Sun Yat-sen und die Revolution von 1911

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Situation Chinas am Vorabend der Revolution

2. Das politische Wirken Sun Yat-sens bis zur Machtübernahme Yuan Shikais
2.1. Sun als Verschwörer
2.2. Sun als Revolutionär
2.3. Sun als Präsident
2.4. Suns frühe Theorien

3. Die Volksgruppen der Revolution
3.1. Die Kraft des Fortschritts – Die Neue Armee
3.2. Die partikularistischen Kräfte - Gentry und Kaufleute
3.3. Die nationalistische Kraft–Studenten und jungen Akademiker

Schluss - Sun als Anführer der Revolution

Quellen- und Literaturverzeichnis
Autor und Copyrighthinweis

Einleitung

Die „Revolution von 1911“ stellt mit dem Ende der über 2000-jährigen Geschichte der kaiserlichen Dynastien einen der bedeutendsten Umbrüche in der jüngeren Geschichte Chinas dar. Diesen politischen Schnitt und die Vielzahl von sozialen und kulturellen Umwälzungen, die sich in der revolutionären Phase vollzogen, bezeichnet  man als den Wechsel vom klassischen zum modernen China.[1]

Eine Person verkörpert die Abkehr von den Traditionen, das Streben nach politischem Wechsel und die damit verbundenen Probleme und Widersprüche dieser Zeit in besonderem Maße: Sun Yat-sen[2, der führende Kopf der revolutionären Bewegung. Ihn und seinen Einfluss in der Vorgeschichte der Revolution vorzustellen, soll Aufgabe dieser Arbeit sein.

Ich möchte dazu zunächst den geschichtlichen Kontext, also die politischen und sozialen Umstände zur Zeit der Revolution kurz erläutern und anschließend die Person Sun Yat-sen und seine revolutionäre Bewegung vorstellen. Ich habe sein Wirken aufgeteilt in eine „Verschwörer-Laufbahn“, in eine als Revolutionär und möchte auch noch auf die kurze Phase seiner Präsidentschaft zu sprechen kommen. Thema des letzten Kapitels zu Sun Yat-sen sind seine frühen politischen Theorien.

Der Abschnitt „Sun als Verschwörer“ behandelt Sun Yat-sens politische Anfänge und seine vergeblichen Aktionen, die teilweise bewaffnet waren, und direkt den politischen Wechsel herbeiführen sollten. Mit seinem Wirken als Revolutionär meine ich sein späteres, vor allem organisatorisches Wirken, dass, rückblickend betrachtet, wohl einen größeren Beitrag zum Gelingen der Revolution geleistet hat. Ich möchte betonen, dass ich hiermit eine thematische Einteilung vorgenommen habe und dass es sich also nicht in erster Linie um chronologisch aufeinander folgende und klar abzugrenzende Phasen im politischen Leben Sun Yat-sens handelt.

Aufgrund der Komplexität der damaligen politischen Situation und der Vielfalt der, auf Erneuerung der Herrschaftsverhältnisse bedachten, Interessen und Unternehmungen, werde ich im dritten Teil dieses Aufsatzes auf die einzelnen sozialen Gruppen der revolutionären Bewegung eingehen.

Als besonders hilfreich für die Erstellung dieses Werkes hervorheben möchte ich den elften Band der Reihe „The Cambridge History of China“, unter anderem herausgegeben von Denis Twitchett und John K. Fairbank, in dem, sozusagen minutiös, die damaligen Ereignisse rekonstruiert werden, sowie die entsprechenden Beiträge aus „Chinas große Wandlung“, herausgegeben von Peter J. Opitz, die einen guten Einblick in das Denken Sun Yat-sens bieten. Ergiebig für dieses Thema sind weiterhin die einschlägigen Geschichtswerke der Sinologen Jonathan Spence, Wolfgang Franke und Jacques Gernet. Für das Verfassen des Abschnitts, der sich mit der Studentenbewegung und dem Einfluss Japans beschäftigt, griff ich zusätzlich auf die Studie „Chinese Students in Japan in the Late Ch’ing Period“ von Huang Fuqing zurück.

1. Die Situation Chinas am Vorabend der Revolution

Wie schon angedeutet, müssen die Ereignisse von 1911 in die Gesamtheit der revolutionären Phase zu Beginn des 20. Jahrhunderts eingebettet werden. Die, seit 1644 von der Minderheit der Mandschus angeführte, Qing-Dynastie befand sich in einem dramatischen Niedergang. Zum Druck von außen, der politischen und wirtschaftlichen Fremdbestimmung der Westmächte, kamen unterschiedliche Umsturzversuche von innen hinzu. Dabei waren die Revolutionäre nur eine Kraft von vielen.

Die andauernde Krise der letzten Jahrzehnte hatte China in eine tiefe moralische Krise geführt, die einen Großteil der intellektuellen Elite des Landes veranlasst hatte, sich von den chinesischen Traditionen und speziell vom Konfuzianismus als Staatsdoktrin, loszusagen. Bis auf wenige Ausnahmen wandte sich die Intelligenzia den Konzeptionen des anscheinend überlegenen Westens zu, um Wege aus der Krise zu finden. Die Verschärfung der Situation und das Lavieren am wirtschaftlichen Zusammenbruch der Mandschu-Herrscher, führten zum Erstarken von westlichen Ideologien und sozialen Neuerungen, wie z. B. dem Nationalismus[3], die vorher in dieser Form im chinesischen Kulturraum unbekannt waren.

Die politische Opposition lässt sich grob einteilen in eine eher konservative, reformorientierte Bewegung, die das Ziel hatte, grundsätzlich das Kaisertum zu bewahren, es jedoch nach westlichem, bzw. vor allem japanischem Vorbild in ein konstitutionelles Kaisertum umzuwandeln. Die Revolutionäre hatten jedoch ganz andere Ziele. Sie wollten mit der Mandschu-Herrschaft dem gesamten Kaisertum ein Ende bereiten und eine parlamentarische Republik einführen.

Dieses Vorhaben, das auch für die westlichen Verhältnisse jener Zeit als äußerst fortschrittlich gelten muss, zeugt allein von der Entwurzelung der Revolutionäre, deren Anführer Sun Yat-sen, ein chinesischer Christ, keinerlei konfuzianische Erziehung, sondern eine rein westliche Bildung, genossen hatte.

2. Das politische Wirken Sun Yat-sens bis zur Machtübernahme

Yuan Shikais

2.1. Sun als Verschwörer

Sun Yat-sen (孙逸仙), dies sein kantonesischer Name, den meisten Chinesen besser bekannt als Sun Zhongshan (孙中山), wurde 1866 in Guangdong geboren. Er folgte 1879 seinem älteren Bruder nach Hawaii. Dort besuchte er Missionsschulen bis er für sein Medizinstudium zurück nach Hongkong kam. Sein erstes revolutionäres Wirken bestand 1894 in der Gründung einer Geheimgesellschaft, die ein Jahr später mit dem Versuch scheiterte, durch einen Aufstand die Stadt Guangzhou zu erobern, um von dort aus eine Gegenregierung zu bilden.

Diese schlecht vorbereitete „Erhebung“ war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, stellt jedoch den Beginn der bewaffneten Revolution dar. Nach Japans Sieg im Chinesisch-Japanischen Krieg von 1894 bis 1895 hielt man nun die Selbststärkungsbewegung der Jahre zuvor für gescheitert und suchte nach einer umfassenderen Lösung.

Sun, der in China nun verfolgt wurde, versuchte von jetzt an, die Revolution vom Ausland aus voran zu treiben. 1896 bekam er erstmals internationale Aufmerksamkeit als er in London von Engländern aus der chinesischen Gesandtschaft befreit wurde. Es gelang ihm, daraus ein Medienereignis zu machen mit dem er die öffentliche Meinung auf seine Seite ziehen konnte.[4] Er hatte nun gelernt, sich und seine Aktionen „medienwirksam“ zu präsentieren und verstand es gut, die ausländische Presse für seine revolutionären Bemühungen zu nutzen. Seine steigende Reputation und natürlich die vielen Auslandsaufenthalte der nächsten Jahre, halfen ihm, Spenden zu sammeln bei Übersee-Chinesen weltweit.

Ein weiteres Ergebnis dieses mehrmonatigen Aufenthalts in London war Sun Yat-sens Interesse für politische Theorie. Er hatte viel Zeit in der Bibliothek des Britischen Museums verbracht und wahrscheinlich hier einiges aufgenommen, was später in seine eigenen politischen Schriften einfließen sollte, wie z. B. sein Programm der chinesischen Revolution.

Im Laufe der nächsten Jahre formte sich Suns revolutionäres Denken und die Aktionen wurden nun auch mehr und mehr theoretisch untermauert. Dadurch begann Sun, sich von den bekannten Reformern, wie Kang Youwei und Liang Qichao, abzusetzen und sich dem Volk als Alternative zu den, seiner Meinung nach „rückständigen“[5], Reformversuchen zu präsentieren. Er hatte zunächst noch die Nähe zu diesen namhaften Persönlichkeiten gesucht, um sie für seine Bewegung zu vereinnahmen.

Suns Kontakte zu Geheimgesellschaften, sein steigender Einfluss und vor allem die (finanzielle) Unterstützung der Chinesen aus dem Ausland ermutigten ihn, Mitte des Jahres 1900 zum zweiten Mal und verstärkt 1906 – 1908, Putschversuche durchzuführen. Diese Aufstände waren jedoch alle aufgrund der mangelhaften organisatorischen und ideologischen Vorbereitung zum Scheitern verurteilt gewesen. Hinzu kam, dass die Qing-Regierung, trotz ihres Niedergangs, immer noch in der Lage war, es der politischen Opposition im Land schwer zu machen. Den Revolutionären, die sich noch vom Ausland aus organisierten, gelang es nicht, in China Fuß zu fassen. Ihre Verbündeten im Land selbst waren noch nicht organisiert genug, um mehr als lokal begrenzte Aufstände durchzuführen, die die Mandschus mit Waffengewalt niederschlagen konnten.

Die Revolution wurde bis dato noch nicht von den höheren sozialen Schichten mitgetragen. Das änderte sich erst ab 1905, als Sun anfing, die Intelligenzia mehr in seine Bewegung einzubeziehen. 

2.2. Sun als Revolutionär

1905 änderte sich das Bild der revolutionären Bewegung. Japan hatte als erstes asiatisches Land mit Russland eine westliche Kolonialmacht besiegt. Es rückte nun ganz besonders in den Blickpunkt des chinesischen Interesses. Im Zuge der Meiji-Reformen (ab 1868) hatte sich Japan zu einer modernen konstitutionellen Monarchie und lokalen Imperialmacht entwickelt. Mit seinen Erfolgen auf der politischen Weltbühne und der Errichtung von Verfassung und Parlament war es zum Vorbild der chinesischen Intellektuellen geworden. Viele Studenten und junge Akademiker kamen aus China nach Japan um hier indirekt vom Westen, oder direkt vom japanischen Regierungsmodell zu lernen. So war es kein Zufall, dass Tokio zur „Hauptstadt der chinesischen Revolution“[6] wurde und Sun Yat-sen hier unterschiedliche radikale Gruppen zu einer anti-dynastischen Bewegung zusammenschloss, zur „Revolutionären Allianz“ (同盟会).

Die Revolutionäre Allianz war ein Sammelbecken verschiedenster revolutionärer Gruppierungen mit den unterschiedlichsten Interessen und Ideen. Sun verstand es aber, sie für das eine gemeinsame Ziel, den Sturz der Mandschus, in diesem losen Verbund zu vereinigen. Die Mitgliederzahl erreichte im ersten Jahr ca. Tausend[7], wovon die Mehrzahl aus Studenten bestand. Sun hatte eingesehen, dass er zuvor das revolutionäre Potential der Studenten unterschätzt, und sich in seiner Planung zu sehr auf Geheimgesellschaften gestützt hatte. Er sah ihre Möglichkeiten, als zukünftige intellektuelle Elite den Staat, und dabei im Besonderen die „Neue Armee“ zu infiltrieren. Außerdem dachte er den Intellektuellen die Rolle zu, die Geheimgesellschaften zu einen und anzuführen[8]. Die Geheimgesellschaften sollten jedoch zukünftig weiterhin die Aufgabe übernehmen, die Revolution auszuführen.

Die Studenten wiederum sahen im Zusammenschluss mit der Revolutionären Allianz die Chancen, die sich für sie ergaben, wenn sie sich mit dem namhaftesten Revolutionär zusammenschlossen, der sogar einflussreiche Kontakte und Berühmtheit im Westen erlangt hatte. Für die nächsten drei bis vier Jahre bildete diese Allianz den Hauptmotor der revolutionären Bewegung. Sie war die größte Quelle an Waffen, Finanzen und Ideen.

Trotz einer Reihe von Aufständen bis 1908 blieb der Erfolg jedoch aus. In den Jahren 1908 bis 1910 zog man sich daher in geheime Organisationstätigkeit zurück, die vor allem bestand im Anwerben von Mitgliedern, Infiltration der staatlichen Institutionen, Vorbereitung von weiteren Anschlägen und der Verbreitung von Propagandamaterial. Über diese Jahre hinweg war die Revolutionäre Allianz jedoch sicherlich alles andere als eine geschlossene Einheit. Das Ziel einer landesweiten Anti-Qing-Koalition wurde nie erreicht und die Allianz zählte zur Zeit der Revolution von 1911 nicht mal 10 000 Mitglieder[9].

Die Revolutionäre Allianz wurde in erster Linie am Leben gehalten durch die finanziellen Mittel, die Sun von den Auslandschinesen bekam und durch seine ausgeprägten charismatischen Fähigkeiten. Trotz der Misserfolge und der bröckelnden Einigkeit der Jahre vor der Revolution gelang es Sun immer wieder, seine unterschiedlichsten Mitstreiter zufrieden zu stellen, ihre Wünsche in seinen veröffentlichten Ideen unterzubringen und mit den Versprechungen der Einheit und Souveränität eines starken Chinas bei Laune zu halten.[10]

Das offizielle Sprachrohr der Revolutionäre Allianz war die „Volkszeitung“ (民报). Sie stand in engem Kontakt mit anderen revolutionären Zeitschriften der damaligen Zeit, wie dem „Neuen Jahrhundert“ (新世纪). Obwohl sie nur vier Jahre erschien, ist ihr Einfluss nicht zu unterschätzen, da die Ausgaben noch Jahre später in den revolutionären Kreisen zirkulierten.

An den entscheidenden Erhebungen im Oktober 1911 war Sun Yat-sen nicht beteiligt. Er hielt sich zu dieser Zeit in den USA und Europa auf. Die grundlegende Ursache für den Sturz des Kaisertums ist sowieso in ihrer eigenen Schwäche zu sehen, nicht in den Unternehmungen der republikanischen Revolutionäre. Der Erfolg kam für sie unerwartet: Die Regierung war wegen ihrer Inkonsequenz, eine konstitutionelle Reform durchzuführen und aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs zum Untergang verurteilt gewesen.[11]

Sun kam gerade rechtzeitig zurück, um sich in Nanjing am 1.1.1912 zum „Provisorischen Präsidenten“ der Chinesischen Republik wählen zu lassen. Er war mit seiner Revolutionäre Allianz wieder ins Zentrum der Revolution gerückt, da sich nur in ihr alle Parteien dieses Umsturzes wieder fanden. Ihm, dem durch sein revolutionäres Programm bekannt gewordenen, Sun Yat-sen wurde allein zugetraut, zwischen der Vielzahl der Interessengruppen vermitteln zu können.

2.3. Sun als Präsident

Sun Yat-sens provisorische Präsidentschaft währte lediglich etwas über einen Monat. Am 14. Februar übertrug er das Präsidentenamt an den mächtigen Armeeführer Yuan Shikai. Trotz ihrer guten Ausgangslage nach der Revolution konnten sich die Revolutionäre nicht lange an der Macht halten, da sie weder über eine bedeutende militärische Unterstützung, noch über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügten.[12] In dieser Zeit konnte zwar keine politische Entscheidung ohne sie ausgeführt werden, jedoch waren die idealistischen Theoretiker den politisch erfahrenen Militärmachthabern, den späteren „warlords“, wie Yuan einer war, nicht gewachsen.

Am 28.1.1912 wurde offiziell der Nationalrat in Nanjing einberufen. Man hatte Nanjing als republikanische Hauptstadt gewählt, um sich von der alten Hauptstadt Peking und den damit verbundenen Traditionen, der Dekadenz und Korruption, abzusetzen. Sun Yat-sen selbst drängte den Nationalrat, Yuan als seinen Nachfolger zu wählen.[13] Nur ihm traute er zu, die Einigkeit des Reiches zu halten und über die Macht zu verfügen, Revolution und Republik weiter zu führen. Dieses Vertrauen wurde enttäuscht, als Yuan Shikai im April die provisorische Regierung nach Peking, in seinen Macht- und Einflussbereich, verlegte. Er verriet die Republik, indem er das Parlament zwang, ihm diktatorische Vollmachten zuzusprechen. Eine zweite Revolution, 1913, konnte er ohne große Mühen niederschlagen. Die Niederlage war gleichzeitig der Schlusspunkt dieser Phase der chinesischen Revolution.

2.4. Suns frühe Theorien

 Die Meinungen der Fachwelt über die Qualitäten der politischen Schriften Sun Yat-sens sind schwer auf einen Nenner zu bringen. Mag er auch kein großer Denker[14] gewesen sein, so war er vielleicht doch „der einzige Theoretiker von Rang“[15] den die republikanische Revolutionsbewegung hervorgebracht hat.

Fest steht, dass Sun ein sehr produktiver Verfasser politischer Schriften war, die auch Jahrzehnte nach seinem Tod im Jahre 1925 für die Politik Chinas sehr bedeutsam gewesen sind.

Zum Zeitpunkt der Revolution von 1911 lag von Sun Yat-sen noch keine systematische und detailliert ausgearbeitete Ideologie vor. Er hatte mit dem Manifest des Revolutionsbundes von 1905 jedoch schon eine Grundlage seiner politischen Theorie formuliert. Ab 1913, im japanischen Exil, begann er erst, sie zu einem Programm auszuarbeiten.

Im Manifest von 1905 stellte Sun seine Pläne vor, wie und in welchen Stationen eine erfolgreiche Revolution in China verlaufen müsse. Diese „Drei Stufen der Revolution“, die sich jeweils in einem Zeitraum von drei Jahren vollziehen sollten, beginnen mit einer Periode der Militärherrschaft, die direkt auf den Sturz des Kaiserhauses zu folgen hat. Danach, in einer Zwischenphase, wird eine vorläufige Verfassung und eine Vormundschaftsregierung ausgerufen, die die Bürger auf die Republik vorbereiten soll. Die dritte und letzte Stufe ist die Periode der verfassungsmäßigen Regierung, die sich als Fünf-Gewalten-Herrschaft (五权宪法) manifestieren soll[16]. Für die Fünf Gewalten möchte Sun die drei im Westen bekannten Gewalten, Legislative, Judikative und Exekutive übernehmen und, sozusagen als Zugeständnisse an die besonderen chinesischen Umstände, die kaiserlichen Institutionen des Zensorats (监察弹劾权) und des Prüfungswesens zur Auswahl der Beamten (考试权), beibehalten.

Nach Sun Yat-sen musste die Revolution eine dreifache Revolution sein:

- Eine nationale Revolution, die die Souveränität der Chinesen wieder herstellen sollte,

- eine demokratische Revolution, die das Kaisertum durch eine Republik ersetzen sollte und

- eine soziale Revolution, die u. a. zu einer neuen Landverteilung führen sollte.[17]

Diese Dreifache Revolution war das Ergebnis seiner Theorie der „Drei Volksprinzipien“ (三民主义). Dabei ist hervorzuheben, dass das zweite Volksprinzip, die „Volksherrschaft“ (民权主义) und das dritte Volksprinzip, das „Volkswohl“ (民生主义) auf die eifernden Studenten der damaligen Zeit viel weniger Anziehungskraft ausübte als sein Drittes, der „Nationalismus“ (民族主义).[18]

3. Die Volksgruppen der Revolution

Das chinesische Volk stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur vor dem wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch, sondern befand sich, ausgelöst durch den Eingriff der westlichen Kolonialmächte, in einer kulturellen Identifikationskrise. Hungersnöte und Naturkatastrophen trugen das Ihre dazu bei, dass die Gesellschaft in sich zerrissen war und das Heil in der Revolution aus den unterschiedlichsten Beweggründen suchte.

Dies zeigte sich spätestens nach der Revolution, als mit dem Kaiserhaus auch die Einigkeit verschwand, die vorher noch mit dem einen gemeinsamen Ziel bestanden hatte und Jahrzehnte der Bürgerkriege auf die Chinesen hereinbrachen.

Um einen kleinen Einblick in die Komplexität der sozialen Situation zu geben, möchte ich in diesem Kapitel kurz die einzelnen Volksgruppen und ihre Interessen an der Revolution vorstellen.

3.1. Die Kraft des Fortschritts – Die Neue Armee

Jacques Gernet gesteht der revolutionären Bewegung um Sun Yat-sen nur einen marginalen Einfluss auf die Revolution zu und ordnet die Geschehnisse ein in eine „Sukzession militärischer Machthaber“[19]. Welchen Anteil an der Revolution hatte also die Armee?

In der Tat spielte das Militär bei den so genannten „Bahnunruhen“ von 1910/11, die initiativ für die weiteren Ereignisse wirkten, eine besondere Rolle und Yuan Shikai, einem Armeechef aus dem Norden, gelang es sehr schnell, Sun aus seinem Präsidentenamt zu verdrängen.

1910/11 meuterten die lokalen Armeen vieler Provinzen und griffen sogar loyale Truppen an. Diese Armeen, bzw. ihre Führer, waren großenteils nationalistisch eingestellt und verurteilten die geplanten Verstaatlichungen (u. a. des Eisenbahnnetzes) als Ausverkauf nationaler Güter an das Ausland.

1901 wurde die chinesische Armee neu strukturiert. Es wurde eine neue Armeeform eingeführt, die „Neue Armee“ (新军). Sie orientierte sich am Vorbild westlicher Truppen und verdrängte zunehmend das Acht-Banner-System der Mandschus. Sie erhielt die moderneren Waffen und ihre Offiziere waren an Kriegsakademien von ausländischen Instruktoren, oder sogar im Ausland selbst, ausgebildet worden. Zwar wurde auch diese Heereseinheit zentral vom Heeresministerium der Qing befehligt, jedoch lag die eigentliche Macht bei den lokalen Befehlshabern, die vom Ausland finanziell und materiell unterstützt wurden. Diese Truppen waren oftmals ein Hort revolutionärer Ideen, da sie, auch häufig an obersten Stellen, mit Anhängern qing-feindlicher Gesellschaften durchsetzt waren und sich nicht mehr der Regierung verpflichtet fühlten.[20] Ein symbolisches Beispiel für die mangelnde Autorität der Mandschus innerhalb der Neuen Armee war, dass sich die Soldaten die Zöpfe abschnitten, die zu tragen sie von den Mandschus eigentlich gezwungen waren.

Die Armee hatte demnach bedeutenden Anteil an der Revolution, inwiefern sie jedoch erst durch die Infiltration der Revolutionäre Allianz und ihrer Propagandaarbeit zu diesem Einfluss befähigt wurde, müsste gesondert untersucht werden.

3.2. Die partikularistischen Kräfte - Gentry und Kaufleute

Die so genannte Gentry Chinas, also das Beamtentum des kaiserlichen Verwaltungsapparates, stand Sun Yat-sen verständlicherweise zunächst ablehnend gegenüber. Sie sah ihre Interessen eher vertreten in den Reformbemühungen von Kang Youwei und Liang Qichao. Dies änderte sich jedoch mit der Zeit, als zunehmend deutlich wurde, dass das Kaiserhaus trotz des zunehmenden Druckes nicht bereit war, von seiner Macht abzugeben. Der Unmut über die Langsamkeit der Regierung, eine konstitutionelle Reform durchzuführen und Befugnisse an die Provinzen zu übertragen, wuchs nun auch innerhalb der Gentry. Sie spaltete sich auf in einen konservativen Teil und in eine Gruppe, die die Geduld mit den unnachgiebigen Mandschus verlor und sich von ihnen abwandte.

Eine weitere Kraft, deren Ziel mehr Unabhängigkeit von der Zentralmacht war, waren die chinesischen Kaufleute und Industriellen. Einige von ihnen waren im Ausland wohlhabend geworden und sie organisierten sich in lokalen Handelskammern oder anderen, stark partikularistischen, Vereinigungen. Sie erhofften sich vom politischen Wechsel eine effizientere Verwaltung und mehr ökonomische Freiheiten, wie z. B. Investitionen in die chinesische Eisenbahn. Diese Kaufleute, bzw. die neue „commercial gentry“[21] war es, die Sun Yat-sens Bewegung zum Großteil finanzierte.

3.3. Die nationalistische Kraft – Studenten und jungen Akademiker

Von studentischer Seite kam vor allem ein ideologischer Beitrag zur Revolutionsbewegung. Aus einem mangelhaften Verständnis für die eigenen Traditionen und nur oberflächlichen Kenntnissen der abendländischen Kultur heraus[22], verfielen einige in ideale Begeisterung für die Ideen des Westens. Mit ihrem Nationalismus und Anti-Mandschu-Rassismus gelang es ihnen, die Stimmung weiter aufzuheizen.[23] Sie diskutierten eifrig westliche Konzeptionen, vergaßen dabei jedoch oft den Bezug zu den spezifischen Problemen Chinas.[24]

Viele gingen nach Japan oder wurden sogar von der Qing-Regierung dorthin geschickt, um das erfolgreiche Herrschaftsmodell zu studieren. Dort lernten sie die politischen Theorien des Westens kennen und waren beeindruckt vom Selbstbewusstsein und Nationalismus der Japaner. Viele entwickelten hier ihr revolutionäres Bewusstsein und steckten ihre Energie in das Übersetzen und die Verbreitung von politischen Ideen. Diejenigen, die die japanischen Kadettenschulen besucht hatten, bekamen nach ihrer Rückkehr nach China hohe Posten bei der Neuen Armee und konnten dort das revolutionäre Gedankengut propagieren.[25]

Japan hatte zu dieser Zeit großen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte Chinas. Trotz ihres schleichenden Untergangs waren die entsprechenden Institutionen der Mandschu-Regierung im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts immer noch so weit funktionsfähig, um es der politischen Opposition im Lande sehr schwer zu machen. Da sie nur im Ausland frei politisch agieren konnten, organisierten Sun Yat-sen und seine Revolutionäre den Großteil ihres Widerstandes vom Ausland aus.

Dieser Übersicht zum Trotz muss berücksichtigt werden, dass die große Masse der Bevölkerung die Revolution nur passiv erlebte. Nach wie vor blieb Politik die Angelegenheit einer kleinen Elite.

Schluss - Sun als Anführer der Revolution?

Die Frage nach der Bedeutung, die Sun Yat-sen für die Entwicklung der Revolution von 1911 wirklich hatte, lässt sich nicht so leicht beantworten. Mary C. Wright behauptet, der Umsturz von 1911 sei eine führerlose Revolution[26] gewesen. Auch die jüngeren, westlichen Biographien relativieren Suns Bedeutung für die Revolution.[27]

Ich habe Suns politischen Werdegang bis zur Präsidentschaft nachgezeichnet und die diffizile gesellschaftliche Situation beschrieben während der er gewirkt hat. Dabei hoffe ich deutlich gemacht zu haben, dass ihm durchaus als Leistung anzurechnen ist, die vielen Gräben zwischen den einzelnen revolutionären Gruppen zu überwinden und sie in einem Bündnis zu vereinen. Sein Charisma, Selbstdarstellungsfähigkeiten gegenüber Presse und potentiellen Mitstreitern, sein Rede- und Propagandatalent, sowie der unbedingte Glauben an die Möglichkeit der Revolution haben ihm den Erfolg beschert. Die von ihm geleitete Allianz mag zwar nicht die entscheidenden Aktionen für die Revolution unternommen haben, hat aber sicherlich dazu beigetragen, China den Weg für den Sturz der Mandschus zu ebnen. Die Vorbereitungen der Revolutionären Allianz, die Anwerbungen und Infiltrationen, haben nach den Aufständen vom Oktober 1911 ein zügiges Ende der Qing-Herrschaft herbeigeführt.

Quellen- und Literaturverzeichnis

[1] Vgl. Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 464

[2] In dieser Arbeit benutze ich durchgängig die pinyin-Umschrift. Ausgenommen hiervon sind wörtliche Zitate und Buchtitel mit anderen Umschriften, sowie bekanntere Schreibungen von Eigennamen wie z. B. Sun Yat-sen oder Peking.

[3] Das neue Nationalgefühl lässt sich u. a. an den folgenden zwei Punkten festmachen: Am Totalboykott amerikanischer Waren im Sommer 1905, sowie an der so genannten „Bewegung zur Rückgewinnung der Rechte“, die von chinesischen Kaufleuten gegründet worden war, um die Eisenbahnrechte von den ausländischen Investoren zurückzukaufen und das Transport-system unter Kontrolle der Chinesen zu bringen.

[4]Vgl. Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 469

[5] Vgl. Opitz P. J. (Hrsg.): Chinas große Wandlung, S. 92

[6] Vgl. Franke, W.: Das Jahrhundert der chinesischen Revolution, S. 94

[7] Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 485

[8] Vgl. Twitchett, D. (et al.), a. a. O., S. 488

[9] Twitchett, D. (et al.), a. a. O.,  S. 485

[10] Vgl. Twitchett, D. (et al.), a. a. O.,  S. 492

[11] Vgl. Gernet, J.: Die chinesische Welt, S. 525

[12] Vgl. Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 534

[13] Vgl. Spence, J.: Chinas Weg in die Moderne, S. 342

[14] Vgl. Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 490

[15] Opitz, J. (Hrsg.): Chinas große Wandlung, S. 103

[16] Vgl. Opitz, J. (Hrsg.), a. a. O., S. 112f.

[17] Seitz, K.: China, S. 118

[18] Vgl. Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 493

[19] Gernet, J.: Die chinesische Welt, S. 509

[20] Spence, J.: Chinas Weg in die Moderne, S. 318

[21] Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 514

[22] Franke, W.: Das Jahrhundert der chinesischen Revolution, S. 106

[23] Als Beispiel mag die polemische Kampfschrift des damals erst achtzehnjährigen Zou Rong „Die revolutionäre Armee“ (1903) genannt sein

[24] Vgl. Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 494

[25] Huang, F.: Chinese Students in Japan in the Late Ch’ing Period, S. 251

[26]  „a revolution without leadership“ (Wright, M. C. (Hrsg.): China in revolution: the first phase, 1900-1913. zit. in Twitchett, D. (et al.): Cambridge History of China, Band 11, S. 463)

[27] Z. B. Schiffrin, H.: Sun Yat-sen

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Franke, Wolfgang: Das Jahrhundert der chinesischen Revolution, 1851-1949. München: Oldenbourg, 1958

Gernet, Jacques: Die chinesische Welt. Frankfurt am Main: suhrkamp, 1997 

Huang Fuqing: Chinese Students in Japan in the Late Ch’ing Period. Tokyo: Centre for East Asian Cultural Studies, 1982

Opitz, Peter J. (Hrsg.): Chinas große Wandlung. München: C. H. Beck, 1972

Schiffrin, Harold Z.: Sun Yat-sen : Reluctant Revolutionary. Boston: Little, Brown, 1980

Seitz, Konrad: China. Eine Weltmacht kehrt zurück. Berlin: BvT, 2003

Spence, Jonathan D.: Chinas Weg in die Moderne. München: dtv, 2001

Twitchett, Denis [et al.]: Cambridge History of China. 15 Bde. Cambridge: Cambridge University Press, 1980

Autor und Copyrighthinweis

Dieser Beitrag wurde von Florian Rossbach im Rahmen eines Seminars "Geschichte des modernen Chinas. Vom 19. Jh. Bis zur Gegenwart" an der Philipps-Universität Marburg im Sommersemester 2006 erstellt.

Der Autor, Florian Rossbach, befindet sich derzeit in der Abschlussphase seines Magisterstudiums mit dem Hauptfach Moderne Sinologie. Vor seinem Studium an der Universität Trier studierte er bereits an den Unis Saarbrücken und Marburg, sowie ein Jahr an der Tongji-Universität in Shanghai.
 
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chinaweb.de, September 2008