Die grosse Mauer
   Die große Mauer

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1. Einleitung                                                                                                                    

2. Der Begriff „Die große Mauer“                                                                                 

3. Geschichte                                                                                                                   

3.1. Die vorkaiserliche Zeit (vor 221 v.u.Z.)                                                              
3.2. Die Zeit von der Gründung des Kaiserreiches 221 v.u.Z. bis zur  Sui-Dynastie (581-618)
3.3. Sui-Dynastie (581-618 n.u.Z.) bis zur Gegenwart                                    

4. Lage, Bau, Verwaltung, Funktionsweise                                                               
4.1. Geographische Bestimmung                                                                            
4.2. Die Konstruktion der Mauer                                                                              
4.3. Militärische Organisation und das Funktionieren der großen Mauer           

5. Die Mauer im Spiegel der Betrachtungen                                                              

6. Problemstellungen und Fragen                                                                                

7. Literaturangaben          

8. Autor und Copyrighthinweis                                                                                             


1. Einleitung

Die große Mauer: Weltweit wird kaum ein anderes Bauwerk mit einer bestimmten Kultur so eng in Verbindung gebracht, wie dieses. Sie steht nahezu als Synonym für ein Land, das man heute unter der westlichen Bezeichnung „China“ kennt, ähnlich wie die Pyramiden Sinnbild fur Ägypten sind. Auf einer Länge von ungefähr 6.300 km durchzieht sie die nordchinesische Steppen- und Gebirgslandschaft (ca. 4.000 km in der Hauptlinie), durchquert von Ost nach West drei Klimazonen sowie an die fünf Vegetationszonen und bewegt sich dabei auf Höhen von 0 bis 3.500 Meter. Um diese Maßstäbe auf Europa zu übertragen, entspräche der Verlauf dieser Mauer einer geraden Linie zwischen London und Leningrad, bzw. zwischen Paris und Bukarest.[1]

Was nun bei einem historischen Bauwerk diesen Ausmaßes verwundert, ist die Tatsache, dass die Mauer in der Vergangenheit zwar in unzähligen Reiseschilderungen Eingang gefunden hat, es aber insbesondere in der westlichen Hemisphäre kaum wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit diesem Objekt gibt.[2] Die wenigen aber, die es im Westen gibt, wie z.B. William Edgar Geil’s The Great Wall of China, stellen sich uns wiederum eher als Reiseschilderungen, denn als wissenschaftliche Abhandlungen dar,[3] was zu der Frage führt: Warum?

Diese Frage zu erörtern, dürfte nicht einfach sein und ist eigentlich auch nicht das Anliegen dieser Arbeit. Dennoch will ich hier einige Überlegungen anbringen, die hin­reichend erklären könnten, warum sich im Westen noch kaum jemand der Großen Mauer wissenschaftlich angenommen hat.

Als erstes muss man anführen, dass es bei einer Erforschung eines Bauwerkes unumgänglich ist, dass sich der Betrachter ein eigenes Bild desselben vor Ort machen kann, d.h., dass derjenige Feldforschung betreiben muss. Leider war es in der jüngeren Vergangenheit so, dass es von staatlicher Seite her Ausländern meistens untersagt war, sich dem ‚nationalen Heiligtum’ abseits der touristischen Ziele, wie Badaling oder Simatai,[4] zu nähern, so dass es einem nur möglich war, restaurierte und rekonstruierte Teile der Mauer zu besichtigen. Diese Teilstücke werden zwar äußerlich dem Objekt als Ganzes gerecht (wie ein Kuchenstück Bild fur eine ganze Torte sein kann), haben aber im Detail einige Mängel aufzuweisen,[5] so dass man zu falschen Schlüssen hätte kommen können und vielleicht haben westliche Gelehrte deshalb eine neuere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Mauer eher gescheut (erst mit der Öffnungspolitik der letzten 20 Jahre ist ein freierer Zugang zur Mauer möglich).

Ein anderes Argument ist, dass es zwar nicht an Quellen mangelt (z.B. die Dynastie­geschichten), in denen die Mauer (bzw. eine Mauer) erwähnt wird, sich solche Quellen aber lediglich auf Beschreibungen beschränken, wie z.B. eine Armee aus dem Reich X über eine Mauer in das benachbarte Reich Y einfiel, und Ähnliches. Solche Hinweise mögen zwar nützlich sein, um die Mauer in etwa zeitlich einzuordnen, aber sie sind kaum hilfreich dabei, z.B. soziologische, wirtschaftliche und andere Aspekte, die mit der Mauer verknüpft sind, anzusprechen und zu erörtern.[6]

Andere Gründe könnten sein, dass man vermeint, alles Wissenswerte uber die Mauer zu wissen, oder dass man dem Bauwerk als solches einen zu großen Respekt zollt, als dass man sich trauen würde, es durch Aufdecken von Irregularitäten in seiner Bedeutung zu unterhöhlen, oder oder oder.

Was nun diese Hausarbeit betrifft, beabsichtige ich nicht, die neuesten Erkenntnisse über die Mauer anführen zu wollen, da Primärquellen zwar zahlreich, aber häufig kaum aussage­kräftig und Sekundärquellen meistens Mangelware sind. Ich möchte lediglich zusam­menfassen, was einige Wissenschaftler in der Vergangenheit über die Mauer bereits zu Tage gefördert haben, ihre Theorien und ihre Schlussfolgerungen vorstellen, um so dem Leser einen Eindruck von dem zu vermitteln, was man als „Die Große Mauer“ bezeichnet.

2. Der Begriff „Die große Mauer“

Bevor ich nun in media res gehe, möchte ich vorab anführen, dass man bei der Ver­wendung des Begriffes „Große Mauer“ wissen sollte, dass dies nicht die ursprüngliche Bezeichnung des Bauwerkes ist.

Im chinesischen changcheng 長城 genannt, müsste es vielmehr „die lange Mauer“ (chang 長 – lang, cheng 城 – Mauer, eigtl. „die umwallte Stadt“) lauten, so dass, wenn man also von „der großen Mauer“ redet, man damit eigentlich „die lange Mauer“ meint.[7] Zurückzuführen ist diese Bezeichnung des weltbekannten Bauwerkes auf das Shiji 史記, die historischen Aufzeichnungen des Sima Qians 司馬遷 (135? – 93? v.u.Z.), wo gleich an mehreren Stellen von „langen Mauern“, die sich zwischen einzelnen Fürstentümern befunden haben sollen, die Rede ist. Dabei nimmt der frühe Historiker z.B. in seiner Darstellung über Chen She (eigtl. Chen Sheng 陳勝, ?- ca. 208 v.u.Z., aus armen Verhältnissen stammend, stellte sich an die Spitze eines Aufstandes unter dem 2. Kaiser, der von Bauern, Fronarbeitern und Sklaven getragen und blutig niedergeschlagen wurde)[8] direkten Bezug auf das, was man als die Mauer identifizieren will (zu mindestens vermutet man hier die Anfänge der großen Mauer), wobei es aus seiner Sicht heraus auch nur um „eine lange Mauer“ handelt. Es heißt dort: „Er ließ [durch] Meng Tian im Norden eine lange Mauer errichten und die Barriere verteidigen, sowie die Xiongnu mehr als 700 li zurückdrängen, so dass die Hu-Leute[9] es nicht wagten, nach Süden einzudringen und (ihre) Pferde (dort) weiden zu lassen...“

Ebenfalls aus dem Shiji abgeleitet wird eine weitere, volkstümliche Bezeichnung der Mauer, nämlich wanli changcheng 萬里長城 – die 10.000 li „lange“ Mauer. Dieser Name wird auf ein Zitat zurückgeführt, das laut Sima Qian von dem General Meng Tian 蒙恬 (? – 210 v.u.Z.), dem beauftragten Erbauer der Mauer, gestammt haben soll: „Meng Tian sprach seufzend: ‚Welches Verbrechen vor dem Himmel [habe ich begangen], dass ich ohne Fehl sterben soll?’ Nach einer lange Zeit sprach er langsam [fort]: ‚Ich habe ein Verbrechen [begangen], weswegen ich sicherlich den Tod [verdiene]. Von Lintao verbunden bis Liaodong, habe ich Wälle und Gräben über mehr als 10.000 li errichtet. Wie könnte es dabei sein, dass ich die Adern der Erde nicht durchschnitten hätte? Dies ist mein Verbrechen.’ Daraufhin tötete er sich, indem er ein Gift einnahm, selbst.“[10]

Eine weitere, im Westen eher unbekannte und sehr lyrische Bezeichnung, lautet zisai 紫塞 „purpurne Barriere“ oder „purpurne Grenze“. Dieser Name findet sich im Gu Jin zhu 古今注, Kapitel 2, den Peter Lum auch für seine Arbeit über die große Mauer verwendete.[11] Schließlich finden wir in alten geographischen Werken die eher banale Bezeichnung als biancheng 邊城 oder bianqiang 邊牆, „Grenzwall“ bzw. „Grenzmauer“.

Woher nun der heute, wie selbstverständlich gebrauchte Begriff „die große Mauer“ stammt, ist mir leider nicht bekannt, aber es dürfte sich dabei um eine Interpretation des Begriffes changcheng handeln, die von westlichen Gelehrten und Reisenden, die sich ab dem 17. Jhr. in China aufhielten und die unter dem Eindruck der schier unvorstellbaren Größe des Bauwerkes standen, vorgenommen wurde. Durch die Reiseberichte und andere Darstellungen dieser Reisenden bürgerte sich schließlich diese Bezeichnung im westlichen Sprachgebrauch mit der Zeit ein. Wenn ich nun im Folgenden über „die große Mauer“ schreibe, beuge ich mich damit lediglich den sprachlichen Konventionen, die sich im Laufe der Geschichte eingestellt haben, aber werde damit eigentlich immer „die lange Mauer“ meinen.

3. Geschichte

3.1  Die vorkaiserliche Zeit (vor 221 v.u.Z.)

Die Ursprünge der Großen Mauer sind in einer Epoche zu finden, die durch eine politische Zersplitterung der chinesischen Welt gekennzeichnet ist: Der östl. Zhou-Dynastie 東周 (771-221 v.u.Z.). Diese Periode war beherrscht vom allmählichen Zerfall der feudalen Lehenstrukturen, derer sich das Herrscherhaus der Zhou 周 für mehrere Hunderte Jahre bedient hatte, um so für Stabilität und Sicherheit im Reich zu sorgen. Die einst kleinen Lehen bzw. Fürstentümer, die sich wie ein Ring um die zentrale Herrscherdomäne der Zhou legten, machten in dieser Zeit eine erstaunliche Entwicklung in technischer und auch kultureller Hinsicht durch, was ihnen einen zunehmend größeren Vorsprung vor dem Herrscherhaus verschaffte. In ständigen Auseinandersetzungen mit den barbarischen Völkern des Nordens verstrickt, sahen sich die Fürstentümer gezwungen, politische und soziale Reformen und Umstrukturierungen in ihren Ländern durchzuführen und zu expandieren, um den sich ständig ändernden Anforderungen angemessen entgegentreten zu können, während das zentrale Zhou-Reich in einer Art Dornröschenschlaf verharren konnte. Aus den Lehen erwuchsen so allmählich mächtige Flächenstaaten, die ihre Fühler alsbald nach der Macht in der chinesischen Welt ausstreckten, so dass die Herrscher von Zhou, die bis dahin den Entwicklungen in den Fürstentümer passiv gegenüberstanden, schließlich nur noch nominell und rituell die Macht im Reich innehatten, während die faktische Macht bei den Fürsten in den ehemaligen Lehen lag. Fühlte man sich, da man mit dem Herrscherhaus einst verwandt oder befreundet war, in geistiger Hinsicht zunächst noch dem kulturellen Erbe der Zhou verpflichtet, so lösten sich diese Beziehungen im Laufe der Generationen auf, so dass schließlich die Zhou auch rituell nur noch eine untergeordnete Rolle im damaligen Gebilde spielten. Diese Entwicklung fand ihren Höhepunkt in der Periode, die als Zeit der streitenden Reiche (zhanguo 戰國, 453-221 v.u.Z.) bezeichnet wird und in der sich die einzelnen Fürstentümer im Streit um die Macht gegeneinander bekämpften und größere Reiche die kleineren einfach annektierten.[12]

Will man nun über die Ursprünge der Großen Mauer schreiben, so ist es zunächst einmal nötig, zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden: einer textuellen und einer nicht-textuellen Ebene.

Im Gegensatz zur Archäologie, die bisher mehrere Mauern in China für das 5./ 4. Jhr. v.u.Z. belegen konnte, sind in vielen alten Texten Verweise auf „große Mauern“ (im Nachhinein wird ersichtlich, warum ich hier den Plural wähle) gefunden worden, wonach die ersten Anfänge derselben in das 7. Jhr. v.u.Z. zu verlegen wären. So z.B. das Guanzi 管子, eine Sammlung von Abhandlungen über Politik und Wirtschaft, die Anhänger eines gewissen Guan Zhong’s 管仲, Minister im Fürstenreich Qi 齊 unter Huangong 桓公 (reg. ca. 685-642) [13] und Vorläufer legistischer Ideen, kompiliert haben sollen. Darin heißt es: „Meister Guan sprach: ‚Das Yang der großen Mauer ist Lu; das Yin der großen Mauer ist Qi.’“[14] Folgt man dieser Stelle, so hätte demnach bereits um die Mitte des 7. Jhr. v.u.Z. eine Mauer existiert, die sich zwischen den zwei Fürstentümern Qi und Lu 魯 (zwei Reiche, die sich in etwa das Gebiet der heutigen Provinz Shandong 山东 teilten) befunden haben soll. Inwiefern dieser Verweis aber als authentisch aufzufassen ist, ist angesichts des von vielen Gelehrten angezweifelten Wahrheitsgehaltes des Guanzi unklar. Was man zumindest mit Hilfe von Erwähnungen in anderen Texten bestätigen kann und auch durch archäologische Funde bestätigt ist, ist die Existenz einer „großen Mauer von Qi“. So findet sich in einem Kommentar des Zhushu jinian 竹書紀年, den sog. Bambusannalen, eine Stelle, an der es heißt: „Im Jahr 20 nach der Herrscherwerdung Liang Hui’s (ca. 351 v.u.Z.), errichtete Qi einen Wall, den man für [die] große Mauer hielt.“[15] Und im Shuijingzhu 水經注, einem historisch geographischen Kommentar, den man einem Li Daoyan 酈道元 (nördl. Wei-Dynastie 魏, gest. 527 n.u.Z.) zuschreibt, heißt es im Rückgriff auf das Zhushu jinian: „Im Jahr 20 des Herzogs Lie von Jin (ca. 408 v.u.Z.), befahl der Herrscher Han Jingzi, Zhao Liezi und Zhai Yuan, gegen Qi zu Felde zu ziehen. [Sie] überschritten die große Mauer.“ Die ergiebigste Quelle bezüglich einer „Mauer von Qi“ stellt das Shiji dar. Darin verweisen gleich mehrere Stellen darauf, dass es in Qi eine Mauer gegeben hat, wie z.B. in dem Kapitel über das Geschlecht von Zhao 趙: „Im 7. Jahr (ca. 368 v.u.Z.) fiel er [Fürst Cheng von Zhao] in Qi ein und erreichte die große Mauer.“[16] oder in einem Kommentar zu einer Stelle im Kapitel über das Geschlecht von Chu 楚: „ König Xuan von Qi (reg. ca. 342-324 v.u.Z.) ließ auf einer Bergkette eine große Mauer errichten, im Osten bis ans Meer und nach Westen bis nach Jizhou,[17] über mehr als Tausend li, um sich vor Chu zu schützen.“ [18]
 
Anhand solcher und anderer historischer Quellen lassen sich eine Vielzahl von „großen Mauern“ ausmachen und in etwa datieren.[19] So auch eine Mauer im südlichen Reich Chu, die laut Quellen auf etwa 611 v.u.Z. datiert werden kann (wohingegen archäologische Funde eine Mauer in Chu für das frühe 4. Jhr. v.u.Z. belegen. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass es vorher keine Mauer in Chu gegeben hätte). Des weiteren finden sich Hinweise auf eine Mauer in Wei als Schutzwall gegen den immer stärker werdenden Nachbarn im Westen, das Fürstentum Qin 秦. In Qin selbst gab es eine Mauer, die aus der Übergangsphase vom 4. zum 3. Jhr. v.u.Z. herzurühren schien (als Schutz gegen die weiter im Nordwesten sitzenden Steppenvölker) und schließlich auch in Zhao und Yan 燕, wo man an zwei Grenzen Mauern errichtete: Einerseits im Norden als Schutz gegen die dort ansässigen Steppenvölker, andererseits im Süden gegen die dort liegenden anderen Fürstentümer. Bevor wir es also mit „der großen Mauer“ zu tun bekommen, haben wir es zunächst mit einer großen Anzahl kleinerer, „großer Mauern“ zu tun, deren Verläufe zudem nicht mit dem Verlauf der heutigen Mauer übereinstimmten.
 
Da sich die Konstruktionen der einzelnen Mauern verschiedenen Zeiträumen zuordnen lassen, möchte ich an dieser Stelle eine chronologische Reihenfolge, beginnend mit der als ältesten geltenden Mauer, angeben:[20]

1.      Mauer von Qi (Mitte 7. Jhr. v.u.Z.,)

2.      Mauer von Chu (Ende 7. Jhr. v.u.Z.)

3.      Mauer von Wei (ca. zweite Hälfte des 4. Jhr. v.u.Z)

4.      Mauer von Han (ca. 4.-3. Jhr. v.u.Z.)

5.      Mauer von Zhao (ca. 4.-3. Jhr. v.u.Z.)

6.      Mauer von Yan (ca. 4.-3. Jhr. v.u.Z.)

7.      Mauer von Qin (ca. 4.-3. Jhr. v.u.Z.)[21]

Als Nachtrag wäre noch anzumerken, dass die Bezeichnung „Mauer“ verwirrend ist, da man sich unter diesem Begriff ein aus Steinziegeln errichtetes Bauwerk vorstellt, aber de facto waren die „Mauern“ jener Epoche und auch lange danach lediglich aufgeschüttete „Erdwälle und cyclopisch aufgehäufte Steinwälle, die sich mit blossen Holzverhauen abwechselten“ wie von Möllendorf formuliert.[22] In den westlichen Abschnitten der heutigen Mauer lässt sich noch die alte Bauweise jener Zeit erkennen.

3.2 Die Zeit von der Gründung des Kaiserreiches 221 v.u.Z. bis zur Sui-Dynastie (581-618)

Wie schon in den ersten Abschnitten angesprochen, schreibt man das, was wir heute als die große Mauer bewundern dürfen, der Initiative des ersten chinesischen Kaisers, Qin Shihuangdi 秦始皇帝, zu.[23] Nachdem er 221 v.u.Z. die verschiedenen Fürstentümer gewaltsam vereinigt und damit eine über 200 Jahre lang währende Phase des Krieges beendet hatte, sah er die Notwendigkeit, zunächst einmal die Mauern (damit sind die oben erwähnten einzelnen Mauern gemeint) im Inneren des neuen Reiches „zu schleifen“.[24] Das hatte zum Einen den Grund, dass es ihm diese Hürden erschwerten, mit seiner Armee im Inneren des Landes zu operieren, und andererseits sollte dadurch die Hemmschwelle für etwaige Bestrebungen nach Unabhängigkeit (denn die ehemaligen Fürstentümer konnten sich nur schwer mit der Einheit durch Qin abfinden) hoch angesetzt werden. Von dieser Abrissaktion waren die Mauern der nördlichen Reiche von Zhao, Yan und Qin, ausgenommen, denn sie sollten in ihrer Funktion weiterhin als Schutzwälle gegen die nördlich des chinesischen Reiches sitzenden „Barbaren“ dienen.

Zu diesem Zweck beauftragte der erste Kaiser seinen Feldherren Meng Tian im Jahre 214 v.u.Z. damit, die nördlichen Mauern miteinander zu verbinden und so eine durchgehende Barriere zu erschaffen,[25] die von Liaodong 遼東 im Osten (in der heutigen Provinz Liaoning an der Grenze zu Nord-Korea), bis Lintao 臨洮 im Westen (ca. 80 km südwestlich von Lanzhou in der heutigen Provinz Gansu gelegen), „über 10.000 li“ reichte.[26] Dieses Unterfangen muss logistisch riesige Ausmaße besessen haben, da das Shiji die Zahl allein der Männer, die Meng Tian im Feldzug gegen die nördlichen Barbaren befehligte und an dessen Anschluss er die Mauer errichten ließ, mit 300.000 angibt.[27] Wenn man nun davon ausgeht, dass es sich bei diesen Menschen in erster Linie um Soldaten gehandelt haben muss, kann man sich in etwa ausmalen, wie viele Leute insgesamt am Zustandekommen der Mauer mitgewirkt haben müssen, zuzüglich der Architekten, Handwerker, Sträflinge, Bauern und und und. Leider erfahren wir über die Logistik in den uns heute zugänglichen Quellen kaum etwas. Es fehlen uns Bauberichte, Protokolle, Befehlstafeln und Ähnliches, die es uns ermöglichen würden, ein genaueres Bild dessen zu geben, was sich damals im Umfeld der Mauer ereignet hat. Aber eines ist gewiss: Die umfangreichen Reformen und Vereinheitlichungsmaßnahmen, wie z.B. die Vereinheitlichung der Schriftsprache (für den gegenseitigen amtlichen Schriftverkehr wichtig) oder die Vereinheitlichung der Spurbreiten der Pferdekarren (für den Transport von Baumaterialien von Bedeutung), u.a., die unter dem ersten Kaiser durchgeführt wurden, haben einen entscheidenden Anteil an der Realisierung dieses Projektes gehabt.[28]

Der 221 v.u.Z. erzwungene Friede war nur von kurzer Dauer. Mit dem Tode des ersten Kaisers im Jahre 210 v.u.Z. begann der rasante Niedergang der Qin-Dynastie. Vor allem die Frondienste, die der erste Kaiser seinen Untertanen abverlangte, um z.B. den Mauerbau zu realisieren, und das harsche Strafsystem hatten bereits für Unmut in der Bevölkerung gesorgt, wurden aber unter dem zweiten Kaiser, Huhai 胡亥, noch verschärft, so dass schließlich ein großer Teil der männlichen Landbewohner Zwangsdienste verrichten musste.[29] Dies führte zu Hungersnöten im Reich, da Felder nicht mehr bestellt werden konnten, ganze Landstriche verwaisten, und aus dem stillen Widerstand im Volk wurde offene Rebellion. Diese machte sich der nach wie vor existente alte Adel der ehemaligen Fürstentümer, den der erste Kaiser trotz umfangreicher politischer Maßnahmen nicht neutralisieren konnte, zunutze und stellte sich in den Dienst von Sklaven- und Bauernaufständen, die alsbald überall im Reich ausbrachen.[30] Nicht zuletzt diese Kombination versetzte der Qin-Dynastie in Form der Aufständischen Liu Bang 劉邦 (256-195 v.u.Z.) und Xiang Yu 項羽 (232-202 v.u.Z.), ersterer ein kleiner Polizeibeamte aus der Provinz, der zweite ein Sprössling des alten Chu-Adels, den Todesstoß. Das Jahr 206 v.u.Z. markiert das Ende der kurzlebigen, aber prägnanten Qin-Herrschaft und den Beginn der Han-Dynastie 漢, die unter Liu Bang, der sich fortan als Han Gaozu 漢高祖 bezeichnete, gegründet wurde.

Die Xiongnu, die von Qin Shihuangdi weit in den Norden vertrieben worden waren und sich dort reorganisierten, drangen nun wieder verstärkt in das Land südlich der Mauer ein, wo sie ganze Landstriche verwüsteten.[31] In den Wirren des Umbruchs schien die Verteidigung der Grenzen nur wenig Aufmerksamkeit genossen zu haben, denn zu sehr schienen die Chinesen mit sich selbst beschäftigt gewesen zu sein, als dass sie die Gefahr, die ihnen von Norden her drohte, frühzeitig erkannt hätten. Mit diesen Einfällen rückte aber, wenn auch nur für kurze Zeit, die Mauer wieder in das Interesse der Herrschenden, die sich eine doppelte Strategie zurecht legten: Einerseits versuchten sie sich den Frieden von den „Barbaren“ in Form eines Tributhandels zu erkaufen (wobei barbarische Gesandtschaften als Tributdelegationen am Kaiserhof empfangen wurden und im Austausch für ihre Waren vom chinesischen Herrscher Geschenke überreicht bekamen, die den Wert der Tribute zumeist weit überstiegen und es so für die Fremden ein sehr einträgliches Geschäft war. Der Tributhandel war übrigens bis weit in die Ming-Zeit 明 (1368-1644) die einzige legale Form des Außenhandels.), andererseits nutzten sie die so gewonnene Zeit, um Maßnahmen zu ergreifen, die die Verteidigung entlang der großen Mauer stärken sollten. So wurden zusätzliche Garnisonen errichtet und die Mauerlinie in Form von Festungsketten bis weit in die nordwestlichen Regionen hinein verlängert.[32]

Aber der psychologische Effekt auf die Randvölker, den der Bau der Mauer unter dem ersten Kaiser hatte (sie hatten schließlich nie etwas Ähnliches zuvor gesehen und standen unter dem gleichen Eindruck, wie die späteren Europäer), ging verloren, nachdem es ihnen mehrmals erfolgreich gelungen war, die Barriere zu überwinden.

Um der Situation Herr zu werden, entschloss man sich am chinesischen Kaiserhof, Präventivmaßnahmen zu ergreifen und begann, große militärische Kampagnen gegen die Nomaden im Norden durchzuführen. Ziel war es, durch einen „Erstschlag“ zukünftigen Einfällen vorzubeugen und die Nomaden weit in den Norden zu verdrängen, so geschehen insbesondere unter Kaiser Han Wudi 漢武帝 (reg. 141-87 v.u.Z.).[33] Diese Militärkampagnen waren aufgrund diplomatischer Schachzüge tatsächlich so erfolgreich, dass die Han-Herrscher ihren Machtbereich weit in südöstlicher Richtung, sowie in den Norden und Nordwesten hinein ausdehnen konnten und dort, wo man im Norden jenseits der Mauer Landgewinne erzielen konnte, wurden umfangreiche Umsiedlungsmaßnahmen durchgeführt. Sogenannte „Wehr­bauern“ wurden angesiedelt, die einerseits dafür sorgen sollten, dass das Land urbar gemacht und kultiviert wurde, um so mit Lebensmittelerzeugnissen die militärischen Operationen im Norden zu unterstützen, andererseits sollten sie im Falle neuerlicher Einfälle zu den Waffen greifen, ihre eigenen Felder verteidigen und die Gegner, wenn nicht abwehren, doch soweit aufhalten, bis ein Entsatzheer der Zentralregierung zur Hilfe eilen und die Eindringlinge schlagen konnte.[34] Damit verlor die Mauer ihre primäre Schutzfunktion zu Gunsten dieser Wehrbauern und da sie den Herrschern bei etwaigen militärischen Expeditionen in den Norden eher hinderlich erschien, ließ man sie sich selbst überlassen und verwahrlosen.[35]

Nachdem 220 n.u.Z. die Han-Dynastie[36] aufgrund innerer Streitigkeiten und aufgrund „untalentierter“ Herrscher in sich zusammenbrach, wandelte sich die monopolare chinesische Welt in eine multipolare: Alte restaurative Kräfte erstarkten, unabhängige Fürstentümer entstanden („Zeit der 3 Reiche“ 三國, 220-280 n.u.Z.; Zeit der „5 Barbaren und 16 Fürstentümer“ 十六國, 304-436 n.u.Z.; „Zeit der südl. und nördl. Dynastien“ 南北朝, 420-577 n.u.Z.) und rangen um die Vormacht in dem ehemals starken Han-Reich. Die „Barbaren“ nutzten wieder die Gunst der Stunde und drangen vor allem aus dem Norden in das Reich ein, wo es ihnen teilweise gelang, sesshaft zu werden und unabhängige, teilweise sinisierte Königreiche auszurufen. Die historische Situation der Folgezeit lässt sich mit der Periode der Streitenden Reiche (453-221 v.u.Z.) in vielerlei Hinsicht vergleichen. So war es auch in dieser Periode, bis zur neuerlichen Einheit des Reiches unter den Sui 隨 (581-618 n.u.Z.), dass es zu einer Renaissance im innerchinesischen Mauerbau kam. Um sich voreinander zu schützen, wurden alte, noch bestehende Mauerfragmente der Staaten der vorkaiserlichen Zeit restauriert und instand gesetzt, andere Mauern wiederum wurden völlig neu hochgezogen. Leider fehlen uns aus dieser Periode Hinweise darauf, was genau sich in Bezug auf den Mauerbau in China jener Zeit vollzog. Die Quellen, die überliefert sind, dazu zählen in erster Linie wiederum die Dynastiegeschichten, sind in ihrer großen Vielzahl Schriftstücke, die erst unter den Tang 唐 (618-906 n.u.Z.) zusammengetragen, daher in Retrospektive verfasst worden sind (können also nur bedingt als authentisch für die Zeit nach den Han angesehen werden) und sich eher spärlich zur Mauer äußern.

Zu den wenigen Informationen aus den Dynastiegeschichten jener Zeit gehören solche, wie die aus dem Weishu 魏書, der Geschichte der nördl. Wei-Dynastie (386-534 n.u.Z.), wo es heißt: „Im 2. Monat, am Tag rongchen (423 n.u.Z.) errichtete man einen Wall im Süden Changchuans, beginnend bei Chicheng, nach Westen bis Wuyuan, durchgängig mehr als 2.000 li, und errichtete vorsorglich Wachtürme und Garnisonen.“[37]

Oder auch folgende Angaben aus dem Bei Qishu 北齊書 (Geschichte der nördl. Qi-Dynastie, 550-577 n.u.Z.) in den Annalen des Herrschers Wen Xuan 文宣 (reg. 550-559 n.u.Z.): „In diesem Jahr (555 n.u.Z.) entsandte er 1,8 Mio. Männer, um einen Wall zu errichten, der von Xiakou im Norden Yuzhous bis Hengzhou, mehr als 900 li lang war.“[38]

Und schließlich in den Annalen Xuandis 宣帝 (reg. 578-579 n.u.Z.) im Bei Zhoushu 北周書 (Geschichte der nördl. Zhou-Dynastie, 557-581 n.u.Z.): „Im 2. Jahr...entsandte er Männer aus Zhuzhou in Shandong, um die Wälle zu reparieren, sowie Türme und befestigte Lager, von Yanmen bis Jieshi, zu errichten.“[39] Aus diesen und ähnlichen Stellen wird ersichtlich, dass man, wie zuvor in der Zeit der Streitenden Reiche, eher auf kleinere, einzelne Mauern als schützende Barrieren setzte, allerdings nutzte man teilweise den Verlauf der großen Mauer des ersten Kaisers, um von ihrer Linie aus neue Mauern zu ziehen (was heute noch an den vielen Verzweigungen der Mauer erkennbar ist. So identifiziert man z.B. die heutige „äußere Mauer“ mit der Mauer der nördl. Wei-Dynastie, s.u.).

Interessant ist, dass die zu jener Zeit allmählich, vor allem im Norden, sesshaft gewordenen Nomaden wiederum ihrerseits anfingen, Mauern zu errichten, um sich vor anderen, nicht-sesshaften Völkern, die noch nördlicher lebten, zu schützen. Im Zuge ihrer Sinisierung entlang der nordchinesischen Grenze sahen sich also die „ehemaligen“ Nomaden dazu gezwungen, sich vor „ihresgleichen“ zu schützen - eine amüsante Verquickung - und neben z.B. dem Ackerbau auch den Mauerbau zu übernehmen und anzuwenden.

3.3. Sui-Dynastie (581-618 n.u.Z.) bis zur Gegenwart

Mit den Sui kam wieder eine starke, zentralistische Herrschaft an die Macht, die nach der Zerschlagung der halb-sinisierten, nomadischen Königreiche im Norden das chinesische Reich wieder vereinigen und der Trennung von Nord und Süd ein Ende setzen konnte. Die Sui-Herrscher sahen sich nun, ähnlich wie der erste Kaiser 800 Jahre zuvor, dazu gezwungen, Abwehrmaßnahmen im Norden zu treffen, um die Bedrohung durch turkstämmige Völker, die verstärkt aus dem Nordwesten nach China drangen, zu neutralisieren: Unter den Sui wurde der Mauerbau entlang der nördlichen Grenze wieder forciert (ersichtlich an den relativ zahlreichen Belegstellen aus der Geschichte der Sui, dem Suishu 隨書)[40] und ungeheure Mengen an Menschenmaterial aufgeboten, um dieses Unterfangen in kürzester Zeit zu realisieren (das Suishu berichtet, wie unter Kaiser Yangdi 煬帝, reg. 604-617 n.u.Z., 1 Million Menschen zum Mauerbau eingesetzt worden und wie von diesen an die Hälfte umgekommen sein sollen).[41]

Nach dem schnellen Ende dieser kurzlebigen Dynastie, 618 n.u.Z., war es nun an den Tang-Herrschern, über das Wohl und Wehe des Reiches und auch der Mauer zu entscheiden.

Aber wie ehedem den Han-Herrschern war den Tang-Herrschern die große Wallanlage im Norden eher ein Dorn im Auge, da sie den auf Expansion setzenden Tang eher hinderlich schien.[42] In mehreren militärischen Kampagnen gelang es diesen, ihren Machtbereich weit über die bisherigen Grenzen hinaus so weit auszudehnen, dass sich schließlich sogar der koreanische Herrscher dazu gezwungen sah, durch die Errichtung einer 500 km langen Mauer bzw. eines Walls entlang der damaligen chinesisch-koreanischen Reichsgrenzen der Ausweitung der Tang Einhalt zu gebieten und ein Übergreifen auf Korea abzuwenden.[43] Die nach Außen gerichtete, aggressive Politik führte allerdings zu einem Vernachlässigen der inneren Ordnung des Reiches und begünstigte so schließlich die Umstände, die zum sogenannten Anlushan-Aufstand 安祿山 755/756 n.u.Z. unter dem General gleichen Namens führten, bei dem es in erster Linie um Streitigkeiten in der Thronfolge nach dem Tode Xuanzongs 玄宗 (reg. 712-755 n.u.Z.) ging.[44]

Die Tang-Dynastie konnte sich zwar von dieser Zerreißprobe wieder erholen, aber der gesamte militärische Apparat war im Laufe der Unruhen stark in Mitleidenschaft gezogen worden, so dass Turkvölker aus dem Nordwesten, wie auch Tibeter aus dem Westen, die Gunst der Stunde nutzen, allmählich in die westlichen und nordwestlichen Gebiete des Reiches eindringen und dort dem Territorium der Tang große Gebiete abtrotzen konnten. Während die Chinesen weiterhin eher mit sich selbst beschäftigt waren, etablierten sich in diesen Gebieten meist kleinere unabhängige Königreiche. 907 n.u.Z. war das Reich der Tang schließlich zerschlagen und das Land erneut gespalten (Wudai-Ära 五代十國, Zeit der 5 Dynastien und 10 Reiche, 907-979 n.u.Z.). Der Norden geriet dabei unter den Einfluss eines verhältnismäßig weit sinisierten und sesshaften Volkes, den Khitan, denen es 907 gelungen war, im Norden ein Königreich nach chinesischem Vorbild (die Liao-Dynastie 遼) zu gründen (zu ihnen gesellte sich westlich ab 1032 ein tangutisches Königreich, die Xixia 西夏 oder westl. Xia) während es weiter südlich wiederum einem starken Herrscherhaus, den Song 宋 (960-1127), gelang, die dortigen zerstrittenen Kleinreiche zu vereinen. Aufgrund seiner geographischen Lage weiter südlich, war es den Song nun nicht möglich, bauliche Maßnahmen an der großen Mauer durchzuführen (was durch ausbleibende Hinweise im Songshi 宋史, der Dynastiegeschichte der Song, belegt scheint. Fryer dagegen berichtet zumindest von einem Versuch der Song, auf einer Länge von 400 km eine Palisade aus Weidebäumen und Ulmenholz zu errichten)[45] und anstatt durch militärische und strategische Anlagen erkauften sie sich den Frieden von den nördlichen Reichen teuer durch Tributleistungen in Form von Seide, Silber, Tee u.ä. Diese Reiche ihrerseits sahen sich der Bedrohung durch weiter anstürmende Nomadenvölker ausgesetzt und begannen nun, entlang ihrer eigenen nördlichen Grenzen Verteidigungsanlagen zu errichten. Doch diese boten kaum geeigneten Schutz und so wurde die Liao-Dynastie von einer neuen Gruppe aus dem Nordosten, den Dschurdschen, verdrängt. Diese gründeten eine weitere Herrschaft nach chinesischem Vorbild, die Jin-Dynastie 金 (1115-1254), und drängten die militärisch unterlegenen Song weiter in den Süden zurück, wo sie die südl. Song-Dynastie (1127-1279) etablierten. Es ist scheint also, dass in dem Zeitraum von 907 bis 1279 unter den „Fremden“ einige Versuche unternommen worden sind, neue Mauern zu errichten, jedoch waren diese Versuche aufgrund der sich ständig wechselnden Herrschaftsverhältnissen im Norden nur von eher kurzer Dauer.[46]

Eine neue Bedrohung tauchte mittlerweile im Norden auf, die Mongolen. Mit ihren äußerst flexiblen Reiterheeren, ganz auf die Schießkraft ihrer berittenen Bogenschützen setzend, rückten sie ab Anfang des 13 Jhr. vom Norden her in Richtung China (und in westlicher Richtung bis Europa) vor, besiegten dabei das Reich der Xixia und das der Jin und schließlich auch die Song-Dynastie, deren Ende 1279 mit der Gründung der Yuan-Dynastie 元 unter Kubilai Khan (reg. 1260-1294) besiegelt war. Die Dynastiegeschichte der Yuan, das Yuanshi 元史, besitzt nun nahezu keine Angaben zu dem, was mit der großen Mauer zu jener Zeit geschehen war. Das liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, dass die Mauer seit den Tang (also vor fast 800 Jahren aus Sicht der Ming 明, unter denen das Yuanshi zusammengestellt worden war) ganz sich selbst überlassen und daher nahezu vollständig erodiert war, weswegen die Mongolen beim Einfall nach China keinem außergewöhnlichen Bauwerk, wie die Mauer, begegnet sind (und wenn doch, dann haben sie die Überreste der Mauer vielleicht nicht als solche identifiziert). Die Mongolen selber besaßen keinerlei Interesse daran, eine Mauer zu errichten bzw. eine Mauer zu restaurieren, da einerseits aus dem Norden keinerlei Gefahr für das Reich mehr drohte (das Mongolenreich erstreckte sich nördlich wie südlich von Osteuropa bis Ostasien) und man sich andererseits durch einen Wall den Weg in evt. nördliche Rückzugsgebiete nicht verbauen wollte.

Erst die Ming-Herrscher entwickelten ein außerordentliches Interesse an dem, was einst von Qin Shihuangdi begonnen worden war, denn sie hatten aus den vielen Jahren der Fremdherrschaften (ab den Han hatte sich die Qualität der Nomadeneinfälle zunehmend geändert: waren es zunächst nur kürzere Streifzüge der Nomaden durch chinesisches Territorium, so wandelten diese sich zu länger andauernden Besetzungen um)[47] gelernt, dass in der Vergangenheit die größte Bedrohung immer von den im Norden sitzenden Völkern ausgegangen war (fast schon traumatische Auswirkungen hatte die Herrschaft der Mongolen auf das Selbstverständnis der Chinesen, denn diese waren das erste Steppenvolk, welches sich als außerordentlich resistent gegen chinesische Einflüsse erwies). Daher beschlossen die Ming, das einst vom ersten Kaiser begonnene und im Laufe der Jahrhunderte mal beachtete, doch zumeist als überflüssig betrachtete Bollwerk in seiner ganzen Linie (inkl. aller aus den chaotischen Zeiten herrührenden Abzweigungen) auf Anraten ihrer Berater wiederherzustellen und darüber hinaus seine Verteidigungsfunktion zu verstärken, indem man es zu einem aus festem Gestein errichteten Bauwerk machte. Dass diese Maßnahme ihren Sinn hatte, bewiesen im Folgenden mehrere Versuche der Mongolen, die sich weit im Norden von ihren Niederlagen gegen die Ming-Armeen erholen und noch einiges an militärischer Macht bewahren konnten, wieder auf chinesisches Territorium überzugreifen.[48] Mit groß angelegten Instandsetzungen wurde unter Zhu Yuanzhang 朱元璋, dem Gründer der Ming-Dynastie (reg. 1368-1399) begonnen: bereits 1368 erließ er den Befehl an General Xu Da 徐達, alle verfallenen Passbefestigungen entlang der Mauer wiederherzustellen,[49] allerdings bedurfte es erst an die 200 weitere Jahre nach Gründung der Ming, bevor das entstand, was wir heute noch als die große Mauer bewundern können. Wie in zahlreichen Gedenkschriften, Steintäfelchen und sonstigen Memoranden, die man an der Mauer finden konnte, belegt ist, scheint dies wohl zu einem sehr großen Teil dem Kaiser Shenzong 神宗 (reg. 1573-1620) zuzurechnen zu sein,[50] der sich in der glücklichen Situation befand, dass seine Regierung relativ ruhig verlief, da das einst so mächtige mongolische Weltreich an inneren Konflikten zerfallen war und weite Teile der mongolischen Population allmählich zu einer mehr sesshaften Lebensweise gefunden hatten.

Dieser Friede war aber nur von kurzer Dauer. Die Ming hatten bereits zu dieser Zeit den Zenit ihrer Herrschaft überschritten und durch Fraktionskämpfe und Intrigen am Kaiserhofe drehte sich die Zerfallsspirale zusehends schneller. Damit wurden sie zu einer leichten Beute für eine neue Macht, die im Nordosten entstanden war: Die Mandschus. 1644 wurde das Kaiserhaus der Ming zerschlagen und unter den Mandschu eine neue Dynastie, die Qing-Dynastie 清, ins Leben gerufen. Obwohl sie in kultureller Hinsicht stark sinisiert waren, waren sie dennoch fremde Herrscher in China und wie andere Fremdherrschaften zuvor nicht am Erhalt der großen Mauer interessiert. Die Mauer verlor wieder ihre Bedeutung als nördliche Verteidigungslinie, nicht zuletzt deswegen, weil aus dem Norden durch die Gründung eines russischen Großreiches kaum mehr Gefahr durch umherziehende Nomadenstämme drohte und dem chinesischen Reich im Süden und später im Osten eine neue Gefahr entstanden war: Die Kolonialmächte Europas, Amerika und Japan, die ab dem 19. Jhr. von den Küsten her verstärkt in das Reich drängten, und die chinesische Regierung durch militärisch-technische Überlegenheit zu Konzessionen und Zugeständnissen zwangen.

Die Mauer verharrte nun bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts in einer Art Dämmerzustand, als sie nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 als gesamt­chinesisches Symbol, als Identifikation und als Ausdruck ehemaliger (angeblicher) kultureller und auch technischer Überlegenheit (gegenüber den Westmächten) in das Blickfeld der kommunistischen Partei Chinas geriet (von ihrem propagandistischen Nutzen einmal ganz abgesehen). 1952 wurden großangelegte Restaurationen an der Mauer in Angriff genommen und mehrere Gesetze erlassen, die den Erhalt der Mauer garantieren sollten (so z.B. ein Gesetz, dass den Menschen verbot, Baumaterial von der Mauer zu eigenen Zwecken zu entwenden. In den chaotischen Jahren des Unterganges der Qing, dem letzten Herrscherhaus Chinas (1911), der Zeit der Republik und des Bürgerkrieges war die Armut groß und Baumaterial knapp, weswegen die vor sich hin zerfallenden Mauerabschnitte von der lokalen Bevölkerung häufig als Materiallager zum Bau von Behausungen herangezogen wurden. Eine scherzhafte Bezeichnung für die große Mauer jener Tage lautet: Der längste Steinbruch der Welt.)

4. Lage, Bau, Verwaltung, Funktionsweise

4.1 Geographische Bestimmung [51]

Will man den Verlauf der Mauer beschreiben, so steht man alsbald vor dem Problem, dass die Mauer an sich in ihrer Ausdehnung alles andere als ein homogenes Bauwerk ist. Denn wie bereits im vorherigen Kapitel angedeutet, stellt sie sich uns eher als ein kompliziertes und weit verzweigtes System von mehreren Mauern, Festungen und Türme dar, die das Ergebnis der sich ständig wechselnden Machtverhältnissen in den vielen Jahrhunderten im nördlichen China sind.

Dennoch ist es von Nutzen, sich den Verlauf der großen Mauer vor Augen zu halten, da aus ihm heraus einige Schlüsse für ihre Entstehungsgeschichte ziehen lassen.

Als der östlichste Punkt und damit der Beginn oder das Ende der großen Mauer ragt die Festung von Shanhaiguan 山海關 in der Provinz Hebei, nahe der Grenze zur Mandschurei, in den Himmel und auf einer Inschrift, die über dem dortigen Mauerdurchlass angebracht ist, prangt ein Schriftzug, der lautet: „Das erste Tor auf Erden“ (天下第一關 tianxia di yi guan). Strategisch günstig an einer Engstelle zwischen einem Gebirge, den Yanshan-Bergen, und der Küste des gelben Meeres, am Golf von Bohai, gelegen, wurde hier unter dem mingzeitl. General Xu Da (maßgeblich am Sturz der Yuan 1368 beteiligt) mit dem Bau einer sogenannten Sperrfestung begonnen, die ihren Namen von daher erhielt, dass sie an den Hängen der Berge errichtet einen Blick auf das nahgelegene Meer bot. Doch es ist nicht ganz zutreffend, hier den Beginn (oder das Ende) der großen Mauer anzusetzen, da uns aus chinesischen Quellen eine östliche Fortsetzung der Mauer überliefert ist, die man die „Weidezweiggrenze“ (柳條邊 liutiao bian) nannte. Dabei handelte es sich um einen unter den Song-Herrschern gegen Ende des 12. Jhr. begonnenen „Palisadenzaun“ aus Ulmen und Weiden, der in einem weitem, wellenförmigen Bogen von Shanhaiguan aus die Stadt Shenyang (heutige Hauptstadt der Provinz Liaoning) umrundete und sich bis hinunter an die Mündung des Yalu-Flusses nahe der koreanische Grenze zog. Diese Linie, einst als Schutz der Song gegen die Khitan errichtet, wurde von den Ming zwar ebenso instandgesetzt, wie der überwiegende Teil der großen Mauer, verfiel aber aufgrund ihrer weniger stabilen Bauweise relativ rasch und verschwand schließlich nahezu vollständig mit dem Eindringen der Mandschus nach China um die Mitte des 17. Jhr. Von einer solchen Verteidigungslinie zeugen heute nur noch einige Steinstelen, die entlang des Verlaufes der einstigen „Mauer“ aufgestellt worden waren.[52]

Von Shanhaiguan aus bewegt sich die Mauer in westlicher Richtung auf Beijing (Peking) zu und durchquert dabei im Norden der Provinz Hebei ein Gebiet, in dem sich heute noch Überreste des vom Fürstentum Yan um die Wende des 4. zum 3. Jhr. v.u.Z. errichteten Erdwalls, aber auch des qin-zeitlichen Walls (der in einer Linie weiter nördlich der heutigen Mauer verlief) sowie han-zeitliche Befestigungen finden lassen. Etwa 60 km nördlich von Beijing beginnt dann ein Abschnitt der Mauer, den man auch als „die östliche Verzweigung“ bezeichnet, da sich die Mauer hier zum ersten Mal in eine „äußere“ und eine „innere“ Mauer aufteilt.

Die „innere“ Mauer verläuft dabei in einem südlichen Bogen beginnend am Juyongguan-Pass 居庸關, der aufgrund seiner Nähe den wichtigsten strategischen Zugang zur Hauptstadt bildete - ersichtlich an der großen Anzahl und Massivität der Befestigungstürme, die von den Ming in diesem Abschnitt errichtet worden waren. Entlang der nördlichen Ausläufer des Taihang-Gebirges bis in die Provinz Shanxi hinein, schwenkt die Linie der Mauer an den Wutai-Bergen, ein für Buddhisten heiliges Gebiet, wieder in nördliche Richtung und erreicht nordöstlich der Stadt Pianguan die Grenze zur Nachbarprovinz Nei Menggu (Innere Mongolei), wo sie sich mit der „äußeren“ Mauer wieder vereint. Letztere verläuft in der Nähe von Beijing beginnend in einem nördlichen Bogen durch das Damaqun-Gebirge nach Zhangjiakou, der größten Stadt im Nordwesten der Provinz Hebei, folgt anschließend dem Grenzverlauf zwischen den Provinzen Innere Mongolei und Shanxi in südwestlicher Richtung und trifft ca. 30 km östlich des Gelben Flusses, dem Huanghe, wieder auf die „innere“ Mauer. Die nördliche Mauer lässt sich dabei eindeutig auf Wallanlagen der nördl. Wei (386-534 n.u.Z.) und der nördl. Qi (550-577 n.u.Z.) zurückführen, während die südliche Mauer auf Vorläufer ungewisser Herkunft errichtet wurde.[53]

Damit setzt nun der Verlauf der großen Mauer auf das andere Ufer des von Nord nach Süd laufenden Huanghe über und durchquert in einer mehr oder weniger unterbrochenen Kette ein Gebiet, welches in der Vergangenheit immer wieder den Steppenvölkern als Tor für ihre Einfälle auf chinesisches Territorium diente: Das Ordos-Gebiet, welches vom Huanghe in einer Schleife umflossen wird und heute als die „Ordos-Wüste“ bezeichnet wird. Große Teile dieses Mauerabschnittes sind den dortigen Erosionskräften zum Opfer gefallen, so dass heute nur mehr zahlreiche Signaltürme und Festungen auf den einstigen Verlauf der Mauer hinweisen. In der Nähe von Fugu beginnend folgt die Mauer einer südwestlichen Linie, die nahezu parallel zur Grenze zwischen den Provinzen Innere Mongolei sowie Shaanxi führt. Dabei passiert sie die Stadt Yulin und dreht in der Nähe von Jingbian („ruhige Grenze“) in nordwestliche Richtung, erreicht die Provinz Ningxia und verläuft auf der Grenzlinie zwischen Ningxia und der Inneren Mongolei auf die Stadt Yinchuan zu, wo sie wieder auf den Huanghe, der hier von Süd nach Nord verläuft und mit seiner Schleife um das Ordos-Gebiet beginnt, trifft. Der gesamte Mauerabschnitt in diesem Bereich dürfte wohl auf die Baumaßnahmen unter den Qin und Han zurückzuführen sein (siehe Kapitel 3), denn es lassen sich z.B. im Bezirk Hengshan, nahe der Stadt Yulin, Reste von Wallanlagen finden, die man den Qin zuordnet.[54]

Das Ordos-Gebiet war in der Vergangenheit für seinen Pferdereichtum berühmt und daher nicht nur aufgrund seiner strategischen Lage (ähnlich einer Zunge, die weit in feindliches Territorium hinein reicht) für die chinesischen Herrscher zu jeder Zeit von größtem Interesse. Allerdings war es auch, wie oben bereits angedeutet, das Einfallstor und die Heimat diverser Steppenvölker, allen voran die Xiongnu, die durch ihre Raubzüge bereits früh eine ständige Bedrohung für die Sicherheit des chinesischen Reiches darstellten, weswegen die Eroberung und Besiedlung dieses Gebietes stets oberstes Anliegen bei militärischen Kampagnen seitens der chinesischen Herrscher war.[55] In friedlichen Zeiten hingegen war das Gebiet aufgrund des dichten Beisammenseins verschiedener Völker Schauplatz eines intensiven wirtschaftlichen und kulturellen Austausches zwischen den Kulturen.

Im weiteren Verlauf folgt die Mauerlinie dem Flussverlauf des Huanghe (entlang der Helan-Berge), löst sich aber von diesem nach Eintritt in die Provinz Gansu und verläuft als Erdwall aus Löss-Erde, mit in regelmäßigen Abständen errichteten Steintürmen, nördlich des Qilian-Gebirges weiter (während der Huanghe auf die Provinzhauptstadt Lanzhou zu läuft).[56]

Die Gegend um Lanzhou ist dabei von besonderem Interesse, da man dort etwas entdeckt hat, was man als die „Qinghai-Schleife“ bezeichnet: Ein komplexes System von mehreren ineinander verlaufenden Wällen, deren Älteste sich auf die Qin-Dynastie zurückführen lassen (Lintao, ca. 80 km südlich von Lanzhou gelegen, war laut dem Shiji das westliche Ende der „Mauer“. Siehe Kapitel 3). Ein anderer Wall, der nördlich von Lanzhou in nordwestlicher Richtung verläuft, lässt sich auf die Han-Zeit zurückdatieren und schließlich finden sich 3 mingzeitliche Mauerzüge, die dem ganzen eine wabenartige Struktur verleihen.[57] Erklären lässt sich diese merkwürdige Anordnung dadurch, dass aufgrund seiner strategischen Lage an der Seidenstraße Lanzhou, früher Juncheng, bereits früh ein wichtiger Verkehrs- und Handelsknotenpunkt in diesem Gebiet war und man es daher besonders schützen wollte.

Der Hauptlinie weiter folgend, erreicht man bei Wuwei einen weiteren merkwürdigen Abschnitt der Mauer, der sich wie eine enge Schlinge in die nördlich gelegene Tenger-Wüste erstreckt und dabei ein Gebiet umschließt, das über ein dichtes Bewässerungsnetz verfügt und in der Vergangenheit von hohem landwirtschaftlichen Wert gewesen zu sein scheint. In der Nähe der Stadt Yongchang trifft die Mauer wieder auf das Qilian-Gebirge und verläuft entlang des sogenannten Gansu-Korridors in nordwestlicher Richtung auf den Jiayuguan-Pass zu, wobei sie die Städte Shandan und Zongye passiert. Dieser Abschnitt, der auch als „Hexi-Abschnitt“ bekannt ist, ist trotz seiner Bauart heute noch relativ gut erhalten. So finden sich heute noch 7 Meter hohe und 5 Meter breite Überreste eines Walls, der aus gestampfter Lehmerde errichtet und mit zahlreichen Wach- und Signaltürmen (ebenfalls aus gestampfter Lehmerde) bewehrt worden ist. Man datiert diesen Abschnitt auf die Zeit gegen Ende des 2. Jhr. v.u.Z. und wäre damit han-zeitlichen Ursprungs.

Schließlich endet die mingzeitliche Mauer am Jiayuguan-Pass 嘉峪關 nahe Yumen, wo eine große Festung errichtet wurde, die den Pass bewachen und Reisende aus dem Westen aufnehmen und registrieren sollte, bevor diese die chinesischen Kernlande betraten. Auf einem Torturm, der 1928 abgerissen wurde, fand sich eine Inschrift, die lautete: „Das befestigte Tor der Welt“ (天下雄關 tianxia xiongguan).

Damit wäre aber noch nicht das eigentliche Ende der großen Mauer erreicht, denn wie im Hanshu (s.o.) bezeugt und durch Funde vor Ort belegt ist, verlief sie in der Han-Zeit in Form einer Festungskette über Jiayuguan hinaus westlich bis Dunhuang,[58] einem der wichtigsten buddhistischen Höhlenheiligtümer Chinas, das aufgrund seiner exponierten Lage am chinesischen Westteil der Seidenstraße Schauplatz eines intensiven kulturellen und wirtschaftlichen Austausches Chinas mit den Völkern Innerasiens gewesen ist.

4.2. Die Konstruktion der Mauer

Wie bereits in Kapitel 3.1. erwähnt, muss man sich bei der Verwendung des Begriffs „große Mauer“ darüber im Klaren sein, dass mit dem Begriff „Mauer“ eine bestimmte Vorstellung verknüpft ist, die auf dieses Bauwerk nur bedingt zutrifft. Zwar steht sie uns heute als ein in großen Teilen aus Stein errichtetes Monument gegenüber, allerdings ist sie in dieser Form gerade mal 400 Jahre alt und alles andere als eine Mauer aus massivem Stein.

Das Bauprinzip, das ihr zugrunde liegt, ist das der sogenannten „gestampften Lehmerde“   (填泥 tian’ni), eine traditionelle Bauweise,[59] die auch in Europa für die Errichtung von Gebäuden verwendet wurde (terre pisé),[60] bei der man längliche, nach oben geöffnete Holzboxen mit Erde oder einem sonstigen Füllmaterial füllte und es mit einem hölzernen Stampfer bzw. Stößel verdichtete (築 zhu). Diese Boxen (版 ban oder 榦 kan genannt) wurden dann schließlich nebeneinander und übereinander angeordnet und bildeten so, zu mindestens bei der Errichtung von Mauern, den Kern.[61] Für die Außenseite der Mauer griff man vor der Mingzeit auf Materialen zu, die man vor Ort am jeweiligen Mauerabschnitt finden konnte: Wo das Gelände gebirgig war, nutzte man vermehrt Steine, die in Werkstätten nahe der Mauer in Ziegelform gehauen wurden, in waldreichen Gegenden verstärkte man die Oberfläche der Mauer mit Holzmaterial und in steppen- oder wüstenartigen Gegenden begrub man den Mauerkern schlicht unter mehreren Lagen Kies und/oder Sand. Einzig die Wach­türme und Festungen entlang der Mauern wurden stets zunächst aus sonnengetrockneten Lehmziegeln (die leicht verrottbar waren), später in der Mingzeit auch aus Backsteinen errichtet, die in Öfen ebenfalls unmittelbar in der Nähe der Mauer gebrannt wurden. Was vor Ort an Material nicht bereitgestellt werden konnte, musste aus entfernt gelegenen Gebieten herangeschafft werden.[62] Dieser Transport vollzog sich in 3 Formen: 1. menschliche Lastenträger, die Steine, Ziegel und Holz direkt oder in Körben auf dem Rücken trugen, 2. einfache Transportgeräte wie Schubkarren, mit denen Ladungen von bis zu 500 Kilogramm transportiert werden konnten und 3. Lasttiere, wie Esel oder Ziegen, die sich in den teilweise unwegsamen Gebieten sicher bewegen und klettern konnten.

Neben der Schwierigkeit, die Ressourcen für den Bau der Mauer zu mobilisieren, stellte das auf langen Strecken stark gebirgige, teilweise zerklüftete Gelände die Erbauer vor weitere große Probleme. So musste man den Verlauf der Mauer der Neigung des natürlichen Terrains anpassen und zu diesem Zweck ganze Bergrücken begradigen oder durch Steinplatten ebene Fundamente schaffen. Dass man aber trotz der schwierigen bautechnischen Maßnahmen beschlossen hatte, die Mauer auf z.B. steilen Bergrücken zu errichten, mag daran liegen, dass ein steiler Berggrat bereits als schwer überwindbares, natürliches Hindernis betrachtet wurde und man meinte, dass es unmöglich zu überwinden sei, wenn noch eine Mauer darauf errichtet werden würde. Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft der Mauer ist, dass man sich bei der Errichtung stets an die geographischen Gegebenheiten gehalten hat, insofern, dass man stets bemüht war, natürliche Hindernisse, wie große Felsblöcke, Steilwände u.ä. einzubinden.

Was nun die Bauweise der mingzeitlichen Mauer betrifft, so nahm von Möllendorf eine Einteilung vor, wonach er entsprechend der Bauarten vier unterschiedliche Mauertypen erkannt haben will:[63] 1. Auf einem etwa 6 Meter breiten Steinfundament wurden in der Regel zwei Mauern aus Backsteinen errichtet, deren Zwischenraum mit verschiedenen Materialien, insbesondere Lehm, Steine, Holz und Ziegelstücke, aufgefüllt worden sind.[64] Die Mauerkrone wurde, wie die Außenwände, aus Backsteinen gemauert und auf zwei Seiten mit geziegelten Brustwehren besetzt, so dass die Gesamthöhe im Schnitt 6 bis 8 Meter betrug. 2. Diese Mauerart war weniger breit und hoch als der erste Typ, dafür durchweg gemauert und an der Mauerkrone mit nur einer Brustwehr besetzt. 3. Der dritte Mauertyp bestand auf weiten Strecken nur aus aufgehäuften Steintrümmern[65] und der vierte Typ lediglich aus einem sich nach oben hin verjüngenden Lehmwall von ca. 4 bis 5 Meter Höhe. Was diesen 4 Mauerarten gemein war bzw. ist, sind die in je nach Untergrund regelmäßig errichteten vierseitigen Warten und Türme.

4.3. Militärische Organisation und das Funktionieren der großen Mauer [66]

Da die große Mauer als Verteidigungslinie gegen die nördlichen „Barbaren“ gedacht gewesen war, unterstand sie der Verwaltung des Kriegsministeriums in der Hauptstadt, dessen Führungsriege direkt vom Kaiser eingesetzt wurde. Im Kriegsfall fungierte dieses Ministerium als Oberbefehlshaber der Verteidigungsarmeen entlang der Mauer, es sei denn, der Kaiser hätte jemand anderen mit dieser Aufgabe betraut oder wäre selbst in die Schlacht gezogen. Um dem Ministerium die Handhabe und Koordinierung der Streitkräfte zu erleichtern, richtete man neun sogenannte „militärische Abschnittkommandos“, 鎮 zhen, ein. Dazu heißt es im Mingshi:[67] „Beginnend beim Yalu-Fluss im Osten, bis nach Jiayu (-guan) im Westen, 10.000 li in einer ununterbrochenen Kette, teilte man das Gebiet zur Verteidigung auf. Zuerst errichtete man vier zhen in Liaodong, Xuanfu, Datong und Yansui. Diesen folgten die drei zhen von Ningxia, Gansu und Jizhou, während der Militärgouverneur von Taiyuan die Administration von Piantou leitete und die Verwaltung der drei Grenzen in Guyuan ein­gerichtet wurde. Man bezeichnete sie als zwei (weitere) zhen, so dass es insgesamt neun zhen waren.“ Diese Abschnittkommandos wurden von Generälen befehligt, die ihren Sitz in einer der Mauer nahen Stadt oder in strategisch bedeutenden Festungen hatten, dem Kriegsminister direkt unterstellt waren und mit der Koordinierung der Verteidigung im Kriegsfall beauftragt waren. In Friedenszeiten hingegen waren sie „Generalgouverneuren“ unterstellt, die einem zivilen Provinzgouverneur oder einem Minister der Zentralregierung gleichgestellt waren, zu deren Aufgaben es gehörte, die baulichen Maßnahmen entlang der Mauer zu beaufsichtigen sowie die Ausbildung der Truppen zu leiten. Was nun die einzelnen zhen betrifft, so konnten diese in sogenannte Subkommandos, den lu, unterteilt werden, denen jeweils ein Stand­ortkommandant vorstand. Wie man sieht, stützte sich also die Verwaltung der Mauer auf ein sehr dezentral ausgerichtetes System, in welchem militärische, wie auch zivile Stellen Hand in Hand arbeiten mussten, was eine gut ausgebaute und funktionierende Nachrichten­übermittlung voraussetzte. Zu diesem Zweck besaßen die zahlreichen Forts, die kleinsten dauerhaft bewohnten Wehranlagen der Mauer,[68] Signaltürme, von denen aus weithin sichtbare Rauchsignale tagsüber (daher auch als Rauchtürme bezeichnet) sowie Feuersignale nachtsüber ausgeschickt wurden, die z.B. das Hinterland vor einer heranrückenden feind­lichen Streitmacht warnen und dort stationierte Truppen alarmieren konnten. Zu dieser „vertikalen“ Nachrichtenübermittlung kam eine „horizontale“ hinzu, denn wie schon in einem vorherigen Kapitel erwähnt, fanden sich Befestigungen, die über solche Signaltürme verfügten, in regelmäßigen Abständen (heißt: immer in Sichtweise) überall entlang der Mauer (durchaus auch abseits der Mauerlinie), so dass eine Nachricht schnell bis in die Umgebung der Hauptstadt Beijing (Peking) getragen werden und die Zentralregierung schnell reagieren konnte. Komplettiert wurde das ganze System durch berittene Boten sowie Fußläufer[69] und dessen Wichtigkeit durch mehrere Erlasse bekräftigt (so ein Erlass des Eunuchen Cheng Hua aus dem Jahr 1446: „Die Signaltürme sind mitsamt ihrer Besatzungen regelmäßig zu kon­trollieren. Es müssen reichliche Vorräte eingelagert und die Lugausposten ständig besetzt sein. Im Falle der Gefahr sind bei Tage Rauchzeichen, bei Nacht Feuerzeichen zu geben, um den Alarm weiterzuleiten. Es ist darauf zu achten, dass die Türme nicht beschädigt werden, um sicherzustellen, dass sie stets einsatzbereit sind. Wer die Nachrichten schnell weitergibt und bei der Vernichtung des Feindes mithilft, wird belohnt. Zuwiderhandelnde werden nach den Militärgesetzen bestraft.“)[70]

Eine weitere Stütze des Verteidigungssystem waren die vielen Wehrtürme und Bastionen, die in Abständen von 100 bis 200 m eingerichtet worden waren und den auf der Mauerkrone patrouillierenden Wachsoldaten auf ihren Rundgängen Schutz bieten sollten und der punk­tuellen Abwehr kleinerer Angriffe dienten.[71] Ein Nachteil war allerdings, dass die 2 bis 3-stöckigen Wehrtürme gleichzeitig als Aufenthaltsräume für die Wachsoldaten, wie auch als Lager für Waffen und Munition dienten, was sie zu sehr lohnenswerten Angriffszielen machte.

Innerhalb wie außerhalb der großen Mauer gab es noch weitere, gegenseitig voneinander abhängige Verteidigungseinrichtungen, wie Kastelle, befestigte Lager, Warten, etc., die den Truppen einerseits als Unterkünfte und reisenden Händlern und der lokalen Bevölkerung andererseits als Schutzbehausungen bzw. Fluchtorte dienten. Luo Zewen schließt seine Beschreibung der Funktionsweise der Mauer mit dem Satz: „Alle diese scheinbar in sich geschlossene und auf sich selbst gestellten Anlagen waren in Wirklichkeit Teile eines kunstvoll geknüpften Netzwerkes, das die große Mauer nicht nur zu einem einzigartigen, sondern wahrscheinlich auch dem größten Verteidigungssystem der Menschheit machte.“ (Luo (1991c): S. 153) Hinsichtlich seiner Ausdehnung mag Luo mit seinem Fazit in Bezug auf die Mauer recht haben, allerdings ist zweifelhaft, ob die Mauer trotz der oben beschriebenen Verwaltung der ihr zugedachten Funktion als „größtes Verteidigungssystem“ gerecht geworden ist. Denn rein historisch gesehen, müsste man diese Einschätzung negieren: die Einfälle der Steppenvölker des Nordens in das südlichere China waren zu zahlreich und noch erfolgreich dazu, so dass man kaum von einer effektiven Grenzverteidigung reden kann.[72] Dies war aber nicht ein Fehler der Mauer an sich, denn solche Einfälle fanden verstärkt immer dann statt, wenn die Regierung des chinesischen Reiches schwach gewesen ist und das war den Chinesen mit der Zeit bewusst .

Wenn aber ihr Sinn nicht in der Grenzverteidigung direkt lag, warum wurden dennoch immer wieder Mauern bzw. die Mauer errichtet, instandgesetzt und erweitert? In der Literatur, die ich soweit überblicken konnte, kristallisieren sich zu dieser Frage zwei Positionen heraus. Die eine Position, wie sie z.B. von von Möllendorf vertreten wird, besagt, dass die Errichtung eines Walls bzw. einer Mauer den „unkultivierten“ und technisch sich auf niedrigem Niveau befindlichen Steppenvölker wie ein Wunder vorgekommen sein und daher einen erheblichen Einfluss auf deren Moral ausgeübt haben muss.[73] Die andere Position umschließt diese Meinung, geht aber noch darüber hinaus. Demnach diente die Mauer als eine Demar­kationslinie, die zwei voneinander völlig verschiedene Lebensweisen trennte: Die sesshafte, ackerbauende Kultur der Chinesen südlich, und die umherziehende, auf Viehzucht basierende Kultur der Nomaden nördlich der Mauer.[74] Dabei spielte die Mauer in zweierlei Hinsicht eine Rolle: Zum einen sollte sie den Nomaden deutlich machen, wo ein kulturell und technisch höherstehende Lebensweise begann, zum anderen sollte sie den Chinesen verdeutlichen, wo diese kultivierte Lebensweise aufhörte (Geil schreibt: “Possibly then, the Wall had the message to those beyond the boundary, ‚Keep out!’ and to those within, ‚Stay here!’“).[75] Ich würde diese Positionen aber relativieren wollen, da 1. sich die Nomaden nicht im Geringsten beeindruckt von der imposanten Erscheinung des Bauwerks zeigten und versuchten, unentwegt auf chinesisches Territorium überzugreifen, wie es die Dynastiegeschichten zahl­reich belegen, und 2. die Mauer keine für immer festgelegte Demarkationslinie von Beginn an war, da sich ihr „Gesamtverlauf“ (bezogen auf die verschiedenen kleineren Mauern) in der langen Geschichte mehrmals verändert hatte. Außerdem kam es entlang der Mauer zu einem Aufblühen des Handels zwischen den Anrainervölkern, so dass es mir ganz und gar un­möglich erscheint, dass es zu keiner kulturellen Vermischung oder zu einem technischen Transfer gekommen sein soll.

Ich selber vertrete eine weitere, etwas andere Sicht, wonach sie die ihr zugedachte Vertei­digungsfunktion nur begrenzt besaß, sie aber immerhin den Chinesen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, Überlegenheit und Wohlstand vermittelte. Joseph Needham kommt schließ­lich zu einer versöhnlicheren Beurteilung der Mauer hinsichtlich der ihr eigentlich zuge­dachten Funktion. Er schreibt: “As to the effectiveness of the Great Wall in keeping out the troops of nomadic horsemen, it was probably considerable. Any breaking-down of the wall, or building ramps up to it, would allow time for the arrival of Chinese reinforcements.” (Needham (1954): S. 55).

5. Die Mauer im Spiegel der Betrachtungen

Wie bereits in Kapitel 1 erwähnt, ist es interessant zu beobachten, dass sich bis heute kaum jemand mit der großen Mauer an sich erschöpfend auseinandergesetzt hat – in China kaum und um so weniger im Westen. Die Gründe dafür dürften sowohl zahlreich wie auch verschieden sein, daher ist es nicht allzu leicht, eine Art „Rezeptionsgeschichte“ der großen Mauer zusammenzustellen.

Im chinesischen Bewusstsein schien die Mauer zu jeder Zeit nur eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben, da uns aus den Quellen, dabei allen voran die Dynastiegeschichten, kaum etwas über sie überliefert ist, und das, was uns vorliegt, eher technischen Charakter besitzt. Einer der Gründe dafür dürfte wohl in der vom Konfuzianismus geprägten Ge­schichtsschreibung zu finden sein, die zwar immer den Anspruch erhob, neutral und objektivierend die historischen Wahrheiten wiedergeben zu wollen, diesem Credo aber nie völlig gerecht wurde.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich in bezug auf die große Mauer, als eines der von den Qin in Angriff genommenen, monumentalen Projekten, kaum ein positives Wort finden lässt, da viele konfuzianische Gelehrte unter den legistischen Herrschern einen weitgehend schlechten Stand hatten (so z.B. ein Bericht im Shiji, wonach der erste Kaiser auf Anraten seines Kanzlers 460 Gelehrte hinrichten ließ, indem er sie bei lebendigen Leibe begrub).[76] Und auch die Bürden, die dem Volk durch den Frondienst auferlegt wurden, waren den konfuzianisch geprägten Geschichtsschreibern und anderen Gelehrten weitgehend ein Dorn in den Augen. Schließlich hielt die Mauer als ein Negativum Einzug in das Bewusstsein des allgemeinen Volkes, wie es sich uns in den vielen Legenden und Balladen, die sich um die Mauer ranken, darstellt.[77]

An dieser Sichtweise änderte sich bis in die Neuzeit hinein nicht viel, denn auch wenn die Mauer von herrschaftlicher Seite her zeitweise ein hohes Maß an Interesse genoss, so waren es häufig die einfachen Menschen, die unter den Auswirkungen dieses Interesses zu leiden hatten. Dieses negative Image änderte sich grundlegend erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere aber mit der Gründung der Volksrepublik China, von wo an die Mauer deutlich an Prestige als nationales, Identifikation stiftendes Monument hinzugewinnen konnte (siehe auch Kapitel 3.3). Heute genießt die Mauer einen hohen Beliebtheitsgrad in China, denn neben dieser Identifikation stiftenden Funktion entstand in den letzten Jahrzehnten in ihrem Schatten eine millionenschwere Tourismusindustrie, die der chinesischen Regierung zu Mehreinnahmen ausländischer Devisen und manch einem kleinen Unternehmer zu bescheidenem Reichtum verhalf. Und auch die lokale Bevölkerung konnte von der „Kom­merzialisierung“ der Mauer in den letzten Jahren profitieren: Vielen Menschen auf beiden Seiten der Mauer bietet sie nämlich seit Jahren eine zusätzliche Einnahmequelle zu ihrem kärglichen Einkommen, indem diese mit Souvenirs, wie Postkarten und T-Shirts, den ahnungslosen Touristen auflauern und (Schwarz-)Handel betreiben.[78]

Die Rezeption der Mauer im Westen vollzog sich nun anders als in China, von einer eher positiv-euphorisch bestimmten Auffassung der Mauer hin zu einer eher negativ-kritischen, um schließlich in eine neutral-objektivierende zu münden.

Die Anfänge der westlichen Rezeptionsgeschichte der Mauer werden bereits in der römischen Antike gesucht, wo in einem Buch des Historikers Marcelinus (lebte in der 2. Hälfte des 4 Jhr. n.u.Z.), dem Rerum Gestarum, von einem Land namens Serica, welches von einer durchgehenden Barriere umgeben sei, die Rede ist. Da Forschern, wie Sir Henry Yule, diese Erwähnung einer Mauer von China zu früh erschien,[79] versuchte man sich, diese Barriere lediglich als einen hohen Gebirgszug vorzustellen. Aber vieles scheint darauf hinzudeuten, dass der römische Historiker tatsächlich von einer Mauer sprach, wie z.B. Silverberg (1966) darzulegen versuchte. Gestützt wurde diese Meinung von der Tatsache, dass Marcelinus als Soldat entlang der römischen Ostgrenze in Persien gegen die Parther seinen Dienst versehen hatte, die parthischen Herrscher bereits in diplomatischen Beziehungen mit China standen, und so Marcelinus durchaus von einer das chinesische Reich umgebenden Mauer gehört haben könnte.[80]

Auch das frühe Mittelalter wusste von einer Mauer zu berichten, die man schließlich im 14. Jhr. als die chinesische Mauer identifiziert haben wollte. Dabei stützte man sich auf die Alexandersage, ein um 300 n.u.Z. in Alexandria redigierter Roman, der unter dem Namen von Alexanders Historiographen Kallisthenes (um 370 – 327 v.u.Z) Verbreitung fand (daher auch Pseudo-Kallisthenes genannt), in dem Alexander die beiden biblischen Übel Gog und Magog weit nach Osten vertrieb, wo sie sich hinter einer von „göttlicher Hand“ errichteten eisernen Barriere zurückzogen, Bündnisse mit den „22 Barbaren“ eingingen und seit dem 4. Jhr. mit ihrer Anhängerschaft wieder nach Westen drängten, um sich die Welt untertan zu machen (so versuchte man vielleicht, die Ereignisse rund um die Völkerwanderung zu erklären. Zumindest bringt man diese Geschichte in den Zusammenhang mit der Theorie, dass der Mauerbau mit ein Anstoß für die Völkerwanderung gewesen sei, indem die in den Steppen Zentralasiens ansässigen Xiongnu entlang der Mauerlinie nach Westen abgedrängt wurden und dabei die dort wohnhaften Völker wie eine Walze vor sich herschoben). Needham schreibt dazu: “As de Goeje (=de Goes. s.u.) maintained long ago, there can hardly be any doubt that this legendary engineering work […] was an echo of the real Great Wall itself.”[81]

Doch in all diesen Erwähnungen verschwamm die Grenze zwischen Fiktion und Realität und meistens waren es reine Spekulationen, so dass man erst mit der Entdeckung des Seeweges nach China durch die Portugiesen und den in China wirkenden Missionaren im 16. Jhr. von einer wirklichen Rezeption der großen Mauer seitens des Westens sprechen kann.[82]

Als einen frühen Schilderer der großen Mauer führt Jonathan Fryer (1975: S. 164) einen gewissen Joao de Barros an, der, obwohl niemals in China gewesen, anhand übersetzter chinesischer Quellen und Briefe der Soldaten der ersten portugiesischen Expedition nach China (1514-21), überraschend genaue Angaben zu Position, Lage, Verlauf sowie Länge der großen Mauer geben konnte, was sein Werk zu einem Referenzwerk für spätere Schil­derungen machte. Auch das zu jener Zeit bekannteste Buch über China von Juan Gonzalez Mendoza, einem augustinischen Mönch, stützte sich in seiner Darstellung der Mauer auf die Angaben, wie sie Barros gegeben hatte, und ließ aufgrund seiner euphorischen Stimmung die chinesische Mauer zu einem Faszinosum in den Augen der Europäer werden.

Die ersten glaubhaften Augenzeugenberichte stammten schließlich von den jesuitischen Missionaren gegen Ende des 16. bis zu Beginn des 18. Jhr., namentlich von Matteo Ricci (1552-1610), Benedikt de Goes und schließlich Jean-Baptist Regis, der 1708 im Auftrage des chinesischen Kaisers eine 10-jährige Expedition anführte, deren Anliegen es war, eine möglichst genaue kartographische Darstellung der Mauer zu geben.[83]

Um 1700 begannen nun die Russen verstärkt durch diplomatische Gesandtschaften mit der chinesischen Regierung in Kontakt zu treten, um lukrative Handelsgeschäfte abzuschließen, wozu sie die Mauer auf ihrem Weg von Nord nach Süd durchqueren mussten. Dabei nutzten die Mitglieder der Delegationen häufig ihre Aufenthalte an den Grenzstationen der Mauer bevor sie das chinesische Kernland in Richtung Peking betreten durften, um ausführliche Berichte über die große Mauer abzufassen, die man in Europa zirkulieren ließ.

Schließlich traten die Engländer auf den Plan und entsandten mit Lord Macartney 1793 ihre erste Delegation an den chinesischen Kaiserhof, in deren Folge viele ehemalige Teilnehmer der Gesandtschaft nach ihrer Rückkehr zahlreiche Reiseschilderungen in England verfassten und veröffentlichten. Diese Berichte schwelgten förmlich in den noch nie gesehenen Dimensionen, wie sie die Mauer für die unerfahrenen Europäer bereithielt, was sich auch in der Art der Beschreibungen wiederspiegelte. Lord Macartney schrieb z.B,. dass die Mauer „sicherlich das erstaunlichste Werk von Menschenhand“ sei und dass China „zu der Zeit ihrer Errichtung nicht nur ein mächtiges Reich, sondern auch eine sehr weise und tugendhafte Nation gewesen sein muss...“.[84] Ein Sekretär Lord Macartneys, John Barrow, schrieb, dass selbst die ägyptischen Pyramiden nur einen Teil der Materialmenge der großen Mauer enthielten und kam zu der Folgerung, dass die beim Mauerbau verwendete Material­menge „größer als das Material aller Wohnhäuser von England und Schottland“ gewesen sein muss.[85]

Diese anfängliche Euphorie wich im 19 Jhr. einer eher nüchternen, sogar abwertenden Meinung. So nannte man die Mauer „das kolossalste und möglicherweise verrückteste Bau­denkmal, das je vom menschlichen Geist ersonnen wurde“ und das Aufdecken von Irregu­laritäten in den technischen Daten, so z.B. die Erkenntnis, dass die Mauer sich in Wirklichkeit nicht über eine Länge von 10.000 li erstreckte, sondern lediglich nur die Hälfte dieser Distanz abdeckte, beschleunigten den Sympathieverslust. Man kritisierte an früheren Beschreibungen vor allem, dass sie sich in ihren Darstellungen nur auf einzelne, kleine Mauerabschnitte stützten und dass sie meinten, die daraus gewonnenen Erkenntnisse auf die ganze Mauer anwenden zu können. Erst die enthusiastische Darstellung eines Amerikaners konnte an dieser Auffassung der Mauer wieder etwas ändern. William Edgar Geil begab sich 1908 auf eine Expedition, deren Ziel es war, der Mauer, angefangen an ihrem östlichsten Punkt bis hin zu ihrem westlichsten Punkt, nach zu spüren und sein Werk, The Great Wall of China, wurde zu einem Klassiker unter den westlichen Darstellungen der Mauer.[86]

Zu ungefähr der gleichen Zeit entdeckte der Archäologe Sir Mark Aurel Stein die aus der Han-Zeit herrührende westliche Erweiterung der großen Mauer (siehe Kapitel 4.1) und veröffentlichte im Rahmen seiner archäologischen Erkundungen eine handvoll wissenschaft­licher Abhandlungen über die Mauer, die sich im Ton deutlich von dem unterschied, was Geil geschrieben hatte und die weitere, wissenschaftliche Arbeiten über die Mauer zur Folge hatten. In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde es schließlich sehr still um die Mauer, da es im Zuge der Kriege Ausländern weitgehend untersagt war, sich der großen Mauer auch nur zu nähern. In den letzten Jahren ist jedoch wieder ein Erstarken des Interesses an der großen Mauer innerhalb sowohl der chinesischen wie auch der westlichen Gelehrtenwelt zu verzeichnen, was nicht zuletzt auch auf die Öffnungspolitik der chinesischen Regierung in den letzten Jahrzehnten zurückzuführen ist, wobei bei der Bewältigung des Stoffes heutzutage die eher positiv-kritischen Töne vorzuherrschen scheinen.[87]

6. Problemstellungen und Fragen

Wie aus den vorherigen 5 Kapiteln ersichtlich ist, bestehen heute noch die Mauer betreffend viele offene Fragen, deren Beantwortung einen Wissenschaftler immer noch vor eine nahezu unlösbare Aufgabe stellen können. Ich will hier kurz noch einmal zusammen­fassen, welche Fragen uns in dieser Arbeit bisher begegnet sind und auf noch nicht hingewiesene Probleme aufmerksam machen (dabei gilt anzumerken, das es weniger ein Problem der Mauer als vielmehr ein Problem ihrer Rezeption ist).

Trotz seiner Prominenz und seiner herausragenden Bedeutung als ein Monument einer einst mächtigen Kultur ist es überraschend, wie wenig über die große Mauer bekannt ist, was Ausdruck in den wenigen wissenschaftlichen Publikationen über sie findet. Das, was man aber glaubt zu wissen, war und ist häufig reine Spekulation. Dies wird am Beispiel der Datierungen des Ursprungs der Mauer, sowie auch bei den Beschreibungen des Verlaufes der Mauer besonders deutlich, da hinsichtlich dieser beiden Punkte ein offensichtlicher Dissens unter den Gelehrten herrschte bzw. herrscht (s.o.) Die Gründe dafür sind simpel wie einleuchtend: Man weiß nach wie vor nicht, wo genau die Mauer verläuft (viele Abschnitte sind soweit zerfallen, dass sie heute kaum noch als „Mauer“ erkennbar sind) und ob es sich bei den Überresten um die eigentliche Mauer handelt[88] und bezüglich einer Datierung der Mauer hatte es in der Vergangenheit immer wieder Probleme gegeben, da es erstaunlich schien, dass China-Reisende des ausgehenden Mittelalters, z.B. Marco Polo, in ihren Schilderungen kein Wort über die Mauer verloren haben, obwohl diese bereits unter dem ersten Kaiser gegen Ende des 3. vorchristlichen Jahrhunderts errichtet worden sein soll. Das hatte letztlich solche Theorien zur Folge, dass man Marco Polo absprechen wollte, jemals in China gewesen oder aber über den Seeweg von Süden her nach China gelangt zu sein u.ä.

Die hochstilisierenden und schwärmerischen Darstellungen in den Berichten über die Mauer[89] führten außerdem zu etwas, was Waldron (1983: S. 649) als “myths of the Great Wall” beschreibt. Damit sind allerdings nicht die vielen Legenden, die sich um die Mauer ranken, gemeint sondern solche „Aberglauben“, wie die, dass die Mauer in ihrer ganzen Länge aus Stein gemauert sei - zugegeben ein bereits lange fallengelassener Glaube, der auf Martin Martini, einem Priester und Kartographen, zurückzuführen ist, und der beweist, dass die im vorherigen Kapitel erwähnten Kritiker mit ihrem Vorwurf, dass zu sehr verallgemeinert würde, durchaus recht hatten - oder aber die Vorstellung, dass die Mauer das einzige von Menschenhand geschaffene Bauwerk sei, welches man selbst vom Mond aus erkennen könne, und Anderes.[90]

Zu Fragen anderer Art führt der Begriff changcheng, der irreführend als „große Mauer“ im Westen verstanden wird, obwohl er übersetzt „lange Mauer“ bedeutet. Dieser Begriff, obwohl man heute weiß, dass die Mauer in ihrer jetzigen Form mingzeitlichen Ursprungs ist, taucht nur an einigen wenigen Stellen im Mingshi, der Geschichte der Ming, auf. Stattdessen lassen sich zahlreiche Hinweise auf „die Grenzmauer“ oder „Barriere“ im Zusammenhang mit dem Bau der Mauer finden, weswegen sich die Frage stellt, ob diese eine mingzeitliche Rekonstruktion der „Mauer“[91] des ersten Kaisers (Waldron unterstellt, dass in diesem Fall die Ming den Begriff changcheng weiterhin angewandt hätten) oder aber ein völlig eigenständiges und neues Bauwerk der Ming-Herrscher ist. Es ergibt sich außerdem noch das Problem, dass man nicht mit absoluter Sicherheit davon ausgehen kann, dass die Rede von der großen Mauer ist, wenn in den Quellen der Begriff changcheng verwendet wird, da durchaus lediglich irgendeine „lange Mauer“ gemeint sein könnte (diese Unsicherheit verschärft das Problem der Datierung und der Baugeschichte, da man nicht zwischen der oder einer anderen Mauer unterscheiden kann).[92]

Abschließend möchte ich kurz die Frage anreißen, ob die Mauer nun den ihr zugedachten Nutzen erfüllte oder ob sie nicht eher wirkungslos war.

Meiner Meinung nach ist es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, ein gesichertes, abschließendes Urteil über die Mauer zu fällen, da sie, wie in dieser Arbeit ausgeführt, genauso viele neue Fragen aufgeworfen, wie Antworten gegeben hat. Einzig hinsichtlich der ihr ursprünglich zugedachten Funktion, als Schutzbarriere, die das Land vor den Einfällen der Steppenvölker schützen sollte, kann man zu einem Urteil gelangen, welches die Mauer mit einem eher negativen Anstrich versieht, da sie dieser Funktion nur in begrenzter Weise gerecht werden konnte (wie die zahlreichen Fremdherrschaften in China beweisen). Die in der chinesischen Literatur geschilderten Leiden, denen das Volk beim Bau der Mauer ausgesetzt war, unterstreichen diese negative Sichtweise und verleiten leicht dazu, das negative Image der Mauer zu übernehmen. Jedoch möchte ich hier zu ihrer Ehrenrettung einwerfen, dass man sich in diesem Fall auch einmal eine gegenläufige Frage stellen muss, die mir bei meiner bisherigen Auseinandersetzung mit der Mauer in keiner Publikation begegnet ist: nämlich die Frage „Was wäre wenn?“. Denn was wäre mit dem Gebilde namens China geschehen, hätte es dieses Bauwerk nicht gegeben? Wären die Einfälle der Nomaden zahlreicher und weit erfolgreicher gewesen, als sie es ohnehin schon waren? Wie wäre es um die traditionellen chinesischen Werte bestellt gewesen, wenn es aufgrund des Fehlens einer solchen Barriere zu einem viel intensiveren und vielleicht auch gewalttätigeren kulturellen Austausch mit fremden Völkern gekommen wäre? Zuspitzend gefragt: Wenn es die Mauer nicht gegeben hätte, würde es heute überhaupt noch ein China geben?

Wie immer man letztlich die oben gestellte Frage beantworten will, so bleibt diese Antwort dem eigenen Geschmack des jeweiligen Betrachters überlassen. In einem Punkt aber wird man sicherlich zu einem die Mauer betreffenden Konsens kommen können, der sich auch in den von mir für diese Arbeit herangezogenen Publikationen finden lässt. Denn die Mauer ist mit Sicherheit eines der erstaunlichsten und großartigsten Bauwerke dieser Welt, welches jemals von Menschenhand geschaffen worden ist und welches unbedingt verdient, erhalten und weiterhin erforscht zu werden. Um mit den Worten Wilsons (1991: S. 186) abzuschließen: „Die große Mauer war ein Weltwunder zu ihrer Zeit, und sie ist es bis zum heutigen Tage geblieben. Nirgendwo anders gibt es ein Werk von Menschenhand so riesig in seinen Ausmaßen, so ehrgeizig als Vorhaben und so bewegend in seiner Symbolik.“
 

7. Literaturangaben

Primärquellen:

Bei Qishu                    Bei Zhoushu

Guanzi                        Guo Qin lun

Hanshu                       Hou Hanshu

Mingshi                       Shiji

Shuijing                      Suishu

Weishu                        Xin Tangshu

Yuanshi                       Zhushu jinian
 

Sekundärliteratur:

Barrow, John (1804): Travels in China, London: Cadell & Davis.

Cotterell, Arthur (1981): Der erste Kaiser von China, Frankfurt a. Main: Umschau-Verlag.

Cranmer-Byng, J.L. (1963): An embassy to China - Being the Journal kept by Lord Macartney during his embassy to the Emperor Ch’ien-lung, 1793-1794, Hamden: Archon Books.

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[1]  In Europa gab es ebenfalls ein Bauwerk, dass man als „Mauer“ bezeichnete: Der römische Limes (Beginn der Konstruktion unter Kaiser Domitian 84 n.u.Z.), der den Rhein mit der Donau verband, dabei eine Distanz von ca. 400 bis 500 km zurücklegte und sich im Vergleich gegenüber dem chinesischen „Limes“ als ein Winzling ausnahm. Auch der Hadrians-Wall, unter Hadrian 122-128 n.u.Z. in Nord-England errichtet, schafft es nur auf eine Länge von 120 km.

[2]  Es gibt zwar einige wenige bedeutendere Untersuchungen zur Mauer in China (wie z.B. Zhongguo Changcheng yiji diaocha baogao ji, eine Sammlung von Aufsätzen chinesischer Wissenschaftler, die sich mit der Mauer detailliert auseinandergesetzt haben), aber in der westlichen Gelehrtenwelt scheint die chinesische Mauer eine Art Tabu darzustellen. Zu diesem Problem siehe auch Needham (1954): S. 47, Waldron (1983): S. 643.

[3]  Als Ausnahme mögen ein früher Aufsatz von von Möllendorf (1885) sowie Fryer (1975), Needham (1954), Jin (1962), Luo (1986) und Yu (1980) dienen. Diese Aufzählung will allerdings nicht etwaige andere wissenschaftliche Werke ausschließen. Sie seien hier nur exemplarisch erwähnt.

[4]  Beide nördlich von Beijing (Peking) gelegen.

[5]  Details wie Namensgravuren, Steinmusterungen, etc., die bei der Rekonstruktion wegfallen, da sie nicht überliefert sind.

[6]  Auch hier muss ich erwähnen, dass man zwar verallgemeinern kann, man aber berücksichtigen muss, dass noch Unmengen an Texten und Büchern existieren, die in irgendwelchen Archiven vor sich her liegen und deren Inhalte noch bis heute ihrer Entdeckung harren, so dass noch das ein oder andere zur chinesischen Mauer zutage gefördert werden kann und obige Aussage daher zu relativieren ist.

[7]  Robert Silverberg nennt sie “the long rampart”. Siehe Silverberg (1966).

[8]  Shiji, juan 48, Chen She shijia 18; siehe auch Darstellung im Hanshu 漢書, juan 31, Chen Sheng Xiang Ji zhuan 1.

[9]  historische Bezeichnung für früher im Norden und Westen siedelnde Volksgruppen, wohingegen es sich bei der Bezeichnung Xiongnu 匈奴 um eine Volksgruppe handelt, von denen man einen Teil in der heutigen Forschung als die im 4. Jhr. n.u.Z. nach Europa eingedrungenen Hunnen identifizieren will.

[10]  Shiji, juan 88, Meng Tian liezhuan 28

[11]  Lum (1960). Needham (1954) verweist auf S. 46 in einer Fußnote auf das Gu Jin zhu. Demnach rührt diese Bezeichnung davon her, „dass die Berge in Shanxi purpurfarben ausschauten“.

[12]  Einen guten Überblick über die Vorgänge dieser Zeit bieten Gernet (1988): S. 54-94 und Cotterell (1981).

[13]  Shiji, juan 62, Guan Yan liezhuan 2

[14]  Guanzi, jing zhong ding 83

[15]  Zhushu jinian, Wei ji

[16]  Shiji, juan 43, Zhao shijia, 13

[17]  Präfektur nordwestlich des heutigen Chiping 茌平 in West-Shandong gelegen.

[18]  Shiji, juan 40, Chu shijia 10

[19]  Siehe dazu auch einen Zeitungsartikel von Ye (1987), in dem er in aller Ausführlichkeit den Mauern der einzelnen Fürstentümer der vorkaiserlichen Zeit Abschnitte widmet und dabei versucht, durch Zitate aus alten Werken die jeweiligen Mauern zu datieren und auf Probleme hinzuweisen.

[20]  Eine exakte Determinierung der Baufolge ist leider nicht einfach. Selbst Gelehrte, die sich speziell mit der Mauer auseinandergesetzt haben, variieren in ihren Ansichten, wobei es keinen Konsens gibt, ob nun Chu als erstes Fürstentum eine Mauer errichtet hat oder aber eben der nördliche Nachbar, Qi. Siehe Fryer (1975): S. 24, Drège (1991a): S. 21, Yu (1980): S. 2.2.

[21]  Diese Liste bezieht sich nur auf die großen Reiche jener Epoche, aber zahlreiche der kleineren Fürstentümer versuchten sich auch im Mauerbau.

[22]  Von Möllendorf (1881): S.98. Zur Bauweise der Mauer siehe Kapitel 5.

[23]  Dabei bezieht man sich auf die „Idee“ von einer Mauer, denn der Verlauf der unter Qin Shihuangdi errichteten Mauer lag weit nördlicher als der Verlauf, der heute noch Erhaltenen. Siehe Kapitel 4.

[24]  So hält Jia Yi 價宜 (201-169 v.u.Z.) in seiner Abhandlung über die Fehler Qins, dem Guo Qin lun               過秦論, fest: „Daraufhin ließ er [Qin Shihuangdi] den Weg der früheren Könige fallen, ließ die Worte der 100 Schulen verbrennen, um die Schwarzköpfigen dumm zu machen, ließ die namhaften Mauern schleifen, fähige und tüchtige Männer umbringen und die Waffen im Reich in Xianyang zusammentragen...“ (Guo Qin lun, shang; dieser Satz findet sich auch in dem an die Darstellung Qin Shihuangdis anschließenden Kommentar Sima Qians, wo er Jia Yi zitiert, Shiji, juan 6, Qin Shihuang benji 6) William H. Nienhauser (1994) übersetzt diese Stelle mit „berühmten Stadtmauern“. Anscheinend ist er hier einer Verwechslung mit der heute angewandten Bedeutung des Begriffes cheng (Stadt) aufgesessen, da es logisch erscheint, dass der erste Kaiser die Städte als Horte des Widerstandes ihrer schützenden Mauern beraubte. Allerdings würde es mich dann interessieren, welches die berühmten Stadtmauern gewesen sein sollen.

[25]  Shiji, juan 6, Qin Shihuang benji 6

[26]  Fryer (1975) gibt einen anderen, interessanten Grund für dieses Bauprojekt an, als den, die Barbaren fernzuhalten: Demnach hätte Qin Shihuangdi den Mauerbau befohlen, um die nach der Vereinigung beschäftigungslos gewordenen Soldaten zu beschäftigen, die sonst als umherstreifende und marodierende Söldnertruppen für Unruhen im Reich gesorgt hätten. (S. 50, er nimmt dabei anscheinend Bezug auf eine ebenso lautende Stelle bei Geil (1909): S. 206) .Diese Begründung ist in meinen Augen zwar sehr interessant und nicht ganz von der Hand zu weisen, allerdings hätte sich bestimmt eine bessere Beschäftigung für die Soldaten gefunden, als sie an der Mauer zu verschwenden.

[27]  Shiji, juan 88, Meng Tian liezhuan, 28

[28]  Zu den Reformen und Maßnahmen der Qin-Herrscher sowie deren Anfänge siehe unter anderem Cotterell (1981).

[29]  Aus dieser Zeit rühren bekannte Legenden, wie die der Meng Jiang nü 蒙姜女, die an der Mauer um ihren beim Bau umgekommenen Ehemann trauerte und deren Tränen die Mauer einstürzen und die Gebeine ihres Mannes freigeben ließ, her. Siehe zu dieser Geschichte Needham (1948) oder Lu (1957). Solche und andere Legenden geben immerhin ein ungefähres Bild dessen wieder , was die Volksseele im Zusammenhang mit dem Mauerbau zur damaligen Zeit empfunden hat. Von Möllendorf (1881) zitiert dazu ein Volkslied aus einer Stelle im Shuijing (Shuijing, juan 3), wo man, wenn einem Söhne geboren wurden, diese verstecken sollte, damit sie nicht zum Fron herangezogen werden konnten. Fryer (1975) gibt in seiner Beschreibung zu den Legenden, die sich um die Mauer ranken, ein Bild dessen wieder, wie das Volk „gelitten haben soll“.

[30]  so z.B. ein Aufstand unter Chen She, dem sich der alte Adel aus dem ehemaligen südlichen Fürstentum Chu mit seinen Gefolgsleuten anschloss (siehe auch Kapitel 2)

[31]  Im Hanshu 漢書 werden zahlreiche solcher Einfälle geschildert. Siehe dazu die Herrscherannalen sowie die Abhandlung über die Xiongnu, Hanshu, juan 94 shang/xia, Xiongnu zhuan 60. So z.B. Hanshu, juan 6, Wudi ji, 5: „Im Herbst drangen die Xiongnu in den Westen von Liao ein und töteten den Präfekten,; sie fielen in Yuyang und Yanmen ein, besiegten sämtliche Offiziere und töteten wenigstens mehr als 3.000 Menschen.“ „Im Sommer fielen die Xiongnu in Dai, Dingxiang und Shangjun ein und töteten wenigstens mehrere 1.000 Menschen“ u.ä.

[32]  Wie Sir Mark Aurel Stein auf seinen zahlreichen archäologischen Expeditionen entdeckt hat. Siehe Bibliographie im Anhang.

[33]  Hanshu, juan 6, Wudi ji 5: „(Sie) gingen von Yunyang aus, zogen durch Shangjun, Xihe und Wuyuan, überschritten die lange Mauer, zogen nordwärts nach Danyutai und erreichten Shuofang nahe dem nördlichen Fluss. Die befehligte Armee umfasste 180.000 Berittene. Banner und Flaggen zogen mehr als 1.000 li weit und mit (ihrer) Kraft erschreckten sie die Xiongnu.“

[34]  Solche Umsiedlungsprojekte wurden bereits unter dem ersten Kaiser durchgeführt, konnten sich aber in der kurzen Dauer der Qin-Dynastie nicht beweisen und wurden mit Beginn des Zerfalls der Qin wieder fallengelassen.

[35]  So ist es auch zu erklären, dass sich in den Dynastiegeschichten der frühen und der späteren Han, im Vergleich zum Shiji, nur wenige Verweise auf die bzw. auf eine Mauer finden lassen.

[36]  Das Hou Hanshu 後漢書, die Geschichte der späteren Han (25-220 n.u.Z.), enthält leider keine Informationen, die uns ein Bild von der Mauer in dieser letzten Phase des Hauses der Han ermöglichen, sondern erwähnt sie lediglich im Rückgriff auf Ereignisse, die sich unter dem ersten Kaiser, Qin Shihuangdi, ereigneten. Ein Indiz für die relative „Unwichtigkeit“ der Mauer zu jener Zeit.

[37]  Weishu, juan 3, diji 3, Ming Yuan. Demnach also unter der Herrschaft von Kaiser Mingyuan 明元 (reg. 409-423 n.u.Z.). Zur geographischen Bestimmung siehe von Möllendorf (1881): S. 102. Diese Stelle findet sich auch im Beishi 北史 (Beishi juan 1, Wei benji 1).

[38]  Bei Qishu, juan 4, diji 4, Wen Xuan. Betrachtet man alle Angaben zu den Mauern in diesem Werk, dann erhält man folgendes Bild: Bereits 552 n.u.Z. begannen die Herrscher von Qi im Westen mit dem Bau einer ca. 400 km langen Mauer als Schutz gegen den westlichen Nachbarn, die spätere Dynastie der nördl. Zhou. Zusätzlich errichtete man im Norden entlang der ganzen Grenze einen 1.500 km langen Wall gegen die Steppenvölker und weiter im Süden eine 200 km lange Mauer, um die Verteidigung zu stärken.

[39]  Bei Zhoushu, juan 7, diji 7, Xuandi. Von Möllendorf übersetzt hier mit „die große Mauer“. Siehe von Möllendorf (1881): S. 107. Außerdem hält er fest, dass an dieser Stelle zum ersten Mal eindeutig von Reparaturmaßnahmen geredet wird, und sie angesichts der „pedantischen Genauigkeit der chinesischen Autoren den Schluss zulässt, dass die anderen Stellen, wo Reparaturen nicht (ausdrücklich) erwähnt werden, stets auf Neubauten hinweisen.“

[40]  Z.B. Suishu, juan 1, diji 1, Gaozu shang: „Am Tag dinghai (im 6. Jahr; 586 n.u.Z.) entsandte er (Kaiser Wendi, reg. 581-605 n.u.Z.) 110.000 Männer, um die große Mauer auszubessern. Nach 20 Tagen [waren die Arbeiten] fertig.“

[41]  Fryer (1975): S. 116. In dieser Passage weist er richtigerweise darauf hin, dass es in alten chinesischen Texten meistens nicht beabsichtigt war, absolute Zahlen nennen zu wollen, sie aber, wenn sie einmal auftauchte, eher figurativer Natur waren. So steht das chinesische Zahlzeichen für Hunderttausend (萬 wan) lediglich für eine sehr große, nicht genauer bezifferbare Menge.

[42]  Von Möllendorf führt als Indiz dafür das Fehlen von Belegstellen in den beiden Geschichtswerken über die Tang-Dynastie an (von Möllendorf (1881): S 109). Allerdings gibt es vor allem im Xin Tangshu 新唐書, der neuen Geschichte der Tang, mehrere Stellen, an denen auf die Mauer bzw. die Mauern der Vorgänger hingewiesen wird. Z.B. ein Eintrag für das Jahr 628 n.u.Z. in der Abhandlung über die Turkvölker (Xin Tangshu, Tujue shang, liezhuan 140): „Du Ruhui sprach [...] des weiteren bat er darum, dass die alten Mauern wiederhergestellt würden.“ Allerdings folgten die Herrscher solchen Empfehlungen nicht und überließen die Mauern sich selbst (z.B. Xin Tangshu, dili san, zhi 29: „Im Südosten, 80 li entfernt, gab es auf den Pferdehügeln eine lange Mauer, die von Pingcheng bis Lukou 300 li lang war und im ersten Jahr zhenguan (627 n.u.Z.) aufgeben wurde.“)

[43]  Es gelang den Tang dennoch bis weit in den Süden der koreanischen Halbinsel hinein vorzudringen. Drège (1991a): S. 39

[44]  Zur Geschichte dieser Epoche siehe Gernet (1988): S. 199-251. Eine erzählerische Darstellung der damaligen Ereignisse rund um die Mauer findet sich bei Fryer (1975): S. 125-136.

[45]  Fryer (1975): S. 128.

[46]  Es finden sich keinerlei nennenswerten Hinweise in den Dynastiegeschichten, die über diesen Zeitraum berichten.

[47]  Dai (1991a): S. 46.

[48]  Dies belegt z.B. eine Stelle aus dem Mingshi, bing san, zhi 67, wo es bereits am Anfang heißt: „Die Yuan kehrten aus dem Norden zurück und versuchten mehrmals, [ihre Herrschaft] zu restaurieren. Unter yongle (Kaiser Zhudi, reg. 1403-1424) wurde die Hauptstadt nach Norden verlegt, so dass sie an drei Seiten nah den Passgrenzen war und nach zhentong (Kaiser Yinzong, reg. 1436-1449) waren die Tage, an denen die Feinde Unfrieden brachten, viele.“ Siehe auch Dai (1991a): S. 49, Fryer (1975): S. 142, von Möllendorf (1881): S. 112.

[49]  Luo (1980): S. 3. Allerdings gilt anzumerken, dass man zu Beginn der Ming-Dynastie, wie es schon viele andere Herrscherhäuser zuvor taten, eher auf militärische Stärke und Expansion setzte, bevor man sich nach mehreren Niederlagen um die Mitte des 15. Jhr. zu einer mehr defensiv-passiven Politik entschied.

[50]  Von Möllendorf (1881: S. 118) kommt da zur gleichen Feststellung wie Fryer (1975: S. 146). Auch Geil (1909: S. 71) stieß bei seiner Reise auf Hinweise, dass in der Wanli-Ära 萬歷 (Regierungsdevise Shenzongs) intensiv an der Mauer gebaut wurde. Er schreibt: „Wan Li, at least, is so closely associated that in this part of the country many people speak not of the ’10.000-li-long Wall’, but of ‘Wan Li’s Wall’, both being pronounced Wanlich’ang Ch’eng.”

[51]  Diese Beschreibung ist eine zusammenfassende Darstellung des Mauerverlaufs, wie ihn Needham (1954) und Luo (1991a) beschrieben haben. Eine auf historische Quellen gestützte, ausführliche Schilderung des Verlaufs findet sich bei Möllendorf (1881) und in kürzerer Form bei Ye (1987).

[52]  Luo (1991a): S. 127, Needham (1954): S. 52. Needham führt dabei diese Linie bereits auf die Qin-Dynastie zurück, gibt allerdings dafür keine Quellen an, wohingegen Luo mit den gefundenen Inschriften argumentiert.

[53]  Needham (1954): S. 48. Er weist auf eine südliche Abzweigung hin, die evt. dem Verlauf eines Walls eines vorkaiserlichen Kleinfürstentums namens Zhongshan (ca. 5. Jhr. v.u.Z.), aber wohl eher einer Grenze zwischen zwei rivalisierenden Staaten der Wudai-Periode (907-979 n.u.Z.) folgt.

[54]  Needham (1954: S. 49) führt diese wiederum auf einen vom Fürstentum Wei 353 v.u.Z. errichteten Wall zurück.

[55]  Luo (1991a): S. 88. Diese Region war besonders umstritten, wie zahlreiche Stellen in den Dynastiegeschichten belegen, und daher konzentrierte man sich bei der Errichtung von Verteidigungsanlagen stets besonders auf dieses Gebiet.

[56]  Hier von einer Mauerlinie zu reden, wäre wohl unzutreffend, da in diesem Bereich mehrere, kleinere Mauerabschnitte zu finden sind, deren Herkunft ungewissen Datums sind (Needham (1954): S. 49).

[57]  Siehe Illustration Luo (1991a): S. 81.

[58]  Bis zum sogenannten „Jadetor“ 玉門關 Yumenguan.

[59]  Wheatley (1971): S. 32 ff. Demnach lässt sich dieses Verfahren bis in die Shang-Zeit (ca. 1766-1122 v.u.Z.) zurückverfolgen, da man bei Ausgrabungen shang-zeitlicher Siedlungen auf Plattformen gestoßen ist, die als Fundamente für die Behausungen dienten und mit Hilfe dieses Verfahrens errichtet worden waren. Man redet bei diesen Plattformen von 夯土 hangtu-Konstruktionen.

[60]  Needham (1954: S. 39) zitiert dabei Plinius (23 v. – 79 n.u.Z.)

[61]  Zur Bauweise siehe Needham (1954): S. 38 ff.

[62]  In Inschriften auf einigen Ziegeln, die in der Mauer verarbeitet wurden, kann man heute noch lesen, aus welchen Teilen des Reiches sie stammten.

[63]  Von Möllendorf (1881): S. 79 f. Luo Zewen unterscheidet der Bauart nach hingegen lediglich zwei Mauertypen: Die aus Backsteinen errichtete Mauer und der aufgeschüttete Lehmwall. (Luo (1991b): S. 133 u. 134)

[64]  Daher diente in Notzeiten die große Mauer an den verfallenen Abschnitten der lokalen Bevölkerung häufig als Materiallager für ihre Häuser. Needham (1954: S. 51) bezieht sich dabei auf ein Zitat aus dem Guixin zazhi, einer lokalen Monographie, die auf das Jahr 1298 datiert wird. Wie aus zahlreichen Legenden überliefert ist, sollen sogar die beim Bau umgekommenen Menschen in die Mauer eingearbeitet worden sein (siehe oben, Legende der Meng Jiang nü)

[65]  Von Möllendorf weist darauf hin, dass es sich dabei vielleicht um die Überreste einer aus Stein bestehenden, aber in sich zusammengefallene Konstruktion handelt, und daher dem zweiten Typus entsprechen könnte. Allerdings spricht dagegen, dass diese Steintrümmer regelmäßig aufgeschichtet, an der Basis ca. 2 Meter, an der Krone ½ Meter breit und insgesamt 2 ½ Meter hoch sind. (von Möllendorf (1881): S. 79 u. 80)

[66]  Ich folge dabei Fryer (1975) und Luo (1991c), von denen Letzterer anhand der mingzeitlichen Mauer die Organisationsstrukturen zu erklären sucht, da „hier die strategische Rolle der Mauer als eines vorgeschobenen Schutzschildes [...] besonders deutlich wird.“ (Luo (1991c): S. 140)

[67]  Mingshi, bing san, zhi 67

[68]  Die Forts beherbergten mehrere Kompanien unter den Befehlen von Unteroffizieren und mehrere Zivilpersonen. (Luo (1991c): S. 143)

[69]  Wie genau das System der Nachrichtenübermittlung funktionierte, ist uns anhand von Bambustäfelchen, die in verschiedenen Türmen an der Mauer gefunden worden sind, überliefert. Siehe dazu Luo (1991c): S. 148 ff. Das so ein System der Nachrichtenübermittlung auch seine Tücken haben konnte, zeigt eine Anekdote aus dem Shiji aus der frühen Zhou-Dynastie: Der junge König You (reg. 781-771 v.u.Z.) wollte seine miesgrämige Frau Bao Si zum Lachen bringen und erließ zu diesem Zweck den Befehl, alle Signalfeuer entlang der Grenzen zu entzünden, woraufhin alle Lehenfürsten mit ihren Heeren an den Hof eilten, in der Meinung, ein feindlicher Angriff stünde bevor. Dort wurde diesen aber eröffnet, dass es nur ein Fehlalarm gewesen sei, um die Königin zu unterhalten, und so kehrten sie wieder heim. Als dann kurze Zeit darauf tatsächlich ein feindlicher Angriff bevorstand und die Signaltürme Alarm gaben, blieben die Fürsten in ihren Lehen, in der Überzeugung, es sei wieder nur ein Scherz, und so musste das Haus der Zhou vor den Feinden nach Osten fliehen. (Shiji juan 4, Zhou benji 4) Siehe auch Fryer (1975): S. 22 f.

[70]  Nach Luo (1991c): S. 152. Leider ist es mir nicht gelungen, die Originalquelle dieses Zitats ausfindig zu machen, weshalb ich es an dieser Stelle nur unter Vorbehalt einfüge.

[71]  Luo Zewen fügt noch an: „Die Bastionen dienten dazu, eine größere Verteidigungsplattform zu schaffen; sie hatten dieselbe Höhe wie die Mauer, zu der sie eine Verbreiterung bildeten, waren ebenfalls mit Zinnen bewehrt und erlaubten, indem sie über die Mauerkrone nach außen hinausragten, Feinde am Fuße der Mauer zu entdecken und über die Außenflanken der Mauer mit Pfeilen und Armbrustbolzen, auch später mit Musketenfeuer, abzuwehren.“ (Luo (1991c): S. 147)

[72]  Viele Abhandlungen zur Mauer kommen zu derselben Einschätzung. Siehe z.B. von Möllendorf (1881): S. 99.

[73]  Von Möllendorf (1881: S. 99): „Weit entfernt damit die weltgeschichtliche Bedeutung [...] zu unterschätzen [...], suche ich diese Wirkung nur nicht in der direkten Vertheidigung, die der Wall ermöglichte, sondern hauptsächlich in den moralischen Einfluss, den er auf die Barbaren geübt haben muss.“

[74]  Siehe dazu Lattimore (1962)

[75]  Geil (1909): S. 208.

[76]  Siehe Shiji, juan 6, Qin Shihuang benji 6.

[77]  So glaubte man, dass die Mauer einen ungünstigen Einfluss auf ihre Erbauer ausübte, da z.B. Dynastien, die sich besonders um ihren Bau „verdient“ gemacht hatten, meist nur von kürzerer Existenz waren.

[78]  So teilte eine Bäuerin meiner Begleitung und mir bei einer Besichtigung der Mauer mit, dass der Verkauf von Postkarten für sie manchmal die einzige Einnahmequelle im Winter sei. Inwiefern nun diese Frau das ein­genommene Geld behalten konnte, oder ob sie es z.B. an lokale Amtsträger abführen musste, entzieht sich meiner Kenntnis, daher sei diese Aussage nur als Behauptung aufzufassen.

[79]  Siehe Yule (1916).

[80]  Siehe zu dieser Darstellung Fryer (1975).

[81]  Needham (1954): S. 56. Diese Darstellung der Sage um Gog und Magog findet sich auch im Koran wieder und arabische Expeditionen, die im Osten auf die Suche nach dieser „eisernen Barriere“ geschickt wurden, stießen tatsächlich auf ein Objekt, dass den Beschreibungen der Sage weitgehend entsprach: Die große Mauer von China. Nachrichten von diesen Entdeckungen drangen im Zuge der Kreuzzüge bis ins westliche Europa, wo es schließlich zu einer Vermischung von Legende und real existierendem Objekt kam. Fortan fand sich auf allen geographischen Karten der Welt die Mauer von Gog und Magog in China. (Siehe Fryer 1975: S. 160-162)

[82]  Es existieren Reisebeschreibungen von China bereits aus dem 13. und den folgenden Jahrhunderten, sowohl in der christlichen wie auch in der arabischen Welt, aber erstaunlicherweise findet sich in diesen kaum ein Hinweis auf die Mauer, weshalb man folgerte, dass zu jener Zeit die Mauer nahezu vollkommen zerfallen bzw. verrottet gewesen sein muss.

[83]  Die jesuitischen Missionare konnten aufgrund ihrer naturwissenschaftlichen Kenntnissen, vor allem in den Bereichen der Astronomie und der Kartographie, oft hohe Posten am Hofe der chinesischen Kaiser einnehmen und genossen so häufig den Status kaiserlicher Beamter.

[84]  Wilson (1991): S. 177-178. Siehe auch Cranmer-Byng (1963) sowie Fryer (1975): S. 173ff. und Waldron (1983): S. 648.

[85]  Barrow (1804). Siehe auch Wilson (1991): S. 177.

[86]  Geil (1909). Fryer (1975: S. 174) gibt zu Geil folgende Einschätzung: “Despite his butterfly mind and an inability to remain serious for more than three consecutive sentences, his tome on his 1908 journey [...] remains the classic description of the wall as it was and presumably still is, […]”

[87]  Z.B. bei Needham (1954), Fryer (1975), Waldron (1983), u.a. Dabei wurde in den letzten Jahrzehnten die Mauer auch zur „Untermauerung“ diverser Theorien herangezogen, so z.B. bei Owen Lattimore (1962) und seiner sozio-ethnologischen Auffassung von zwei unterschiedlichen Lebensweisen (Nomadentum und Sesshaftigkeit) als unvereinbare Elemente, was er am Beispiel der Mauer als Demarkationslinie zwischen den Nomaden der nördlichen Steppen und den sesshaften Chinesen im Süden zu beweisen versucht, oder bei K.A. Wittfogel (1957), der anhand der periodischen Restaurationen an der Mauer das Funktionieren einer hydraulischen Wirtschaft und regierungsgeführter Massenmobilisierung erklären will.

[88]  “But even such a simple description […] is not without difficulties. Consider […] the basic questions of where exactly the Wall runs, and what sorts of ruins survive.” (Waldron 1983: S. 644) Wie der heutige Stand der Wissenschaften diesbezüglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis, da mir neueres Material zur Mauer nicht vorliegt. Allerdings sollte es heute z.B. durch die moderne Satellitentechnik ohne weiteres möglich sein, zumindest den genauen Mauerverlauf zu determinieren, auch wenn Waldron (1983) in seinem Aufsatz hin­sichtlich der Satellitenaufnahmen auf eine Verwechslungsgefahr mit z.B. Straßen hinweist.

[89]  Siehe Kapitel 5.

[90]  Zu diesen Theorien siehe Waldron (1983): S. 649ff.

[91]  Hier sei noch einmal darauf hingewiesen, dass man erst seit der Ming-Zeit (1368-1644) von einer Mauer reden kann. Für die Zeit davor wäre es zutreffender von einer „erdwallartigen Verteidigungsanlage“ zu sprechen.

[92]  Zu diesem Komplex siehe Waldron (1983): S. 651 ff.

8. Autor und Copyrighthinweis

Dieser Beitrag wurde von
Björn Mahr, (geb. 23.2.1976), Student der Fakultät für Ostasienwissenschaften an der Ruhr Uni Bochum, im Rahmen einer Seminararbeit erstellt. Er studiert seit Oktober 1996 die Geschichte Chinas (seit Oktober 1998 Geschichte und Philosophie Chinas). Von Februar bis März 2002 nahm er an einer literaturhistorischen Exkursion nach Peking und in die zentralchinesische Provinz Hunan teil. Von Sommer 2003 bis 2004 studierte er an der Zhejiang University Hangzhou. Er strebt den Abschluss eines Magisters an. 

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