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Die neue
Hauptstadt Beijing – Architektur und Kosmologie |
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bedeutung der Stadt in
Ming-China
3. Gründe
für die Verlegung der Hauptstadt von Nanjing nach Beijing
4. Kosmologische
Konzepte der Architektur Beijings
4.1
Einführung in die philosophischen Vorstellungen
4.2 Beschreibung
entlang der zentralen Achse
5. Schlussbemerkungen
6. Literaturverzeichnis
7. Autor und Copyright
1. Einleitung
Die
vorliegende Hausarbeit wurde im Rahmen des Wahlpflichtmoduls Geschichte Ost-
und Zentralasiens verfasst. Sie handelt von den kosmologischen Prinzipien
nach denen Beijing unter dem Ming-Kaiser Chengzu aufgebaut wurde. Als
Orientierung dienten die Aufsätze von Arthur F. Wright „The Cosmology of the
Chinese City“ und Antoinne Gournay „Die Architektur der Verbotenen Stadt.
Der
Hauptteil der Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil werden die
Bedeutung der Stadt in China und die Unterschiede zur europäischen Stadt
behandelt. Hierbei diente der Aufsatz „Chinese Towns“ von Etienne Balazs als
primäre Quelle. Im zweiten Teil werden die Gründe für die Verlegung der
Hauptstadt nach Beijing dargelegt. Der dritte Teil ist untergliedert in eine
Einführung in die chinesischen Geistesschulen und in die Beschreibung der
Architektur.
In
der Arbeit wird die Pinyin-Umschrift verwendet. Ausgenommen sind wörtliche
Zitate, bei diesen wurde die Umschrift des Autors beibehalten. Chinesische
Zeichen stehen nur bei wichtigen Begriffen und Personen, die die Kosmologie
der Stadt, oder die Stadt selbst betreffen.
2. Bedeutung der Stadt in Ming-China
Um
die Architektur Beijings im Kontext der chinesischen Gesellschaft besser zu
verstehen, ist es wichtig, sich die unterschiedliche Bedeutung der Stadt in
der westlichen und der chinesischen Geschichte zu vergegenwärtigen.
Die
europäische Stadt war stets Handelszentrum und entwickelte sich meist um
einen Markt herum, der zugleich nahe an einem Verkehrsknotenpunkt lag. Durch
die zentrale Rolle des Handels wurden die Händler zu einer reichen und somit
auch einflussreichen Schicht. Als wirtschaftliches Zentrum erlangten viele
Städte sehr großen Reichtum und große Macht. Deshalb waren die Kaiser und
Könige in Europa stets bemüht, größeren Einfluss auf die Städte zu bekommen.
Die große Anziehungskraft der Stadt auf die Bevölkerung basiert nicht nur
auf dem wirtschaftlichen Reichtum der Städte, sondern auch auf dem
politischen Sonderstatus, den sie hatte. Die Stadt verfügte über ihre eigene
Verwaltung und eine eigene Gerichtsbarkeit. Ein weiteres Merkmal der
europäischen Stadt war die Bildung einer Bürgerschicht, der so genannten
Bourgeoisie, die eigene Bürgerrechte besaß, also der Landbevölkerung
gegenüber privilegiert war. Somit wurde mit der europäischen Stadt ein
Begriff der Freiheit verbunden. Dies zeigt sich auch in dem bekannten
Ausspruch „Stadtluft macht frei“. Aus dieser Gemengelage entwickelten sich
dann auch mächtige freie Reichsstädte und Stadtstaaten die bedeutende
Mitspieler auf der politischen Bühne jener Zeit waren, wie beispielsweise
Venedig.
Die
Entwicklung der Stadt in China steht hierzu in einem krassen Gegensatz. So
spielte die wirtschaftliche Betrachtung der Lage eigentlich keine Rolle. Es
waren vor allem politische Gründe und geomantische Erwägungen, die
ausschlaggebend bei der Bestimmung eines Standortes für eine Stadt waren.
Die chinesische Stadt war vor allem ein rituelles und symbolisches Zentrum,
das als Minireplik des Universums konzipiert war. Sie war Sitz der Regierung
und Verwaltung und diente dem Kaiser, als Himmelssohn, als Ort um Rituale
durch zu führen, die notwendig waren, um die Welt im Einklang zu halten, wie
zum Beispiel die rituelle erste Ausbringung der Saat. Sie war also Symbol
der Staatsautorität und nicht wie in Europa Symbol der Emanzipation oder
Freiheit der Bürger. Ganz im Gegenteil war man in der Stadt der staatlichen
Autorität am nächsten, wohingegen die Dörfer einen gewissen Grad an
Autonomie besaßen. Daher fanden die, die gegen die staatliche Macht
rebellierten auf den Dörfern und nicht in den Städten Zuflucht. So erklärt
sich auch, dass während im mittelalterlichen Europa die Landbevölkerung in
Massen in die Städte abwanderte, in China das Gegenteil der Fall war. Die
Menschen zog es aus der Stadt auf das Land, da sie dort vor der repressiven
Staatsmacht weitaus sicherer waren.[1]
In China war der Staat der Grundbesitzer und konnte so direkten Einfluss auf
das wirtschaftliche Geschehen in der Stadt ausüben. Hinzu kommt, dass dem
Handel in der konfuzianischen Staatsideologie nur geringe Achtung entgegen
gebracht wurde, ähnlich wie im christlichen Glauben des Mittelalters dem
Bankenwesen gegenüber. Aus diesen Gründen sahen sich die Kaufleute ständiger
Repressionen durch den konfuzianischen Gelehrtenbeamten ausgesetzt,
wohingegen in Europa der Grundbesitz in der Hand reicher Großgrundbesitzer
lag. Die Entwicklung freier Reichsstädte oder gar Stadtstaaten und dem
daraus resultierenden Einfluss war in China also undenkbar.
3. Gründe für die Verlegung der Hauptstadt von
Nanjing nach Beijing
Schon von Beginn der Ming-Dynastie (Mingchao 明朝, 1368-1644) an gab es
Überlegungen, die Hauptstadt zu verlegen. Zwar war Nanjing in der
fruchtbaren Ebene am Unterlauf des Changjiangs wirtschaftlich günstig
gelegen. Es war jedoch auch weit von den Grenzen des Reiches entfernt, die
es stets zu verteidigen galt, wie beispielsweise die nördlichen Grenzen die
von ständigen Angriffen der Mongolen bedroht waren.
Bei
dem Umzug unter Kaiser Chengzu (成祖) spielten diese Überlegungen wohl zum
Teil auch eine Rolle. Ausschlaggebend war aber wahrscheinlich die Tatsache,
dass sich seine Machtbasis im Norden befand, da er dort früher als Prinz von
Yan seine Ländereien besaß. Des Weiteren war der Usurpator Chengzu stets um
seine Legitimierung besorgt. Er hatte Nanjing durch einen gewaltsamen
Umsturz übernommen, daher stellte die Stadt auch immer eine Erinnerung an
den gestürzten Kaiser Huidi, seinen Neffen, dar. Somit bot der Umzug nach
Beijing die Möglichkeit einen Schlussstrich zu ziehen. Für eine
Verdeutlichung der Legitimation spricht ebenfalls, dass die Hauptstädte der
Vorgängerdynastien immer nördlich gelegen waren. Darüber hinaus verlieh es
kaiserlichen Ansprüchen Autorität, sich auf das Altertum oder vorangegangene
Dynastien zu berufen.
Ein
weiterer Grund für die Wahl Beijings als neue Hauptstadt war das expansive
Bestreben Kaiser Chengzus, der als „warrior emperor“[2]
in die Geschichte einging. Beijing war für militärische Operationen gegen
die Mongolen strategisch gut gelegen. Hinzu kommt auch, dass der Umzug die
Möglichkeit bot, eine Stadt nach den tradierten chinesischen
Idealvorstellungen, wie sie beispielsweise im Buch der Riten der Zhou (Zhouli
周礼) beschrieben werden, einer Hauptstadt zu errichten.
4. Kosmologische Konzepte der Architektur
Beijings
4.1. Einführung in die philosophischen
Vorstellungen
Die
Wurzeln der kosmologischen Vorstellungen, die beim Städtebau Anwendung
finden, gehen bis weit in die Geschichte der chinesischen Kultur zurück.
Legendäre Aufzeichnungen gibt es bereits über die Zhou-Zeit (1045? v.
Chr.-256 v. Chr.) so wie in der Ode Mien aus dem zu den konfuzianischen
Klassikern gehörigen Buch der Lieder. In dieser wird das Orakel zur
Bestimmung des Ortes befragt, an dem die Stadt errichtet werden soll und der
Bau einer Ahnenhalle zur Verehrung der Vorfahren und die Errichtung eines
rituellen Erdhügels beschrieben. Im Buch der Lieder wird auch die
Ausrichtung der Stadt an den Himmelsrichtungen und der Bau von Stadtmauern
in quadratischer oder rechteckiger Form beschrieben.[3]
Diese Beispiele zeigen drei der zentralen Zhou-Kulte, die sich auch generell
im chinesischen Denken verankert hatten. Erstens, die Verehrung der
„Erdgottheit“, wobei diese eine lokale Gottheit war, von der jede Stadt und
jedes Dorf ihre eigene besaß. Der Altar dieser Gottheit wurde von derartig
zentraler Bedeutung, dass man auch bei der Vernichtung eines Staates von „the
ruin of their altars of earth and of crops.“[4]
sprach. Der zweite Kult drehte sich um die Verehrung der Ahnen. Die
Bedeutung dieses Kultes wird deutlich, wenn man bedenkt, dass siegreiche
Eroberer Tempel für die Ahnen der Besiegten errichten ließen. An dritter
Stelle ist die Verehrung des Himmels zu nennen. Diese Gottheit stellte die
höchste Instanz dar. Sie war Herrscher sowohl über die Welt der Geister als
auch über die der Menschen und verlieh den Königen durch das Himmlische
Mandat das Recht zum Herrschen. Diese drei Kulte stehen für die drei Ebenen
aus denen nach chinesischer Tradition das Universum aufgebaut war. Die
quadratische Erde, der runde Himmel und der Mensch, oder das Menschliche,
dazwischen. Diese Dreiheit war ein Grundgedanke der chinesischen
Geistesgeschichte und somit auch des Städtebaus in China. Aus ihr ergibt
sich auch die wichtige rituelle Bedeutung der Zahl Drei. Die Annahme dieser
Dreiheit blieb auch bei Dynastiewechseln bestehen, wobei die jeweils
vorherrschende Lehrmeinung diesen Grundsatz unterschiedlich auslegte. So
entstand im Laufe der chinesischen Geschichte ein reicher Körper an
kosmologischen Traditionen, die auf den Städtebau wirkten. Diese
kosmologischen Vorstellungen waren jedoch noch nicht zu einer festen
Tradition zusammengefasst. Eine Systematisierung fand in der Han-Dynastie
(206 v. Chr.-220 n. Chr.) unter Kaiser Wu (141-87 v. Chr.), in der
sogenannten „Han synthesis“[5]
statt. Einer der Hauptbegründer dieser Synthese war Dong Zhongshu (董仲舒, ca.
179-ca. 104 v. Chr.). Ziel der Han-Synthese war es, unter dem Leitmotiv des
Konfuzianismus, eine umfassende Lehre zur Erklärung des Kosmos zu schaffen,
diese als alleinige Staatsideologie zu etablieren und die anderen
philosophischen Schulen auszuschalten. Das geschah, in dem Teile eben dieser
verschiedenen Schulen mit in diesen neu geprägten Konfuzianismus integriert
wurden. Dabei wirkte die Fünf-Elemente-Theorie (Wu Xing五行) als eine Art
Katalysator, durch den die unterschiedlichen Schulen verbunden wurden. Das
Fünf-Elemente-Prinzip ordnet alle Dinge und Geschehnisse entweder Wasser,
Feuer, Metal, Holz oder Erde zu. Zum Beispiel werden diesen Elementen fünf
Himmelsrichtungen zugeordnet (in der gleichen Reihenfolge) Norden, Süden,
Westen, Osten und das Zentrum. Diese fünf Elemente bewegen sich zyklisch und
daraus ergeben sich fünf Wandlungsphasen. Das Prinzip der fünf
Wandlungsphasen ist ebenfalls ein weit verbreiteter Name für das Wu Xing.
Dieser Name trifft auch den Kern dieser Theorie, denn es sind die fünf
Wandlungsphasen, die das Universum ordnen und den Lauf der Dinge bestimmen.
Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch das Buch der Riten der Zhou, das
Zhouli.[6]
In diesem Buch ist der letzte Abschnitt für den Städtebau sehr bedeutend, da
hier eine genaue Anleitung zum Bau einer Stadt nach den zusammengefassten
Regeln des Yin (阴) und Yang (阳), der Fünf-Elemente-Schule sowie den
sonstigen verschiedenen chinesischen Geistesströmungen gegeben wird. Das
Zhouli beinhaltet in diesem Zusammenhang auch die Darstellung eines
Zahlensymbolismus, der sich aus den unterschiedlichen kosmologischen
Prinzipien ergibt. Dies ist zum größten Teil bei dem Bau Beijings umgesetzt
worden.
4.2. Beschreibung entlang der zentralen Achse
An
der Architektur Beijings lassen sich einige Kernpunkte sowohl dieser lang
tradierten Prinzipien als auch der eng damit verbundenen Schule der
Geomantik, des Feng Shui (风水), sehr gut aufzeigen. Grundgedanke der Lehre
des Feng Shui ist, dass der Kosmos und alle Dinge in ihm aus einer
Ursubstanz bestehen und deren unterschiedliche Dichte und positive oder
negative Aufladung über ihre Form entscheiden. Das Ziel, verkürzt gesagt,
ist es einen harmonischen, positiven Fluss dieser Ursubstanz, des so
genannten Qi (气), zu erreichen. Dies geschieht durch Berücksichtigung der
Landschaft des Standortes der Stadt. Diese kosmologischen Vorstellungen
werden in einer Passage des Zhouli, zitiert nach Arthur F. Wright,
zusammengefasst. In dieser Passage heißt es: „Here, where Heaven and Earth
are in perfect accord, where the four seasons come together, where the winds
and the rains gather, where the forces of yin and yang are harmonized, one
builds a royal capital.“[7]
Die
Lage Beijings ist nach diesen geomantischen Gesichtspunkten geradezu
perfekt. Der Norden ist nach dieser Lehre die Yin-Seite, aus der mit den
Steppenwinden negatives Qi fließt. Hiervor schützen die nördlich und
westlich gelegenen Jishan-Berge. Des Weiteren fließen Flussläufe in
südöstlicher Richtung an Beijing vorbei, die in den Golf von Bo Hai münden.
Wasser hat nach Feng Shui eine überaus reinigende Kraft und der Süden ist
die Himmelsrichtung des positiven Yang. Die Flussrichtung von Norden nach
Süden bewirkt, dass die negative Energie aus der Stadt heraus geschwemmt
wird.[8]
Schon auf der nächsten Ebene, dem Grundriss,
wird wieder die symbolische Bedeutung der Stadt deutlich. Der Grundriss geht
auf die Errichtung Dadus unter Khubilai Khan (1215-1294) zurück. Beim Bau
seiner Hauptstadt folgte er größtenteils der chinesischen Kosmologie des
Städtebaus. Diese Struktur wurde auch von Chengzu beim Bau Beijings in
weiten Teilen übernommen. Jedoch richteten sich die Erbauer unter den Ming
hauptsächlich nach den Vorgaben des Zhouli. So wurden die Stadtmauern, unter
den Mongolen noch ein Rechteck bildenden, in eine nahezu perfekte
quadratische Form gebracht. Das geschah in dem die nördliche Mauer versetzt
wurde. Unter mongolischer Herrschaft waren es an jeder Seite, mit Ausnahme
der nördlichen, drei Tore, die die Stadtmauer unterbrachen. In der
nördlichen Mauer wurde das Mittlere der drei Tore ausgespart um die zentrale
Nord-Süd-Achse nicht negativem Qi auszusetzen. Die Ming verringerten die
Zahl der Tore auf neun, wie im Zhouli vorgeschrieben. Die Zahl Neun hat zum
einen symbolische Kraft, da sie die Potenz aus dreimal Drei ist, zum anderen
steht sie für die neun Urprovinzen in die der legendäre Kaiser Yu die Welt
im Altertum einteilte.
Die
eben erwähnte Zentralachse mit ihrer exakten Nord-Süd-Ausrichtung ist von
sehr großer Bedeutung, da Beijing an ihr ausgerichtet ist. An dieser, welche
auch die breiteste Straße bildet, reihen sich von Süden nach Norden die
wichtigsten Gebäude auf, wobei im Zentrum die Verbotene Stadt direkt auf der
Achse liegt. Im Süden sind auf der westlichen Seite der Tempel des Ackerbaus
(Xiannongtan) und auf der östlichen Seite das Opfergelände des Himmels (Tiantan
天坛).
Diese Tempelanlagen sind in sich von den kosmischen Prinzipien des Yin und
Yang bestimmt und ihre Zentralachsen sind auch nach Süden hin ausgerichtet.
Dem Yin wird die Erde zugeschrieben. Das Quadrat und die geraden Zahlen
gehören ebenfalls dem Yin an. Der Tempel des Ackerbaus folgt daher diesem
Prinzip, beispielsweise hat er einen quadratischen Grundriss und eine
zweifache Terrasse, die achtstufige Treppen besitzt.[9]
Da das Yang das himmlische Prinzip ist, steht das Opfergelände des Himmels
in seinem Zeichen. Zeichen des Yangs sind unter anderem der Kreis und die
ungeraden Zahlen. Bei den ungeraden Zahlen ist, neben den schon
beschriebenen Zahlen Drei und Neun, die Zwölf noch von großer Bedeutung. Sie
steht für die zwölf Jahresabschnitte und die zwölf Tierkreiszeichen. Der
Grundriss beschreibt ein horizontales Rechteck, dessen obere Ecken
abgerundet sind. Er steht für die Gesamtheit des Kosmos, der quadratischen
Erde unten und dem runden Himmel oben. Diese Struktur wiederholt sich in den
zwei Hauptkomplexen der Anlage. Der Altar des Himmels im Süden wird von
einer quadratischen Mauer, die an jeder Seite jeweils drei Eingänge hat,
eingefasst. Der Altar selbst besteht aus drei runden, aufeinander liegenden
Marmorterrassen. Den Komplex um die Halle der Jahresgebete, der Tempel des
Himmels, im Norden umgibt eine rechteckige Mauer. Diese hat ebenfalls
jeweils drei Tore an jeder Seite. Das Fundament der Halle wird von drei
Marmorterrassen gebildet. Die drei Treppenabsätze der Terrassen bestehen
jeweils aus neun Stufen und die Geländerabschnitte zwischen den Treppen
haben neun Pfosten. Die Halle selbst hat wiederum ein dreistufiges Dach und
wird von zwölf Pfeilern getragen. Die zwei Altaranlagen des Tempels und des
Altars des Himmels liegen exakt auf der zentralen Achse des Geländes. Diese
beschreibt den „heiligen Weg“ (Shenlu)[10],
der mit dem Haupttor im Süden beginnt und in die, dem Himmel entgegen
strebende, vertikale Achse der Halle der Jahresgebete mündet. Dieser
Übergang der horizontalen in die vertikale Achse symbolisiert das Verhältnis
zwischen Irdischem und Himmlischem.[11]
Die Tempelanlagen und die umliegenden
Stadtviertel befanden sich anfangs noch vor den Mauern Beijings. Sie wurden
erst 1552 mit einer Stadtmauer umschlossen.
Folgt man der zentralen Achse Beijings weiter, betritt man durch das „Tor
der Mittagssonne“ (Zhengyangmen) den äußeren Stadtring des eigentlichen
Ming-Beijing. In ihm befinden sich die Wohnviertel der normalen Bewohner.
Weiter entlang der Zentralachse gelangt man durch das „Tor des Himmlischen
Friedens“ (Tiananmen) in die Kaiserliche Stadt (Huangcheng皇城). Ihre Mauern,
ebenso wie die der Verbotenen Stadt (Zijincheng 紫禁城) im Zentrum der
Kaiserlichen Stadt, dienten zwar auch der Verteidigung und dem Schutz, ihre
wichtigere Funktion war jedoch die symbolische Abgrenzung und die
Zurschaustellung der Macht des Kaisers.[12]
Vor dem Kaiserpalast, der Verbotenen Stadt, befinden sich der Altar der
Götter des Bodens und der Feldfrüchte (Shejitan) und der kaiserliche
Ahnentempel (Taimiao). Letztgenannter auf der Ostseite, der andere auf der
Westseite der zentralen Straße. Die Nähe zum Zentrum verdeutlicht hier
wieder die Wichtigkeit der Kulte um die Ahnen und die Erdgottheiten. An der
nördlichen Seite der Verbotenen Stadt erhebt sich ein künstlich geschaffener
Hügel, der Wansuishan.[13]
Die Bedeutung des Hügels ist nicht klar ersichtlich. Wright schreibt hierzu:
„[…] hill’s location […] and its contours […] strongly suggests the
influence of Taoism and of feng-shui theories, but I have found no textual
evidence for this.“[14]
Durch das Mittagstor (Wumen) betritt man die
wichtigste Anlage Beijings, die Verbotene Stadt. Die zentrale Lage des Baus
verdeutlicht dies.[15]
Sie war Residenz des Himmelssohns, des Kaisers, und sollte den „[…] Eindruck
von Weite und Größe, die die Macht des »Reiches unter dem Himmel« und die
Größe dessen, der es beherrscht, sichtbar machen[…]“.[16]
Der Komplex gliedert sich in den Äußeren Hof (Waichao) und den Inneren Hof (Neichao).
Der Inneren Hof wurde von dem Kaiser, der Kaiserin und seinen Konkubinen
bewohnt. Im Äußeren Hof fanden der Großteil der Hofrituale und das
politische Tagesgeschäft des Kaisers statt. Die Zahlensymbolik des Zhouli
ist in der Verbotenen Stadt allgegenwärtig. Zum Beispiel führen vom
Mittagstor aus fünf Brücken auf einen Platz über den man durch drei Tore auf
den Platz gelangt, auf dem sich die zentrale Palastanlage befindet. Diese
besteht aus drei Hallen: der Halle der Höchsten und Mittleren Harmonie und
der Halle zur Erhaltung der Harmonie, welche sich auf einer dreistufigen
Terrasse befinden.[17]
Das Tor des Göttlichen Kriegers (Shenwumen) ist der nördliche Ausgang aus
dem Kaiserpalast.
Nach dem Gelände des künstlichen Hügels wird die Straße auf der zentralen
Achse wieder fortgesetzt. Sie verlässt die Kaiserliche Stadt durch das Tor
des Irdischen Friedens (Di’anmen) und an ihrem Ende liegen der Trommelturm (Gulou
鼓楼) und dahinter der Glockenturm (Zhonglou 钟楼). Die zwei Türme verkündeten
den Bewohnern die Zeit und bestimmen so den die Stadt bestimmenden
Rhythmus.
5.
Schlussbemerkungen
Die
oben ausgeführten Betrachtungen zeigen, die großen Unterschiede des
Städtebaus in China und in Europa, die auf die grundsätzlich andere
Entwicklung und Bedeutung der Stadt zurückgehen. Des Weiteren wird deutlich,
dass die traditionelle chinesische Architektur eine komplex strukturierte
Ideenwelt und die daraus resultierende Symbolik widerspiegelt.
Bei
der Bearbeitung des Themas stellen sich vor allem zwei Probleme. Das eine
ist der recht lichte Fundus an Sekundärliteratur. Das andere ergibt sich bei
dem Versuch der Ausdifferenzierung der einzelnen Geistesschulen, da ihre
Grenzen sehr fließend sind. Wobei dies vielleicht nicht als Problem zu
verstehen ist, da gerade die Verschmelzung der verschiedenen philosophischen
Traditionen den Kern des Verständnisses der Kosmologie der Stadt bildet. So
kann man zwar einzelne Aspekte der Symbolik nur unter dem Blickwinkel einer
Lehrmeinung betrachten, der eigentliche Sinn ist aber nur in der Gesamtheit
der Traditionen zu verstehen.
6.
Literaturverzeichnis
Balazs,
Etienne. Chinese Civilization and Bureaucracy. New Haven, Yale University
Press, 1964.
Chan,
Hok Lam. „The Chien-wen, Yung-lo, Hung-hsi, and Hsüan-te reigns“. In:
Frederick W. Mote, Dennis Twitchett (Hrsg.), The Cambridge History of China
Part 7.
Gournay, Antoine. „Die Architektur der Verbotenen Stadt“. In: Reiss Museum
Mannheim, Die Verbotene Stadt. Mainz, Verlag Philipp von Zabern, 1997.
Graham, A.C.. Disputers of the Tao. La Salle, Open Court Publishing Company,
1989.
Mote,
Frederick. W.. Imperial China 900-1800. Cambridge, Mass., Harvard University
Press, 2003.
Wright, Arthur F.. „The Cosmology of the Chinese City”. In: G.W., Skinner (Hrsg.),
The City in Late Imperial China. Stanford, Stanford University Press, 1977.
Seckel,
Dietrich. Einführung in die Kunst Ostasiens. München, R. Piper & Co. Verlag,
1960.
[1]
Vgl. Etienne Balazs, Chinese Civilization and Bureaucracy. New Haven,
Yale University Press, 1964, S.70.
[2]
Frederick W. Mote, Imperial China. Cambridge, Mass., 2003, S.599.
[3]
Vgl. Arthur F. Wright, “The Cosmology of the Chinese City”. In: G. W.
Skinner (Hrsg.), The City in Late Imperial China, Stanford, 1977, S.35,
36.
[4]
Arthur F. Wright, S.39.
[5]
Arthur F. Wright, S.45.
[6]
Vgl. Arthur F. Wright, S.46.
[7]
Arthur F. Wright, S.47.
[8]
Vgl. Antoine Gournay, „Die Architektur derVerbotenen Stadt“. In
Reiss-Museum Mannheim, Die Verbotene Stadt, Mannheim, 1997,
S.69,70.
[9]
Vgl. Dietrich Seckel, Einführung in die Kunst Ostasiens, München, 1960,
S.20.
[10]
Dietrich Seckel, S.22.
[11]
Vgl. Dietrich Seckel, S.22.
[12]
Vgl. Antoine Gournay, S.85.
[15]
Vgl. Antoine Gournay, S.70.
[16]
Antoine Gournay, S.71.
[17]
Vgl. Antoine Gournay, S.76/77.
7.
Autor und Copyrighthinweis
Dieser Beitrag wurde von David Hildebrand im Rahmen einer
Seminararbeit am Institut für Orient- und Asienwissenschaften an
der Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn im WS 2005 / 2006 erstellt.
Es ist ohne
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Oktober 2007 |