mit zentralen lebensanschaulichen Leitlinien einer fremden Welt auseinanderzusetzen versucht, lassen jedoch keine allzu griffigen Wertungen und Antworten erwarten.

II. Hauptteil

1. Vorraussetzungen und Gegebenheiten touristischer Nutzung

1.1. Ethnischer Reichtum als touristisches Potential

Yunnans Reiz für den Reisenden speist sich in erster Linie aus seiner Vielfalt. Von zerklüftetem Hochgebirge im Norden bis hin zu tropischem Regenwald im äußesten Süden beherbergt die Provinz auf etwa einer Fläche der Größe Frankreichs nahezu alle klimatischen Zonen der Erde. Die daraus resultierende vegetative Vielfalt ruft in jeder Teilregion der Provinz individuelle Anbaumethoden und Erwerbsmöglichkeiten hervor, aus denen Agrarkulturen entstanden sind, von denen sich großenteils andere kulturelle Bereiche, wie Bräuche und Glaubensvorstellungen ableiten.Ganze 26 offiziell anerkannte Minderheiten stellen noch heute über die Hälfte der Gesamtbevölkerung der Provinz. Während die Völker in der zentralen Hochebene der Provinz um die Hauptstadt Kunming sich im Zuge der Kulturrevolution weitgehend den Lebensformen der Han-Chinesen anpassen mussten, sind hingegen in den schwer zugänglichen Randregionen noch heute eine Vielzahl unterschiedlichster Lebensentwürfe vorzufinden.
 
So prägen beispielsweise zahlreiche religiöse Einflüsse die Glaubensvorstellungen der Völker. Geographisch bedingt spielen selbstverständlich Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus eine grosse Rolle, konnten wie in Restchina von den Kommunisten nicht ausgerottet werden und befinden sich heute wieder auf aufsteigendem Ast. Doch auch die nach Kublai Khan angesiedelten muslimischen Händler und der Missionierungseifer einiger hauptsächlich französischer Katholiken und Protestanten im 19.Jh. schufen eine religiöse Vielfalt auf engstem Raum, die sich fast mit der postmodernder multikultureller Großstädte messen kann. Die abgelegensten Völker der Provinz jedoch kamen niemals mit einer der genannten Weltreligionen in Kontakt und glauben an Hexenkult oder schwarze Magie, wofür Amulette oder Tätowierungen zum Schutz getragen werden.
 
In den meisten Fällen ist eine Mischung verschiedener Glaubensrichtungen vorzufinden, wie beispielsweise Buddhismus, Daoismus und Ahnenkult bei den Yao an der Südgrenze der Provinz. Die wenigsten Völker blieben demzufolge vollkommen isoliert. Neben der Verbreitung der Glaubensvorstellungen fand, gerade in existenzbedrohenden Zeiten, reger Austausch der Stammesfürsten zur Bildung neuer Koalitionen gegen han-chinesische Invasionen statt.
 
Diese ethnische Vielfalt, aber auch der Kontakt untereinander und daraus resultierende Verschmelzungsprozesse spiegeln sich im heutigen Sprachgebrauch wieder. Während das Hanyu (hochchinesisch) von fast allen beherrscht übergreifend zur Kommunikation dient und sich in vielen Bereichen zur zweiten Hauptsprache entwickelt hat, entstammen die Muttersprachen verschiedenen Quellen. Die tibeto-burmanischen, die Sino-Dai- und die Miao-Yao-Sprachfamilien sind im gesamten Minderheitenspektrum wieder zu finden, wobei starke Dialekte die Kommunikation untereinander unmöglich machen.2
 
Sicherlich sind es aber eher die augenscheinlichen Attraktionen, wie der Hausbau, die Bekleidung oder die Tänze der Völker, welche den Großteil der Besucher dazu bewegt, einen Ausflug in das entsprechende Gebiet in Angriff zu nehmen. In den meisten Fällen nur einen Tag vor Ort sind eher exotische Motive als komplizierte ethnographische Beschreibungen von Bedeutung. Dieses Bedürfnis wird zur Zeit in vielen und könnte in vielen weiteren Dörfern der Provinz ohne großen Erfindungsreichtum befriedigt werden. Leicht zu vermarktende kulturelle Elemtente finden sich zu Hauf in allen Regionen. Genau hierin liegt die zentrale Vorraussetzung für die ökonomisch erfolgreiche touristische Erschliessung der Provinz.

1.2. Entwicklung des Tourismus

Vor und während Mao Zedongs Herrschaft bis 1978 spielte Tourismus national wie international keine Rolle. Besucher der abgeschiedenen Provinz waren bis dato ausschliesslich einige wenige Missionare, Diplomaten oder Forscher. Erst die marktwirtschaftliche Öffnung unter Maos Nachfolger Deng Xiaoping brachte eine Anerkennung des Tourismussektors als Lieferant ausländischer Divisen. Darüber hinaus wirkte eine Art schlechtes Gewissen der Zentralregierung gegenüber den Minderheiten nach, welches auf den radikalen Sinisierungsmaßnahmen der Han-Mehrheit während der Kulturrevolution basierte. Unter dem Motto „viele Lebensformen unter einer Flagge“ sollten besonders die in landesstrategisch wertvollen Gebieten lebenden Völker durch Toleranz und finanzielle Unterstützung im Tourismussektor besänftigt werden. Fortan wurden in ganz China Völker oder Dörfer ausgewählt und zu touristischen Zentren ausgebaut.3

Zu den ersten Orten dieser Art in Yunnan zählte zunächst der Steinwald bei der Yi-Minderheit nahe Kunming aufgrund seiner leicht zu erschliessenden Anbindung. Nachdem die entsprechenden Kompetenzen schon früh auf Provinzebene verlagert wurden, erkannte man dort rasch, dass das eigentliche Potential in den schwer zugänglichen Randregionen versteckt ist und in der Erschliessung dieser der Schlüssel zu erfolgreicher touristischer Nutzung liege. Fortan wurden hohe Beträge in den Ausbau der Infrastruktur einer der in dieser Hinsicht bis dato unterentwickeltsten Provinzen des Landes gesteckt. Alleine von 1990 bis 1995 flossen 2.1Mrd. Euro in Schienen- und Strassenbau. Der 1993 gegründete „Tourism Development Fund“ verteilte zusätzliche Millionen in den Ausbau der Zentren vor Ort.4(tourism and chinas development230) Erste Ziele waren das Regenwaldgebiet Xishuangbanna Süden und Dali im Westen der Provinz, später kamen Lijiang und Zhongdian im äußesten Nordwesten hinzu(regional imbalance).5

Während im ersten Jahr nach der marktwirtschaftlichen Öffnung noch wenige Tausend den Weg in die Provinz fanden, stieg ihre Zahl fast konstant jährlich um rund 30% und erreicht heute über 5 Millionen. Auch der Anteil ausländischer Touristen betrug recht konstant ein Fünftel der Gesamtbesuche.6 (chinas development 232)

2. Auswirkungen der touristischen Erschliessung

2.1. ökonomische Auswirkungen

Nicht nur aus Sicht der Fremdenverkehrsbeauftragten in Kunming haben sich die Inversitionen der letzten Jahre gelohnt. Landesweites wirtschaftliches Wachstum und die schwierigen Umstände für Chinesen, das Land zu verlassen bewirkten einen sich rapide entwickelnden Binnentourismus, von dem Yunnan als nationaler Zufluchstort vor Industrie, Überbevölkerung und Schmutz im Osten des Landes profitiert.

Einige ehemals zu den ärmsten Gebieten Chinas zählende Regionen erlangten die Befugnis die Entwicklung des Fremdenverkehrs auf lokaler Ebende zu verwalten bzw. zu steuern und konnten einen beachtlichen Anstieg ihrer Lebensverhältnisse verzeichnen.
 
Auch heute noch werden systematisch neue Gebiete erschlossen und geziehlt gefördert. Immer mehr Menschen geht es heute finanziell besser als zuvor. Beste Beispiele dafür sind selbstverständlich die Hauptstadt Kunming als zentraler Dreh-und-Angelpunkt der Provinz und neu entstandene regionale touristische Subzentren, wie u.A. Jinghong, die Kreisstadt Xishuangbannas oder Lijiang, die Kreisstadt des gleichnamigen Verwaltungsbezirks. Nicht zu vergessen sind selbstverständlich all die von den Subzentren abhängigen kleinen Gemeinden, welche sich ebenfalls an konstantem wirtschaftlichen Aufschwung erfreuen können. In vielen Gegenden hat sich durch die Aufgabe der landwirtschaftlichen Produktion zu Gunsten des Tourismusgewerbes das BIP pro Kopf in den letzten beiden Jahrzehnten verzehnfacht, in manchen gar verzwanzigfacht.7

Trotz all der Euphorie lassen sich jedoch keinesfalls die mit der Entwicklung verbundenen Konsequenzen oder gar Sorgen von der Hand weisen, worauf in folgenden Punkten eingegangen werden soll.

2.2. soziokulturelle Auswirkungen

Da über 95% der Besucher Festland-Chinesen (gefolgt von Taiwan-Chinesen und Japanern)8sind und deren Erwartungen an Authentizität und Unberührtheit in der Regel so gering sind, wie die der meisten deutschen Touristen auf spanischen Inseln, wird von der Branche hauptsächlich auf „unterhaltsame Kultur“ gesetzt. In riesigen Parks wird versucht den Gästen Minderheiten nahe zu bringen, was in der Regel nur in folkloristisch inszenierter Form gelingt.

All der Aufwand und all der Zuspruch von den Besuchern vermittelt den Einheimischen in den meisten Fällen hingegen einen Stolz gegenüber der eigenen Kultur. Eigene Bräuche werden -einst mehr oder minder unreflektiert verinnerlicht- heute als kostbares Gut betrachtet, das erhalten werden muss. Doch eine Vermarktung brachte im Fall Yunnan auch eine Zweckentfremdung mit sich. Jahresfeste, wie das Wasserfest der Dai in Xishuangbanna werden nun täglich abgehalten, Kostüme und Tänze für Freiluftshows höchstens angelehnt an die eigentliche Kultur vorgeführt und Minderheitendörfer dienen als Souvenierbereich, während hinter den Kulissen das Geld für neue private Luxusgüter gezählt wird, das die an der natürlichen Umgebung orientierte Lebensweise zunehmend entwertet und ersetzt.9 Besonders die jüngeren Generationen gleichen sich durch das neu Erwirtschaftete zunehmend an die wohlstandsorientierte Han-Lebensweise an und geraten mit den älteren Generationen in massive Konflikte. Auch unter Gleichaltrigen sind soziale Veränderungen in Form von schwindender Solidarität zu erkennen.10 Die Fall-Studie bei den Naxi in Punkt 3 verdeutlicht diesen Tatbestand im Detail.

2.3. Regionale Disparitäten

Nicht nur innerhalb der touristisch genutzten Regionen wachsen die Spannungen. Das Konzept der Provinzregierung, nur ausgewählte Orte mit finanziellen Spritzen zu versorgen impliziert zwangsläufig den Tatbestand, dass alle anderen Regionen vernachlässigt werden. Die Rede ist hier von Gebieten, deren geographische Lage weder eine für den Tourismus notwendige Anbindung auf dem Landweg noch eine nötige ebene Fläche zum Bau eines Flughafens bereitstellen kann. Oft sind bestimmte Völker für die zustängigen Beamten in Kunming auch schlicht nicht attraktiv genug um sie dem touristischen Markt zu öffnen.

Sicherlich ist es schon alleine aus den Gründen der Nachhaltigkeit heraus nicht möglich die gesamte Provinz in ein riesiges Ferienressort zu verwandeln. Generell spricht zudem nichts dagegen, dass nun immerhin einige ehemals arme Dörfer vom Tourismus profitieren. Das Problem der regionalen Disparitäten mit all seinen Konsequenzen ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Yan Zhang von der La Trobe University in Melbourne bewies mit Hilfe des LQ (Location Quotient)den signifikanten Beitrag des Tourismus in Yunnan zur regionalen Ungleichheit.11(regional imbalance) Doch mehr als auf Erwerbsquoten basierende mathematische Beweise verdeutlichet die Beschreibung einiger Entwicklungen die Situation. Jedes Dorf der Provinz ist heute den Regeln der globalisierten Marktwirtschaft unterworfen. Stetig sinkende Verkaufspreise der Anbauprodukte, steigende Arbeitslosigkeit und das Wissen, dass es den Menschen in anderen Regionen viel besser geht, verleitet zahlreiche Bauern der vernachlässigten Gebiete, nach Kunming oder in die touristischen Subzentren zu ziehen um sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Folgen der Landflucht sind wie überall Slums an den Rändern der grossen Städte und Überalterung des zurückgelassenen Dorfs. Während in den touristischen Zentren Kultur wenigstens in inszenierter Form erhalten wird, stirbt sie in den restlichen Gebieten mit den hinterbliebenen Alten aus.

3. Tourismus bei den Naxi -eine Fall-Studie

3.1. Einführung

Fast alle der rund 280.000 Naxi leben im autonomen Kreis Lijiang im Nordwesten der Provinz. Vor über 2000 Jahren aus der Vereinigung dreier Stämme hervorgegangen, bekamen die Naxi in Lijiang zur Ming-Dynastie (1368-1644) mit der Ernennung zur Präfektur den Status einer regionalen Machtinstanz, deren Spuren noch heute im Stadtbild zu erkennen sind. Aufgrund der schwer zugänglichen Lage im kalten Hochgebirge nahe der Grenze zu Tibet konnte sich das Volk bis in die jüngere Geschichte hinein weitgehend isoliert entwickeln. Über Jahrhunderte entstanden eigene Bilderschrift (dongba), Astronomie, Magie, Mythologie und Geschichtsschreibung, sowie ausgefeilte Anbaumethoden, eine einzigartige Architektur und vor allem eine aussergewöhnliche Sozialstruktur.12

Wie die meisten Minderheiten in Yunnan sind die Naxi Politheisten. Christen, Lamaisten, aber auch Verehrer von Naturreligionen sind vorzufinden. Das wirklich besondere dieser Minderheit ist jedoch ihre matrilineare Sozialstruktur. Während sie in den Dörfern des Kreises immernoch uneingeschränkt praktiziert wird, ist sie in touristisch stark frequentierten Orten sowie der Stadt Lijiang selbst nur noch rudimentär vorhanden. Ursprünglich verrichten Frauen die körperlich harten Arbeiten und sind Entscheidungsträger in allen wichtigen Fragen. Männer wohnen lebenslang mit ihrer hineingeborenen Familie unter einem Dach und besuchen nur nachts zum Geschlechtsverkehr das Haus einer anderen Familie.13(hinter mauer) Im Gegensatz zu Jungen verfügen Mädchen ab dem 16.Lebensjahr über eigene Zimmer um allnächtlich einen oder mehrere junge Männer zu empfangen (Axia-Beziehung). Die Vaterrolle der daraus entstehenden Kinder übernimmt der Bruder der Mutter, wohingegen der biologische Vater im Morgengrauen das Zimmer des Mädchens verlassen muss.14
Der Fokus dieses Fallbeispiels liegt auf einem heute touristisch stark frequentierten Dorf am nördlichen Rand des Kreises. Es handelt sich um Luoshui am Lugu See. Ein Ort, der aufgrund seiner attraktiven natürlichen Umgebung und des immer noch praktizierten Mutterrechts der Mosuo -einer Unterform der Naxi- in den letzten Jahren förmlich explodierende Besucherzahlen verzeichnen konnte. Im Gegensatz zur Kreisstadt Lijiang, einem Ort mit seit Jahrzehnten weltoffener, städtischer Athmosphäre, ist Luoshui quasi über Nacht vom traditionellen Bauerndorf zum Ziel des Massentourismus geworden.15 (tourism development)

3.2. touristische Entwicklung und gegenwärtige Situation

Wie erwähnt wuchsen die Besucherstöme in fast keinem Ort der Provinz mit solchem Tempo.1989 empfing der Ort mit 460 Einwohnern 6120 Gäste. 1997 waren es 100.000 und gerade 2 Jahre später 400.000. Während 1988 Tourismus gerade 1% des Gesamterwirtschafteten ausmachte, so stellt er heute mit weit über 50% die wichtigste Eiskommensquelle des Ortes dar. Mit über 3000 Betten versucht heute das Dorf einen Großteil der fast eine Million Besucher jährlich zu einer Übernachtung im Dorf zu bewegen, da sich auf diese Weise am meisten Geld verdienen lässt.(Mosuo5) Viele Besucher kehren zwar nach einem Tagesausflug wieder zurück in ein Hotel der Kreisstadt Lijiang, nichts desto trotz ergeben sich zahlreiche Einkommensquellen vor Ort.16 Die Dorfbewohner hatten seit jeher die Befugnis, selbst am Geschäft teilzuhaben, zu entscheiden und zu gestalten. Als Resultat dessen entstand nach jahrelangen Streitereien um Aufgaben- und Gewinnverteilung ein kommunaler Tourismusrat, der sich aus jeweils einer Person der insgesamt 73 Haushalte zusammensetzt. Wichtigster Beschluss war die bis heute währende Unterscheidung zwischen kollektiven und individuellen Operationen. Erstere umfassen Bootsfahrten, Pferdebegleitungen und Tanzshows, deren Erlös geteilt wird und zu dessen Erwerb jeder Haushalt eine Arbeitskraft zusteuern muss. Individuelle Operationen sind in einer schier unbegrenzten Bandbreite von persönlichen Guides, über Läden bis hin zum Führen eigener Restaurants und Hotels möglich.17 (Mosuo6)

3.3. soziokulturelle Auswirkungen

Folgende Beschreibungen beruhen auf den Beobachtungen, Erkenntnissen und vor allem Fragebögen des Forschers Wen Zhang. Sie können zwar höchstwahrscheinlich keiner teilnehmenden Beobachtung das Wasser reichen, relativ eindeutig geht daraus jedoch hervor, dass die momentane Entwicklung von den meisten Einheimischen begrüßt wird, obwohl man sich der starken Veränderungen im Sozialgefüge bewusst ist.18 (Mosuo9)

Mittlerweile ziehen beispielsweise viele junge Menschen die monogame Paarehe der traditionellen Axiabeziehung vor und ziehen mit ihrem Partner und den Kindern gemeinsam in ein eigenes Heim. (Mosuo10)Die martilineare Sturkur scheint aber auch an anderen Stellen zu bröckeln. Fast jedes Haus dient heute der touristischen Nutzung, was eine Umfunktionierung der Mädchenzimmer(Axiaraum) und der zur Standesverdeutlichung wichtigen Großmutterhalle in Ausstellungsräume oder schlicht Hotelzimmer mit sich bringt.19

Während früher Streitigkeiten stets untereinander gelöst wurden, so steuert man heute im Ernstfall zunehmend das örtliche Komitee an, welches zur Mehrheit aus Männern besteht. Frauen werden so als Entscheidungsträger besonders in rechtlichen und geschäftlichen Fragen systematisch von den Männern abgelöst (Mosuo11) und das Vertrauen in die Institutionen scheint das in die eigenen Nachbarn zu überholen.20 Darüber hinaus ist eine Kommerzialisierung der Beziehungen zu beobachten. Wo einst beim Bau eines Hauses die Mithilfe der Nachbarn im Sinne der Gruppensolidarität als selbstverständlich galt, so werden sie heute nur noch gegen Bezahlung herangezogen.
 
Die neuen marktwirtschaftlichen Strömungen spiegeln sich in vielen weiteren Bereichen des Lebens wieder. Reichtum wird nicht mehr an Pferden, sondern an der Größe oder Anzahl der Häuser gemessen. Der gesamte Tagesrythmus hat sich dem städtischen bedingungslos angepasst. Man steht früh auf und nimmt 3 Mahlzeiten zu sich. Der Esstisch ersetzt dabei die zentrale Feuerstelle im Hof des Hauses.
 
Am meisten verändern sich wie üblich die jungen Generationen. Die zahlreichen Tänze und Gesänge für die Jugend, ursprünglich zur Unterhaltung, zum Treffen mit Freunden und zur Umwebung neuer Axias gedacht, dient heute lediglich als touristische Ressource. Zur Unterhaltung stehen Pop-Musik und ausländische Filme zu Verfügung, Mädchen lernt man in Discos kennen. Einige können es sich heute sogar leisten in den Großstädten zu studieren.21 (Mosuo12)

III. Schluss

Gerade aus ethnologischer Sicht betrachtet, sind meine Beschreibungen der ethnischen Vielfalt, aber auch der Auswirkungen des Tourismus selbstverständlich unzureichend. Der Rahmen der Arbeit erlaubt keine Analyse des gesamten Spektrums. Auf den vorangegangenen Seiten wurde schlicht versucht, einen Überblick der Gesamtsituation darzustellen.
 
Deutlich sollte trotzdem daraus hervorgegangen sein, dass ethnischer Reichtum dieser Art zugleich Fluch und Segen bedeutet. Kein Tatbestand darf dabei isoliert betrachtet werden, da das gesamte Phänomen des Fremdenverkehrs ein feinmaschiges Geflecht, bestehend aus unzähligen Ursachen und Wirkungen darstellt. Ökonomische Faktoren sind mit soziokulturellen auf engste Weise verknüpft und lokale Entwicklungen haben einen sehr viel weiteren Wirkungskreis als zunächst vermutet.
 
Weder ich, noch die Zuständigen vor Ort so scheint es, haben dieses Netz vollkommen durchschaut. Mangelndes Verständnis für die Zusammenhänge, für die touristisch genutzte Kultur aber auch egoistisches Profit- und Prestigestreben der Investoren und Politiker verhindern – und das geht trotz aller Komplexität klar hervor- nachhaltige Erfolge. „Unterhaltsame Kultur“ wird dann überreizt, wenn auf sinkende Besucherzahlen mit neuen künstlich geschaffenen Attraktionen reagiert wird und die Region Gefahr läuft, selbst das Mindestmaß an von den Besuchern geforderter Authentizität nicht mehr befriedigen zu können. Kulturelle Elemente wurden zur touristischen Ressource, die es fern aller ideologischen Überzeugungen, schon alleine aus langfristigem ökonomischen Nutzen heraus zu schützen gilt. Wie weit sich die Betroffenen tatsächlich von ihren ursprünglichen Bräuchen und Überzeugungen abwenden oder sie uminterpretieren bleibt dabei jedoch ganz ihnen selbst überlassen und sollte nicht bewertet werden. Zur Aufwertung des Lebensstandards veränderten sich seit jeher Kulturen stetig. Gerade der in Yunnan schwach entwickelte Ethnotourismus blendet diesen Tatbestand in der Sehnsucht nach „absoluter Unberührtheit“ aus und schafft somit in vielen Fällen eine viel verkrampftere kulturelle Fassade als im beschriebenen Massentourismus.

Literatur

Bücher:

Grobe-Hagel, Karl 1991: Hinter der Großen Mauer: Religionen und Nationalitäten in China. Frankfurt a. Main (Eichborn)
Leffman D., Lewis S., Atiyah J. (Hg) 2004: China- Stefan Loose Travel Handbuch. Berlin (DuMont Reiseverlag)
Wen, Jie Julie und Tisdell, Clement A. 2001: Tourism amd China´s Development- Policies, Regional Economic Growth and Ecotourism. Singapur (World Scientific Publishing Co.Pte.Ltd.)

Internetquellen:

Zhang, Yan 2001: Tourism and Regional Imbalance in Yunnan (China). URL: http://210.193.176.101/service/confproc/cauthe01/Zhang.pdf  [9.5.06]
Zhang, Yan 2005: Tourism Development: Protection vs. Exploitation: A Case Study of the Change in the Lives of the Mosuo People.
URL: http://www.rockmekong.org/events/html_file/socialResearchCHM/files/Zhang Wen.pdf [9.5.06]
 

Autor und Copyrighthinweis

Dieser Beitrag wurde von Johannes Müller-Diesing im Rahmen einer Seminararbeit am Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Ludwig-Maximilian-Universität München im Mai 2006 erstellt.

Johannes Müller-Diesing

Johannes Müller-Diesing, geboren am 13.4.81 in Dachau. Ich studiere Ethnologie (Hauptfach), Sinologie und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München als Magister Studiengang. Ein Stipendium von Student und Arbeitsmarkt e.V. ermöglichte mir im Sommer 2006 ein Praktikum beim chinesischen Stahlkonzern Baosteel. Darüber hinaus hatte ich die Gelegenheit 3 Monate an einer Privatschule in Nanchang als Englischlehrer zu arbeiten.
Zur Zeit befinde ich mich im Hauptstudium.

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chinaweb.de, März 2007